George (Jürgen) Wittenstein / akg-images
von Judith Michel

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl (* 9. Mai 1921 in Forchtenberg, † 22. Februar 1943 in München)

This portlet should not exist anymore

Sophie Scholls Weg in den Widerstand war keineswegs vorgezeichnet: Aufgewachsen in einer bildungsbürgerlichen Familie, gesegnet mit Selbstbewusstsein und Lebensfreude, genoss Sophie Scholl zunächst als begeistertes Jungmädel die Entfaltungsmöglichkeiten in der NS-Jugendorganisation Bund Deutscher Mädel (BDM), in der sie schon bald Führungsaufgaben übernahm. Doch das nationalsozialistische Vorgehen gegen Aspekte der von ihr gelebten Jugendkultur sowie die einfältige Uniformität regten ersten Widerwillen in ihr. Den Krieg lehnte sie von Beginn an ab; den Arbeits- und Kriegshilfsdienst, den sie 1941/42 ableisten musste, empfand sie als stupide Zumutung. Dennoch dauerte es bis 1942, bis die aus einem evangelischen Elternhaus stammende Sophie Scholl unter dem Einfluss reformkatholischer Intellektueller Denken und Handeln in Einklang brachte – ohne Märtyrerabsichten, doch im vollen Bewusstsein der möglichen Konsequenzen. 1942/43 war sie maßgeblich an der Vervielfältigung und Verbreitung der von ihrem Bruder Hans und weiteren Mitstreitern verfassten „Flugblätter der Weißen Rose“ beteiligt. Von den Nationalsozialisten gefasst, wurden ihr und ihren Mitverschwörern Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und Kurt Hubert Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung vorgeworfen, wofür sie 1943 hingerichtet wurden.

Sophie Scholls mutiges Handeln ruft auch einhundert Jahre nach ihrer Geburt zu Recht Bewunderung hervor. Ihre Idealisierung zur Ikone des selbstlosen, reinen Widerstands, die schon bald nach Kriegsende einsetzte, wird ihren Taten jedoch nur teilweise gerecht. Auch heute halten sich verklärende Darstellungen der jungen Widerständlerin als Märtyrerin, die zur „säkulare[n] Konsensheilige[n]“ (Robert M. Zoske) der Deutschen avancierte. Erheblichen Vorschub für das idealisierte Bild leistete die Darstellung der älteren Schwester Inge Scholl aus dem Jahr 1952. Sie prägte damit zum einen den Begriff der „Weißen Rose“, als deren Mittelpunkt sie unter Marginalisierung der anderen Beteiligten ihre Geschwister darstellte; zum anderen zeichnete sie ein nahezu widerspruchsfreies Bild ihrer zur Heldin geborenen Schwester Sophie.

Obgleich Inge Scholl zutreffend beschrieb, dass ihr Bruder Hans im Vergleich zu Sophie die treibende Kraft der Widerstandstätigkeit war, fokussierte sich das öffentliche Interesse und Gedenken in den folgenden Jahrzehnten auf das jüngste und einzige weibliche Mitglied des inneren Kreises der Widerstandsgruppe. So wurden zahlreiche Schulen, Plätze und Straßen nach Sophie Scholl benannt, während es weit weniger Benennungen nach den anderen Mitgliedern des inneren Widerstandskreises gibt, die mindestens genauso intensiv an der Verfassung und Verbreitung der Flugblätter beteiligt waren und allesamt für ihre Taten mit dem Leben bezahlten. Zudem ist sie die Protagonistin mehrerer Spielfilme. Auch als Denkmal – etwa in der Walhalla bei Regensburg oder in der popkulturellen Variante als Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin – muss Sophie Scholl stellvertretend für den gesamten studentischen Widerstand herhalten, während man ihre Mitstreiter dort vergeblich sucht.

 

Leitfigur für alle politischen Lager

 

Dabei wurde sie auch immer wieder von den Falschen vereinnahmt – und das nicht erst durch den absurden Vergleich einer jungen „Querdenkerin“ aus Kassel, die bekannte, sie fühle sich wie Sophie Scholl, da sie seit Monaten aktiv im Widerstand sei. So bezeichnete sich beispielsweise 2012 die islamophobe und rechtspopulistische Kleinpartei „Die Freiheit“ als die „neue Weiße Rose“. 2013 zog der Allgemeine Studentenausschuss der Freien Universität Berlin Parallelen zwischen der „Weißen Rose“ und der linksterroristischen „Roten Armee Fraktion“ (RAF), und 2017 warb ein Kreisverband der Alternative für Deutschland (AfD) mit dem Slogan „Sophie Scholl würde AfD wählen!“.

