von Susanne Rode-Breymann

Krise und Krisenfolgen für Musikstudium und Musikkultur

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Der erste Lockdown im März 2020 unterbrach alle Routinen an den 24 deutschen Musikhochschulen. Es war eine Disruption und der Beginn einer ungeplanten „Expedition“ im Versuch, ein einigermaßen funktionierendes Studium zu konstituieren. Die Hochschulen haben diese extreme Herausforderung gemeistert, jedoch ging eine Seite ihrer Doppelexistenz als Hochschule und Kultureinrichtung sofort verloren: Live-Veranstaltungen mit Publikum endeten vollständig. Ein Neubeginn eines öffentlichen Kulturangebots rückt seit Herbst 2020 und nun im Kontext der Virusmutationen in immer weitere Ferne.

Die Hochschulen haben der Situation im ersten Corona-Semester auf beeindruckende Weise Spielräume auch im Digitalen abgerungen. Es wurden, je nach baulicher Situation und Inzidenzwerten vor Ort, Konzepte für das Studium entwickelt und mit großer Achtsamkeit Lösungen und ausgeklügelte Hygienemaßnahmen erarbeitet, sodass Lehrende ihre Studierenden auch persönlich sehen und betreuen konnten. Die Disruption und das dadurch ausgelöste Experimentieren war und ist ein starker Impuls und Beleg dafür, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt. Manches, was aus dem Stand entwickelt und erprobt wurde, läuft im zweiten Corona-Semester bereits zufriedenstellend und wird dauerhaft in die künstlerische Lehre integriert werden.

Aber die Exzellenz eines künstlerischen Studiums als Beginn einer künstlerischen Karriere ist ohne gemeinsames Musizieren und ohne Auftritte vor Publikum nicht erreichbar. Und hier schlägt nun, da das dritte Corona-Semester ansteht, die Situation um – in eine Langzeitkrise mit dramatischen Folgen: Ohne den Erfahrungsraum des Bühnenauftritts vor realem Publikum führt kein Studium zum Ziel einer ausreichenden Befähigung für eine Berufstätigkeit in der Kultur. Dieses Zurückbleiben hinter dem Notwendigen wird durch die fehlenden Berufsaussichten in der Psyche potenziert – und je länger es unter der Bedrückung von Lockdown-Monat zu Lockdown-Monat andauern wird, umso mehr wird die Zahl nicht funktionierender Lebensläufe und damit menschliches Leid zunehmen.

 

Kreativität oder Überlebenswillen?

 

„Kreativität“ ist seit April 2020 in aller Munde. In seiner Osteransprache lobte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Krisenfähigkeit der Bürger, bat um Geduld, Disziplin und sprach von einer „geradezu explodierenden Kreativität“. Ort dieser Kreativität war auch in den Künsten ab sofort das Netz. Aber was sind die per Twitter live gestreamten Konzerte, die digitalen Proben von Chören: Kreativität oder Überlebenswillen? Widerständige Aktionen angesichts des Verbots von Kulturveranstaltungen oder Auseinandersetzungen von Künstlerinnen und Künstlern mit der Krise? Es ist beeindruckend, was Künstlerinnen und Künstler sich einfallen lassen, um zu überleben und in der Situation zurechtzukommen. Wieso aber ist von Kreativität die Rede?

Kunst ist im Kern „affektive Intensität“ und, so  Andreas Reckwitz, „auf das Gefühl der ästhetischen Freiheit, auf handlungsentlastete Ergriffenheit, Versenkung, Bestürzung, Verblüffung, Genuss oder Vergnügen im Umgang mit dem Kunstwerk“ ausgerichtet. Davon ist das, was derzeit inflationär als „Kreativität“ bezeichnet wird, weit entfernt. Der Begriff „Kreativität“ beschönigt, dass wir musikbezogen in einer Dystopie gelandet sind, wie es sie historisch kaum je so gab. Und je länger sich der unterschiedslose Lockdown hinzieht, desto mehr scheint der Begriff der „Kreativität“ zur Wunschvorstellung zu werden, die den Blick auf die Langzeitfolgen verdeckt. Was passiert mit einer Gesellschaft, die zulässt, dass ihr die Kultur abhandenkommt?

 

Dimensionen von Leben

 

Seuchen in früheren Jahrhunderten gingen einher mit besonderen Sinndeutungen, Reflexionen, „Tonfällen“ zwischen Trost, Trauer und Hoffnung in der Kunst. Wir tun derzeit alles für die körperliche Unversehrtheit (und das ist gut so), aber wir vernachlässigen Herz, Hirn, Seele, also andere Dimensionen von Leben. Artikel 2 Grundgesetz garantiert das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Das „und“ wird derzeit überlesen, und es wird nicht diskutiert, was „Leben“ heißt. Was sind Humanität, Sinnhorizonte, Nachdenken über Tod und Sterben, Versenkung durch und in Kunst wert – gerade für ein Leben mit dem Virus? Was hat es für Folgen für Kinder, Jugendliche und Studierende, wenn wir diese Dimensionen von Leben in der Krise für nachrangig halten? Welche Lebenswege werden hier vorgezeichnet? Werden Kinder jetzt beginnen, Musikinstrumente zu spielen, werden Studierende ihr Studium abbrechen und in „systemrelevante“ Berufe wechseln? Was jetzt nicht beginnt, wird nicht sein; wer keinen Baum pflanzt, wird kein Holz ernten. Mit Überbrückungszahlungen lassen sich Langzeitschäden, die durch zu lange Ausgesetztes oder gar nicht erst Begonnenes entstehen, nicht beheben.

