Die Politische Meinung

Mythos "Schwarzer Kontinent"?

von Alain Mabanckou

Identität in Zeiten der Globalisierung

In Afrika, in Kongo-Brazzaville geboren, verbrachte ich einen Großteil meiner Jugend in Frankreich, bevor ich mich in den Vereinigten Staaten niederließ. Im Kongo befindet sich meine Nabelschnur, Frankreich ist die Wahlheimat meiner Träume, und von Amerika aus betrachte ich die Spuren meiner Ruhelosigkeit. Aber es kommt durchaus vor, dass ich mir sage, ich bin ein Europäer, ob ich will oder nicht.

Was ist eigentlich ein Europäer für einen Kongolesen? Das ist schwer zu sagen. Ich habe lange nach einer Erklärung gesucht, aber niemals eine gefunden. Außerdem ist Europa ja auch ein Konzept, das sich wandelt. Es lässt sich von den Strategen, von den Marktschreiern des utopischen Mainstream-Konformismus nicht fassen.

Sollte der Afrikaner am Ende unfähig sein, eine eigene Definition zu formulieren? Das Wörterbuch definiert „europäisch“ als „aus Europa stammend“, „seine Einwohner betreffend“. Aber von welchem Europa ist hier die Rede? Von welchen Einwohnern? Wer sind diese? Am wichtigsten – und genau das betrifft mich selbst – ist die Definition von Europa, die der Verlag Dictionnaires Le Robert uns Afrikanern in einem seiner auf die französische Sprache spezialisierten Wörterbücher zuschreibt. Für diese sei ein Europäer nur ein „nicht afrikanischer weißer“ Mensch. Afrika hätte damit eine rassische – glücklicherweise keine rassistische – Vorstellung von Europa. Alle „nicht afrikanischen“ Weißen seien in unseren Augen Europäer. Geht man dieser „afrikanischen“ Definition auf den Grund, stellt man allerdings fest, dass sie gleichwohl die „afrikanischen Weißen“ zulässt, denen wir „afrikanischen Schwarzen“ fast den „Status“ als Europäer absprechen. Diese Darstellung ist sehr problematisch, weil sie einengt, begrenzt, abgrenzt, spaltet, herabsetzt. Meine Auffassung von Identität geht sehr weit über die Begriffe Territorium und Blut hinaus. Jede Begegnung bringt mir etwas. Es ergäbe keinen Sinn, sich auf das Territorium zu beschränken und die vielfältigen Überlappungen sowie darüber hinaus die Komplexität dieses neuen Zeitalters zu ignorieren, das uns miteinander verbindet, ganz unabhängig von geografischen Gegebenheiten.

In Amerika bin ich oft auf Franzosen gestoßen, die mich tatsächlich als einen Landsmann ansahen, womit sie mir den Eindruck vermittelten, dass die Franzosen, egal welcher ethnischen Herkunft, im Ausland endlich ihre Auffassung von Staatsangehörigkeit erweitern. Als ob wir unser heimatliches Territorium verlassen und uns an einem anderen Ort treffen müssten, wo unsere Kultur endlich zum entscheidenden Bindeglied wird, um besser definieren zu können, was eine Nation ist.

 

Notwendige Erfindung des „Ich“

 

Wenn das Territorium nun überdacht werden muss, verhält es sich mit der „Identität“ ebenso. Es ist sicher erforderlich, noch einmal den Ursprung des Wortes anzuschauen und zu erkennen, wie diejenigen, deren Geschäft die Angst ist, vorgehen, um einen sich wandelnden Begriff in eine statische und für die Nation selbstzerstörerische Ideologie zu verzerren. Erteilen wir in dieser Debatte doch den Wörterbüchern das Wort: „Identität“, lateinisch identitas, „ein und dasselbe bedeutend“, ist ein Wort, das wiederum vom lateinischen idem, „derselbe, dasselbe“, abgeleitet ist. Die Identität drückt also die „Eigenschaft zweier identischer Gedankenobjekte“ aus, und später „das Ein und Dasselbe“. Das Dictionnaire historique de langue française definiert das Wort rechtlich und landläufig als „die Tatsache, dass ein Mensch ein bestimmtes Individuum und als solches anerkannt ist“. Letztendlich ist die Identität zuallererst mit dem Selbst verknüpft, mit dem Ich, mit der Existenz des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Sie macht die Einzigartigkeit des Individuums oder der Gruppe aus. Genauso, wie es einen Personalausweis für ein Individuum gibt, könnte es auch einen für die Gruppe geben. Aber welche Informationen würde man in einen solchen Gruppenausweis aufnehmen?