Die Vereinnahmungen von Sophie Scholl und der „Weißen Rose“ durch diese verschiedenen Seiten weisen auf ein Phänomen hin, das auch zur vergleichsweise schnellen Würdigung der Widerstandsgruppe im Nachkriegsdeutschland beitrug: Durch die idealisierte Darstellung des Widerstands als Sühneopfer wurde er zugleich entpolitisiert und taugte damit als Vorbild für alle politischen Lager. Darüber hinaus ersparte der Bezug auf eine vermeintlich unpolitische Widerstandsgruppe der Nachkriegsgesellschaft die inhaltliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Anders als den Attentätern des 20. Juli 1944 haftete der „Weißen Rose“ zudem nicht der Vorwurf des „Verrats“ am eigenen Volk und Vaterland an; auch schien die Lebenswelt der Studenten insbesondere jungen Menschen näher zu sein als die der Offiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die „Weiße Rose“ äußerte in ihren Flugblättern zwar deutlich ihre Ablehnung des Nationalsozialismus, blieb aber nur vage bei der Formulierung von Nachkriegsplänen, die mit Schlagwörtern wie „christlich“, „liberal“, „rechtsstaatlich“, „‚vernünftig‘-sozialistisch“ und „europäisch“ lediglich skizziert wurden. Dies erleichterte ebenfalls die Vereinnahmung der Widerstandsgruppe für eigene Ziele – vom Antifaschismus bis zum Rechtspopulismus.

Die Forschung hat inzwischen ein weit differenzierteres Bild von der „Weißen Rose“ im Allgemeinen und von Sophie Scholl und ihrer Rolle innerhalb der Widerstandsgruppe im Besonderen gezeichnet. Neuere Publikationen beschreiben Sophie Scholl als jungenhafte, naturliebende, künstlerisch begabte und belesene junge Frau, die sowohl in sich gekehrt als auch lebenslustig, kompliziert und klug war.

Das pazifistische und NS-kritische Elternhaus bewahrte sie und ihre älteren Geschwister nicht davor, sich in Ulm begeistert in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen zu engagieren, ohne das eigene Denken jedoch einzustellen. Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich beispielsweise daran, dass sich Sophie Scholl zwar konfirmieren ließ, dabei aber die Uniform der Hitlerjugend (HJ) trug. Anders als von ihrer Schwester Inge dargestellt, gab es keinen einschneidenden Wendepunkt, an dem sich die jüngere Schwester vom „Saulus“ zum „Paulus“ wandelte. Zwar schrieb sie schon 1937 in ihr Tagebuch: „Von der HJ habe ich mich ohne mein Wollen ganz gelöst. Ich habe nichts mehr zu geben, nichts mehr zu nehmen.“

 

Schleichende Entfremdung

 

1938 wurde sie als Gruppenführerin abgesetzt, nahm jedoch bis 1941 an Veranstaltungen des Bundes Deutscher Mädel teil – möglicherweise, um das Abitur machen zu können. Die Entfremdung schien eher ein schleichender Prozess gewesen zu sein, der zunächst durch die Einschränkungen der Jugendkultur und die zeitweilige Verhaftung der Geschwister wegen „bündischer Umtriebe“ ausgelöst wurde (Hans wurde zudem „Unzucht“ nach Paragraf 175 vorgeworfen – hiervon wusste Sophie jedoch nichts).

Militärdienst und Krieg lehnte Sophie Scholl hingegen von Beginn an kompromisslos als Vergeudung von Menschenleben ab, was zu hitzigen Diskussionen mit ihrem Freund Fritz Hartnagel führte, der sich bereits 1936 freiwillig als Berufsoffizier verpflichtet hatte. Ihre Ablehnung des Militärdienstes erklärte sie damit, dass ein Soldat unterschiedlichen Herren und Wahrheiten dienen müsse, sich aber kein Mensch und keine irdische Macht an die Stelle des Absoluten setzen dürfe. In jahrelanger Korrespondenz gelang es der vier Jahre jüngeren Sophie, ihren Freund zum Kritiker des Nationalsozialismus und Kriegsgegner zu bekehren.

Durch die Mutter – eine ehemalige Diakonissin – lernten die Geschwister Scholl eine protestantische Frömmigkeit kennen. Für ihre Widerstandstätigkeit ausschlaggebender war jedoch die katholische Erneuerungsbewegung, die sie durch den Ulmer Freundeskreis um Otto (Otl) Aicher, einen Freund ihres jüngeren Bruders Werner, und später über den Publizisten Carl Muth und den Schriftsteller Theodor Haecker kennenlernten. Durch diese Kreise wurde Sophie Scholl zur religiös Suchenden. Ihre verschlungenen religiösen Gedankengänge, die wir ihren Briefen entnehmen können, sind für heutige Leser mitunter nur schwer nachvollziehbar – ihre damalige Freundin Susanne Hirzel nannte sie in der Rückschau gar „überkandidelt religiös“. Dies sowie ein Elitebewusstsein, das sie mit den anderen Mitgliedern des Widerstandskreises teilte, sind Teile einer uns fernen Lebenswelt.

