Die Bundesrepublik Deutschland wird ihr ökonomisches und politisches Gewicht niemals gegen, sondern stets für Europa einsetzen. Für dieses Prinzip steht die CDU Deutschlands seit ihrer Gründung. Keine andere politische Kraft in unserem Land ist diesem Gedanken so verpflichtet wie die CDU. Er ist aus den persönlichen Erfahrungen prägender Christdemokraten gewachsen und ruht auf einem Bewusstsein für die Verantwortung, die sich aus Deutschlands Geschichte und Geografie ergibt. Besonders sichtbar wurde dieses Verständnis in zwei Kanzlerschaften, die sowohl die Bundesrepublik als auch die CDU zutiefst geprägt haben: in jener Konrad Adenauers und jener Helmut Kohls. Unsere heutige Politik ist diesen Erfahrungen verpflichtet.
Es geht um die Frage nach dem Platz für deutsche und europäische Macht. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Menschheitsverbrechen der Schoah war deutsche Macht diskreditiert. Konrad Adenauer wusste, dass neues Vertrauen nur durch Einbindung – ja: durch deutsche Selbstbeschränkung – entstehen konnte. Seine Politik der Westbindung führte die junge Bundesrepublik in die noch entstehenden europäischen Strukturen, die später in der Europäischen Union aufgingen. Heute sehen wir, dass das vereinte Deutschland darin seinen Platz gefunden hat.
Auf dem ersten Parteitag der CDU in der britischen Besatzungszone 1946 sagte Adenauer: „Von der Lösung der deutschen Frage ist das Schicksal Europas abhängig. Das Geschick Deutschlands ist auch das Geschick Europas.“ Die Integration in gemeinschaftliche Institutionen, die enge Partnerschaft mit Frankreich und die Westbindung sind das Vermächtnis der Adenauer‘schen Politik, auf dem unser Land bis heute gründet.
Machtwahrnehmung in der Tradition Adenauers und Kohls
Mit dem Ende des Kalten Krieges stellte sich die Frage nach der Rolle deutscher und europäischer Macht erneut: Welche Rolle wird Deutschland, dieses mächtige Land in der Mitte des Kontinents, spielen? Damit verband sich stets die Frage nach der Stabilität Europas. Ein vereintes Deutschland weckte in Europa alte Sorgen. Der überzeugte Europäer Helmut Kohl begegnete diesen Ängsten mit einem klugen und entschlossenen Bekenntnis zu einer vertieften europäischen Integration. Der Vertrag von Maastricht und die Währungsunion waren nicht nur wirtschaftliche Projekte, sondern auch ein politisches Signal: Deutschland wird eingebunden bleiben, es fügt sich in die europäische Ordnung ein und gestaltet sie mit. Diese Botschaft gilt bis heute. Deutschland strebt nicht nach Dominanz, sondern handelt in dem Bewusstsein, dass es seine Stärke zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt, dass es in eine starke Europäische Union eingewoben ist und bleibt.
Helmut Kohl verstand deutsche Macht vor allem als europäische Verantwortung. Deutschlands Größe und wirtschaftliche Stärke verpflichteten dazu, Stabilität zu sichern und die europäische Einigung weiter voranzutreiben. Gleichzeitig setzte Helmut Kohl auf Partnerschaft und auf institutionelle Lösungen. Für ihn war Europapolitik kein Nullsummenspiel. Ebenso für Kohl wie für Adenauer war Europa eine Lebensaufgabe, ein Auftrag.
Mit der Deutschen Einheit fand der „lange Weg nach Westen“, wie es der Historiker Heinrich August Winkler genannt hat, für Deutschland seinen vorläufigen Abschluss. Deutschland war nicht nur ein fester Teil, sondern ein Kernland der Europäischen Union. In dieser Europäischen Union ist auch die Idee des Westens verankert, jener Wertegemeinschaft, die mit der Aufklärung ihren Siegeszug durch die liberalen und später demokratischen Gesellschaften in Europa, den USA und weit darüber hinaus angetreten hat. 250 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist die Rückbesinnung auf diese Werte von großer Aktualität. Erneut kommt es in diesen Zeiten auf Deutschland und auf eine starke Europäische Union an. Denn die liberalen Gesellschaften und die von ihnen getragene regelbasierte Ordnung sind unter Druck geraten.
