Friedhelm Marx: Dein Schreiben ist stark von Orten und räumlichen Ordnungen geprägt. Woher kommt Dein Interesse an Räumen?
Daniela Danz: Räume sind Speicher. In ihnen lagern unterschiedliche Erfahrungen. Mich interessiert, wie sich Geschichte sedimentiert und wie man sie lesen kann. Schreiben ist für mich eine Form der Vermessung, der Vermessung von Bezügen über die Zeit hinweg.
In Deinem ersten Gedichtband erscheint Thüringen als „zentrale Provinz“. Welche Rolle spielt diese Landschaft, diese Region für Dich und für Deine Texte?
Es war mir damals sehr wichtig, die gesellschaftlich und politisch periphere Situation von Mittel- beziehungsweise Ostdeutschland zu benennen und gleichzeitig darauf zu beharren, dass von hier aus dennoch eigenständige Impulse ausgehen. Eine resiliente Gesellschaft bedarf der respektvollen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven.
Viele Orte, die in Deine Lyrik und in Deiner Prosa vorkommen, hast Du besucht; 2001 warst Du in Belgrad, mehrfach in der Ukraine, Du hast für den Roman „Türmer“ (2006) in einem Kirchturm gewohnt. Warum ersetzt „nichts den Blick ins Gelände“, wie Du in Deiner Mainzer Poetikvorlesung 2022 gesagt hast?
Vor Ort klärt sich, was trägt. Vor Ort erfährt man Überraschendes. Erfahrungen, die der eigene Körper in Raum und Zeit macht, sind durch nichts zu ersetzen. Sie tragen den Text als die Substanz und sind Grundlage für die poetische Perspektive. Ebenso wie ein Gedicht braucht Prosa eine Erzählhaltung, eine „Handlung“, eine Perspektive – auch wenn diese Dinge in der Lyrik eher als Struktur oder Ton bezeichnet werden. Diese Erfahrungen erden die Recherche. Sie führen zu einer Sprache, die sich an Wahrnehmung bindet.
Dein jüngster Gedichtband heißt „Portolan“. So heißen alte Seekarten, die nur Hafen- und Schiffswege verzeichnen, die Landflächen aber weiß lassen. Welche Rolle spielt das Meer für Dein Schreiben? Und was bedeutet die Methode des Dekartografierens für Dich?
Das Meer ist ein Raum, in dem sich globale Abhängigkeiten bündeln. Es ist durchzogen von Routen, von einem dichten Netz globaler Verbindungen, das unseren Alltag trägt, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Diese Wege interessieren mich, weil sie zugleich konkret und entzogen sind.
Dekartografieren heißt für mich, sich aus vorgegebenen Karten zu lösen und ein eigenes Koordinatensystem zu entwickeln. Ich folge den Linien und gerate ins Unverzeichnete. Schreiben bewegt sich zwischen Orientierung und Verlust von Orientierung. Es ist ein Arbeiten gegen die vorgezeichneten Wege.
Als Kuratorin hast Du 2024 das von Günter Blamberger begründete Kölner Festival für Weltliteratur „Poetica“ unter das Motto „Nach der Natur. Imaginations of Nature Poetry“ gestellt. Inwiefern berührt Dein eigenes Schreiben über Natur elementare Fragen des ökologischen Wandels?
Natur ist in meinen Texten kein abgegrenzter Gegenstand. Sie erscheint in ihren Verflechtungen mit unserem Leben, mit unseren Eingriffen, mit den Folgen unseres Handelns. Dass heute eigentlich kein Bereich ohne Bezug zum ökologischen Wandel gedacht werden kann, prägt auch das Schreiben. Es geht darum, eine Sprache zu finden, die diese Verstrickung wahrnehmbar macht und die veränderten Bedingungen mitschreibt, unter denen wir Natur überhaupt noch erfahren.
Mit den Formen gehst Du beim Schreiben von Gedichten ebenso virtuos wie findig um. Du hast in dem Band „Portolan“ sogar ein neues lyrisches Format erfunden: die „Kartause“. Was können wir uns darunter vorstellen?
Ich erfinde mir gern eigene Formen. Das hat den Vorteil, dass sie meinem Schreibrhythmus und dem Gegenstand meines Schreibens entsprechen. Im letzten Band „Wildniß“ waren es die Kaskaden, für die ich mir die unterschiedlichen Fließbewegungen von Wasser zum Vorbild genommen habe. Die „Kartausen“ nehmen die Responsorien-Struktur der Stundengebete auf und thematisieren zugleich die Praxis der schriftlichen Kommunikation des Ordensmitglieder des Kartäuserordens. Sie sind damit, zusammen mit den mystischen Gedichten im Folgekapitel ein Ort der Kontemplation in diesem Band, dessen Thema die umfassende Dissemination der Waren ist.