Musikhochschulen, in denen Präsenzlehre zentral ist, standen anders als Universitäten gleich in den ersten Tagen des Lockdowns vor der Herausforderung, ein „hybrides Semester“ mit Präsenzlehre und digitaler Lehre zu „erfinden“. Dabei waren sie digital in der Regel nicht gerade gut ausgestattet und mussten ihre Infrastruktur erheblich nachrüsten. Digitalisierung an Musikhochschulen, in denen es im Digitalen vor allem um eine gute Klangqualität geht, verlangt eine technisch exzellente Ausstattung in Bezug auf Mikrophonie und Klangübertragung. Hier wurde vieles geleistet, hier muss noch vieles geleistet werden.

In einem Kraftakt ist es gelungen, schon im Sommersemester 2020 „hybride“  Lehrangebote zu realisieren und eine hybride  Eignungsprüfung „aus dem Boden zu stampfen“. Bedenkt man, wie viel Zeit Strukturänderungsprozesse in Hochschulen normalerweise benötigen, grenzt es an ein Wunder, wie in jeweils einem Monat zunächst ein funktionierendes „hybrides Semester“ „erfunden“ wurde, dann ein vollkommen neues Format von Eignungsprüfungen mit Mischungen von digitaler erster Runde und zweiter Präsenzrunde auf die Beine gestellt wurde.

Davon wird manches in die Zukunft getragen werden, aber noch klarer als vor diesem Experiment steht der unschätzbare Wert der analogen „Welt Musikhochschule“ vor Augen. Es bedarf kritischer Reflexion, inwieweit der derzeit gepriesene Weg ins Digitale wirklich als Königsweg für Bildung taugt. Studierenden und Lehrenden, die sich von zu Hause aus miteinander vernetzen sollen und dabei zunehmend in digitale Vereinzelung geraten, steht oft nicht das notwendige technische Equipment für eine digitale Unterrichtsstunde in angemessener technischer Qualität zur Verfügung. Wer meint, sie könnten dafür privat aufkommen, zielt auf eine Privatisierung der Pandemiefolgen und übersieht, dass nicht zuletzt unsere Gesellschaft auf Dauer die Leidtragende sein wird.

 

Kunst als „vox humana“

 

In einer beispiellosen Krise, die mehr Aushandeln als zuvor bedürfte, setzen wir auf das Digitale, das wir aufgrund des Kontaktreduzierungsgebots für den einzigen Weg halten, und erschweren somit alles Aushandeln komplexer Zusammenhänge. Stattdessen erleben wir Verordnungspolitik. Hannah Arendt hat auf beeindruckende Weise in ihrer Lessing-Rede von 1959 thematisiert, dass die gemeinsame Welt „in einem ganz präzisen Sinne unmenschlich bleibt, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird. Denn menschlich ist die Welt nicht schon darum, weil sie von Menschen hergestellt ist, […], sondern erst, wenn sie Gegenstand des Gesprächs geworden ist. […] Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir […] und in diesem Sprechen lernen wir, menschlich zu sein.“ Nehmen wir Hannah Arendts humanitären Appell ernst, dann kann es auch unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie keine „Alternativlosigkeit“ geben!

Kein Lösungsweg für ein gegebenes Problem darf als einzig mögliche Lösung betrachtet werden. Es mag etwas als die einzig derzeit bekannte und mit aller Verantwortlichkeit bedachte Lösung erscheinen, doch tatsächlich gibt es sie nicht – die einzig wahre Lösung. Wirklichkeit meint immer die Wirklichkeit eines Beobachters. Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachtenden gesagt, von Vertreterinnen oder Vertretern einzelner Fachdisziplinen.

Der Kunst aber wird derzeit keine Stimme zugestanden, obwohl sie jahrhundertelang als vox humana das Dasein mitgestaltete. Wir müssen dieser vox humana dringend wieder Raum geben und ihr Gehör schenken – und dies auf der Grundlage von Vertrauen in menschliche Urteilskraft, dezentrale Intelligenz und das Potenzial aller im Ringen um Lösungen auch für die Zukunft von Musikstudierenden, in deren Händen die Zukunft unserer Kultur liegt. Kunst ist kein „Freizeitvergnügen“, sondern unverzichtbar für die Erschließung von Sinnhorizonten und Erlebnissen der inneren Perspektive.

Wir müssen mit aller Kraft verhindern, dass den Studierenden 2021 die Luft ausgeht und wir sie verlieren, denn schon jetzt steht mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen, dass die noch vor Kurzem gepriesenen Patchwork-Musikerlebensläufe mit ein wenig Konzertieren und ein wenig Unterrichten weggebrochen sind und nun auch das Überleben vieler Kultureinrichtungen auf der Kippe steht. Ob es nicht bereits zu spät ist, Langzeitfolgen zu verhindern, ist fraglich. Fraglich ist ebenfalls, ob nicht auch bereits ein bitterer Prozess großen Ausmaßes begonnen hat zwischen den ganz Großen, die Biss haben, unter allen Umständen durchhalten, in der Krise noch mehr Aufmerksamkeit in den Medien finden und zuerst wieder auftreten werden, und den anderen, deren Potenziale im Studium geweckt und sorgsam entfaltet werden und die vor Corona die Vielfalt unserer Kultur ausgemacht haben.

 

Susanne Rode-Breymann, geboren 1958 in Roydorf (heute: Winsen/Luhe), Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), Herausgeberin und Leiterin des Forschungszentrums Musik und Gender an der HMTMH.