In diesem Zusammenhang bräuchte es, in Abwandlung des Titels einer Veröffentlichung des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann, die „Erfindung des Ich“. Denn Kaufmann schlägt vor, „dem Einzelnen die Anerkennung, die Zustimmung und die Liebe der anderen zu verschaffen, die er braucht, um zu spüren, dass er als vollständiges Individuum existiert“, weil das „Ich ohne die anderen nichts ist“. Das Individuum existiert nur wirklich, wenn es von der Gruppe anerkannt ist, umso mehr, als das Gesetz eben dieser Gruppe den Rahmen der persönlichen Mobilität vorgibt. Mangels einer solchen Anerkennung durch die Republik sind in Frankreich mancherorts Widerstandszellen entstanden. Gruppen erlassen ihre eigenen Gesetze, wobei diejenigen als Zielscheibe genommen werden, die diese „Zonen“ niemals betreten haben, die aus den Festungen der Eliteschulabsolventen heraus jedoch mit dem Finger auf sie zeigen. Es sind „Zonen-Identitäten“ entstanden, welche die kollektiven Standards zurückdrängen, die augenscheinlich immer unerbittlicher mit denjenigen umgehen, die sich als die Ausgestoßenen unserer Zeit betrachten.

 

Zweigeteilte Welt

 

Heutzutage finden die größten Wanderungsbewegungen zwischen Afrika und Europa oder gar Amerika statt. Die Welt hat sich in zwei Teile gespalten: Norden und Süden. Der Norden steht für Entwicklung und Wirtschaftsmacht. Der Süden wird als rückständiger Raum mit Republiken aus politischen Einheitsparteien und mit Präsidenten auf Lebenszeit gesehen. Angesichts dessen besteht der Traum des Afrikaners darin, in den Norden zu gelangen, um den Lauf seines Schicksals zu verändern. Aber im Norden ist die Situation nicht so einfach, wie der afrikanische Migrant denkt, der dort strandet und mit der harten Realität zurechtkommen muss. So wird die Immigration zu einer der großen Herausforderungen des afrikanischen Kontinents und zu einem Problem für die Industrienationen. Die Durchquerung des Südens in Richtung Norden hat Auswirkungen auf den Afrikaner und seine Kultur, weil er sozusagen das Zeitalter der Globalisierung betritt.

Nun bietet Afrika trotz dieser Globalisierung weiterhin viel Stoff für die schlimmsten Nachrichten und vermittelt dabei den Eindruck, vom Rest der Welt losgelöst zu sein und fortwährend auf die Hilfe der Industrieländer zu warten. In den meisten ehemaligen afrikanischen Kolonialgebieten haben wir Tragödien erlebt – und erleben sie immer noch – aufgrund von Bürgerkriegen und neu errichteten Diktaturen. Hinzu kommen die Verstöße gegen die Menschenrechte, Misswirtschaft durch die Regierenden. Als wäre das noch nicht genug, ist der afrikanische Kontinent den Plagen der letzten Jahrzehnte mit am stärksten ausgesetzt. Diese Dramen sind nicht geeignet, den kulturellen Reichtum dieser Weltregion herauszustellen.

 

„Negritude“ statt Diaspora

 

Dabei ist dies kein unabwendbares Schicksal, und noch weniger lastet ein Fluch auf dem Kontinent. Es geht einzig und allein um unser Eintreten in dieses neue Zeitalter, das eine Neudefinition nicht nur der Mentalität des Afrikaners, sondern auch des Blicks der anderen auf unseren Kontinent er- fordert. Die afrikanische Kultur ist so vielfältig – ganz im Gegensatz zu dem Bild, das einige von Afrika haben: ein eindimensionaler Kontinent, mit einer einzigen Kultur. Heutzutage kann Afrika auf den Beitrag der sogenannten „schwarzen Diaspora“ zählen. Die schwarze Diaspora illustriert sehr gut den Export der schwarzen Zivilisation überall in die Welt, und es entsteht eine Kultur, die mitunter im Widerspruch zu den Kulturen auf dem afrikanischen Kontinent steht. Man muss dieser Diaspora das Verdienst zuschreiben, zur Dynamik der afrikanischen Kulturen beizutragen. So stand sie etwa am Ursprung der meisten ideologischen und philosophischen Bewegungen mit einer Verbindung zum afrikanischen Kontinent: Die Negritude, um nur dieses Beispiel zu nennen, ist in Frankreich entstanden, begründet von Aimé Césaire (Martinique), Léon Gontran Damas (Guyana) und Léopold Sédar Senghor (Senegal). Harlem Renaissance wurde von den amerikanischen Schwarzen ins Leben gerufen, während der Panafrikanismus mit Führungspersönlichkeiten wie Marcus Garvey oder Malcolm X seinen Ursprung ebenfalls auf amerikanischem Boden hat. Die schwarze Diaspora wird damit zu einer Art „mobilem Afrika“, zu einer Plattform afrikanischer Kulturen. Wir erleben die Entstehung einer neuen Identität, die nicht zwangsläufig mit dem afrikanischen Ursprungskontinent verbunden ist, sondern eine Eigenständigkeit entwickelt.