Die antike Mythologie und Dichter wie Friedrich Hölderlin sind wichtige literarische Orientierungsgrößen für Dich. Was haben sie unserer Zeit zu sagen?
Zum einen kann jede Zeit viel über sich aus dem Abgleich mit anderen Zeiten lernen. Insbesondere die Zeit Hölderlins ist uns näher, als es auf den ersten Blick scheint. Um 1800 verdichteten sich Entwicklungen, die wir heute wiedererkennen: technische Umbrüche, globale Verflechtungen, neue Formen von Ökonomie und Naturaneignung. Die Widersprüche sind ähnlich gelagert, auch wenn sich ihre Erscheinungsformen verändert haben. Was mich an Hölderlin interessiert, ist weniger ein übertragbares Programm als eine Haltung. Er sucht das Fremde, setzt sich ihm aus, auch dort, wo es die eigene Ordnung gefährdet. Darin liegt für mich eine Aktualität: die Bereitschaft, sich nicht zu schnell einzurichten in dem, was verständlich und verfügbar ist.
Die antike Mythologie wirkt in diesem Zusammenhang als eine Form des Denkens in Bildern und Konstellationen. Sie hält Fragen offen, die nicht erledigt sind: nach Maß und Hybris, nach Verhältnis von Mensch und Welt, nach Überschreitung und Grenze. Hölderlin nimmt diese Stoffe auf, um sie in eine Zeit des Umbruchs zu übersetzen. Genau darin liegt auch für uns ein Impuls: nicht Antworten zu übernehmen, sondern die Bewegung des Fragens fortzusetzen. Für mein Schreiben ist entscheidend, dass Hölderlin die Brüche seiner Zeit nicht glättet. Er versucht, eine Welt, die auseinanderfällt, noch einmal sprachlich zu fassen, im Wissen um ihre Risse. Diese Unbedingtheit im Zugriff, dieses Aushalten von Fremdheit und Unsicherheit, scheint mir bis heute eine der produktivsten Herausforderungen für Literatur.
Du hast neun Jahre lang als Kunstgut-Inventarisatorin für die mitteldeutschen Kirchen gearbeitet, über sieben Jahre hinweg das Schillerhaus in Rudolstadt geleitet und 2021 die Leitung eines Bundesprojektes zur Demokratieförderung junger Menschen übernommen. Was, wenn überhaupt etwas, nimmst Du davon in Dein Schreiben mit?
Grundsätzlich ist es für mich wichtig, diese beiden Tätigkeitsbereiche voneinander zu trennen. Ich schätze es auch sehr, verschiedene Rollen zu haben. Aber natürlich bin ich derselbe Mensch und nehme geistige Anregungen auf, die zwar fast nie in meinen Gedichten oder Romanen Niederschlag finden, die aber für mich als Teil dieser Gesellschaft wesentlich sind und insofern wichtig für mein Selbstverständnis als schreibende Bürgerin sind. Als solche ist es für mich immer ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen, neben dem Schreiben einen Beruf zu auszuüben, durch den ich anderen Arbeitswelten angehöre und andere Wirkungsmöglichkeiten habe.
Welche Macht hat die Demokratie heute in Zeiten, wo ihre liberalen Grundlagen infrage gestellt werden? Und worin liegt die Macht der Literatur?
Demokratie lebt von Beteiligung und von Institutionen, die sie tragen. Sie bleibt anfällig und zugleich belastbar, wenn sie praktiziert wird. Literatur erweitert Wahrnehmung, hält Ambivalenzen aus und präzisiert Sprache. Das sind wichtige demokratische Kompetenzen. Und sie bedarf der Freiheit wie auch jede Staatsform der Literatur bedarf. Ihre Macht liegt also darin, dass sie einerseits auf ihren Bedingungen beharren wird und andererseits unverzichtbar ist.
Daniela Danz, geboren 1976 in Eisenach, Schriftstellerin, unter anderem Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Leiterin des Bundeswettbewerbs „Demokratisch Handeln“.
Das Gespräch mit der Literaturpreisträgerin der Konrad-Adenauer-Stiftung 2026, Daniela Danz, wurde online geführt. Die Fragen stellte Friedhelm Marx, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg und Vorsitzender der Jury zur Vergabe des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Die Feierstunde anlässlich der 33. Verleihung des Preises findet am 14. Juni 2026 im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere statt. Die Laudatio hält der Historiker Karl Schlögel.