Die Welt sortiert sich neu
Wir haben uns in Europa zu sehr darauf verlassen, dass die Kraft der humanistischen, europäisch-westlichen Ideen die Welt insgesamt wie von Zauberhand in ein Reich der Freiheit und des Friedens verwandeln würde. Wir haben uns geirrt. Aber den Irrtum dieses falschen Optimismus heute einzusehen, heißt nicht, die Zuversicht aufzugeben, dass Menschen in Freiheit und Frieden miteinander leben können. Europa kann erneut seine Kraft dafür einsetzen, dass auch in Zukunft Normen und Regeln statt Willkür und das Recht des Stärkeren gelten. Wir haben die Chance, denn diese Welt sortiert sich gerade neu. In dieser Situation muss Europa einen klaren Kurs und einen kühlen Kopf bewahren. Furcht und Orientierungslosigkeit können wir uns in der gegenwärtigen Lage nicht erlauben. Wir müssen selbstbewusst unsere eigenen Interessen vertreten, und wir müssen bereit sein, für die Wahrung dieser Interessen auch etwas einzusetzen.
Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Als wirtschaftsstarke Exportnation profitieren wir in überdurchschnittlichem Maße von einer stabilen internationalen Ordnung. Wir haben ein überragendes Interesse daran, diese Ordnung zu bewahren und zu stützen. Deswegen wird von Deutschland zu Recht erwartet, dass es mehr Verantwortung übernimmt – politisch, wirtschaftlich und auch militärisch. Deutschland muss seine Kraft in Europa einsetzen – zur Abwehr der neuen Gefahren, aber auch zur Stabilisierung der Idee, die von Adenauer vorgegeben und von Helmut Kohl gefestigt wurde.
Europa und auch Deutschland müssen zu ihrem Eigenschutz die Sprache der Macht lernen. Daraus erwachsen neue Herausforderungen. Zu wenig Führung wird schnell als Schwäche kritisiert, zu viel kann als Dominanz empfunden werden. Dabei spielt die historische Sensibilität gegenüber deutscher Stärke eine verständliche Rolle. Wir können und wollen uns von unserer Geschichte und Geografie nicht lösen. Die daraus erwachsende Verantwortung nehmen wir wahr.
Wir leben in Zeiten zunehmender Komplexität – auch Europa ist komplizierter geworden. Nationale Interessen treten wieder stärker hervor, populistische Bewegungen stellen europäische und nationale Institutionen infrage. Geopolitische Herausforderungen – und ganz konkret die Bedrohung durch Putins Russland – erhöhen den Handlungsdruck. Für Deutschland bedeutet das: mehr strategische Klarheit. Dem griechischen Denker Demokrit wird der Satz zugeschrieben: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ Ja, es braucht einen solchen Mut zur europäischen Macht heute mehr denn je.
Wir tun in Deutschland gut daran, uns zu erinnern, welches Glück wir erfahren haben: Wir haben im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen überwunden und eine friedliche Wiedervereinigung in Freiheit erleben dürfen. Vor 65 Jahren, am 13. August 1961, wurde die Berliner Mauer errichtet. Seit 1990 ist dieses Monument des Schreckens und der Teilung, dieses Sinnbild der DDR-Diktatur, Geschichte. Wir leben heute länger in einem wiedervereinten Land, als wir getrennt waren. Und wir leben heute in einem einigen Europa. Für die CDU ist klar: Diese Einheit, diese der Freiheit, dem Frieden und der Stabilität verpflichtete Ordnung müssen wir bewahren.
Die Geschichte Deutschlands und Europas ist untrennbar verbunden mit der Geschichte unserer Partei – der Christlich Demokratischen Union Deutschlands. Viele kluge Köpfe haben sie geprägt und prägen sie bis heute. Und ich darf aus Anlass dieser besonderen Ausgabe sagen: Zu dieser Geschichte gehört auch die Zeitschrift Die Politische Meinung. Ihr Gründer Otto Lenz hat immer in dem festen Bewusstsein gehandelt, dass es Aufklärung über die Demokratie braucht, um dieses nicht perfekte, aber doch beste aller politischen Systeme zu bewahren. Diese Aufgabe bleibt bestehen, ja sie ist sogar aktueller denn je. Der Politischen Meinung und ihrem gesamten Team gratuliere ich sehr herzlich zum 70-jährigen Jubiläum.
Friedrich Merz, geboren 1955 in Brilon, seit 2022 Bundesvorsitzender der CDU Deutschlands, 2000 bis 2002 und 2022 bis 2025 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, seit 2025 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.