Müssen wir damit auf eine gewisse Einheitlichkeit der schwarzen Diaspora schließen? Welche Verbindungen lassen sich zwischen den in Europa geborenen Afrikanern und denjenigen erkennen, die in Afrika geblieben sind? Es handelt sich um zwei Kulturen, die sich – manchmal feindselig – gegenüberstehen, weil sie nicht dieselbe Vision von Afrika haben, weil Afrika für manche ein Traum ist, für andere eine Realität. Der auf einem anderen Kontinent geborene Afrikaner erkennt sich nicht mehr unbedingt im Afrika seiner Vorfahren wieder, das ihm fern vorkommt, verzerrt durch die Reportagen über einen Kontinent, der unaufhörlich von Tragödien heimgesucht wird und unfähig ist, aus seinen immensen Reichtümern Vorteile zu ziehen. Gleichzeitig wird dieser auf einem anderen Kontinent geborene Afrikaner in seiner Wahlheimat nicht anerkannt, wo die Einwanderungsgesetze und die Politik der europäischen Staaten immer stärker zu hartem Durchgreifen neigen. Er ist nicht mehr von „dort“, er ist aber auch „hier“ nicht anerkannt. Wie kann er also reagieren? Er muss eine Möglichkeit finden, seine Situation darzustellen, und so erleben wir die Entstehung einer afrikanischen „Subkultur“.

Zwar sind sich die Afrikaner der Diaspora ihrer Verbindung mit Afrika bewusst, aber sie verherrlichen diesen Kontinent als einen Mythos und wenden sich verstärkt der amerikanischen schwarzen Kultur zu, die ihnen näherzustehen scheint. Muss noch daran erinnert werden, dass die amerikanischen Schwarzen – die sich „Afroamerikaner“ nennen lassen – ihrerseits den Schwarzen Kontinent zum Mythos erheben? Damit überleben zwar afrikanische Kulturen, aber es handelt sich eher um ein utopisches, auf einer bestimmten Vorstellung von Afrika beruhendes Überleben. Wenn der Schwarze aus der Diaspora wieder afrikanischen Boden betritt, verspürt er meistens ein Gefühl der völligen Loslösung. Die Welt, auf die er stößt, hat keine Ähnlichkeit mit seiner Vorstellung von dem Kontinent. Man muss sich nur anschauen, welche Beziehungen die afrikanischen Afrikaner, die amerikanischen Schwarzen und die anderen Völker schwarzer Hautfarbe untereinander haben. Das Unverständnis, das unter ihnen herrscht, zeigt, wie schwierig die Definition ist, was man unter „afrikanischer Identität“ verstehen könnte, ganz einfach, weil es sie nicht gibt – und gar nicht geben kann. Weil diese Identität eine Folge der Erfahrungen der Schwarzen überall in der Welt ist. Der Afrikaner in Afrika erlebt nicht die gleichen Situationen wie der Afrikaner in Europa; der amerikanische Schwarze hat eine Geschichte, die der afrikanische Afrikaner gar nicht begreifen kann. Der farbige Amerikaner musste die Migration als historische Tatsache hinnehmen: durch Sklavenhandel. Er musste jahrzehntelang für seine Bürgerrechte und die Anerkennung als Bürger der Vereinigten Staaten kämpfen. Der afrikanische Afrikaner dagegen kämpft gegen das diktatorische Regime seines Landes, den Hunger, die Folgen der Unterentwicklung, während der europäische Afrikaner täglich seinen Platz in der Gesellschaft hinterfragt.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, bedeutet der Eintritt in das Zeitalter der Globalisierung, dass man sich als Element einer größeren, komplexeren Kultur erkennt, die die eigenen Erfahrungen einschließt. Und wenn wir uns die Folgen der Globalisierung anschauen, überrascht es nicht mehr, dass Afrika in den Hintergrund tritt, während die Migration doch Teil seiner kulturellen Grundlage ist und die Bedeutung von Höflichkeit und Gastfreundschaft oft als eine der stolzen Errungenschaften des Schwarzen Kontinents betrachtet wurde.

 

Alain Mabanckou, geboren 1966 in Pointe-Noire (Republik Kongo-Brazzaville), Poet und Schriftsteller, Professor für Literatur und Kreatives Schreiben, Fakultät für Französische und Frankophone Studien sowie am African Studies Center der University of California (UCLA), Los Angeles (USA).

Übersetzung aus dem Französischen: Ralf Pfleger, Straßburg