Es sind keine Hinweise übermittelt, ob Sophie Scholl die Verfolgung und Vertreibung der Juden aus Ulm besonders wahrnahm oder sie sie gar bedrückte. Manche Bemerkung, die sie oder auch andere Mitstreiter zur Judenverfolgung äußerten, erscheint heute zudem befremdlich. So erwiderte sie auf einen Bericht von Fritz Hartnagel über NS-Verbrechen gegen Juden in Amsterdam, diese Brutalität sei zu begrüßen, da nur so der wahre Charakter des Regimes offensichtlich werde: „Übrigens, dass man überall radikal vorgeht, finde ich nur gut. Es verwirrt die Erkenntnis der ganzen Sache weniger, als wenn man hier etwas Gutes, da etwas Schlechtes findet und nicht weiß, welches nun das Wahre ist.“ Unter anderem durch Hartnagel und ihren Bruder Hans erfuhr sie schließlich von den NS-Verbrechen im Osten, an denen sie sich, wie sie gegenüber Hartnagel bekannte, mitschuldig fühlte: „Ein unschuldiges Hineingezogenwerden in eine Schuld, in meine Schuld.“

Die Ablehnung des Holocaust war nicht das Hauptmotiv des Widerstands der „Weißen Rose“. Ihr Einsatz für Freiheit, Verantwortung des Einzelnen, Menschenwürde und Solidarität mit den Verfolgten schloss jedoch auch die Juden ein. Die Flugblätter, an deren Formulierung Sophie Scholl zwar nicht beteiligt war, deren Inhalt sie sich jedoch zu eigen machte, prangerten den Krieg, die Judenvernichtung, die nationalsozialistische Willkürherrschaft und die Unterdrückung von Wahrheit, Gewissen, Sittlichkeit und Freiheit an. Dieses an die bürgerliche Elite gerichtete Fanal traf die Nationalsozialisten in ihrem Kommunikationsmonopol, zeigte eine Gegenmacht auf und war daher hochpolitisch.

Hans Scholl rief als Medizinstudent in München zusammen mit Alexander Schmorell die „Weiße Rose“ mit den ersten vier Flugblättern, verfasst von Ende Juni bis Mitte Juli 1942, ins Leben. Ohne Sophie Scholl, die erst später für ihr Philosophie- und Biologiestudium nach München kam, hätte es jedoch den zweiten Teil der Widerstandsaktion mit dem fünften und sechsten Flugblatt nicht in seiner gesteigerten Intensität gegeben. Während die Männer der Widerstandsgruppe im Sommer 1942 an der Front waren, bemühte sie sich um einen Vervielfältigungsapparat und knüpfte Kontakte über München hinaus. Bei der zweiten Flugblattaktion Anfang 1943 war sie durch den Einkauf von Abzugspapier, Umschlägen, Briefmarken und Matrizen, die Finanzbeschaffung und -verwaltung sowie die Verteilung der Schriften unentbehrlich und somit weit mehr als ein „Anhängsel“ der Widerstandsgruppe.

 

Bereitschaft zum Selbstopfer

 

Sophie Scholl wusste, dass dieser Widerstand lebensgefährlich war. So schrieb sie ihrem Freund Fritz Hartnagel: „Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.“ Gegenüber dem befreundeten Maler Wilhelm Geyer soll sie gesagt haben: „Es fallen so viele Menschen für dieses Regime, es ist Zeit, dass jemand dagegen fällt.“ Folgerichtig schlug sie nach ihrer Festnahme im Verhör das Angebot des Gestapo-Beamten aus, eine milde Strafe zu bekommen, wenn sie sich als Opfer ihres Bruders darstellte. Sie bekannte vielmehr: „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“

Noch kurz vor ihrem Tod zeigte sie sich bereit zur Selbstopferung: „Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln Tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden.“ Umso tragischer ist es, dass ihre Ermordung in der Bevölkerung und auch unter ihren Kommilitonen keine unmittelbare Wirkung hatte. Auch als Helmuth James Graf von Moltke das sechste Flugblatt nach England bringen ließ und es von der britischen Luftwaffe hunderttausendfach über deutschen Großstädten abgeworfen wurde, blieben die Deutschen passiv.

 

„Lasst sie zwischen uns sitzen“

 

Fritz Hartnagel schrieb schon 1947 über die Mitglieder der „Weißen Rose“: „Das sicherlich ehrliche Bemühen, ihr Gedächtnis zu wahren, birgt die Gefahr in sich, dass sie auf einem Denkmalsockel stehen, weit über unser tägliches Leben erhaben. Lasst sie uns hereinholen in unsere Hörsäle, lasst sie zwischen uns sitzen.“ Die bei genauerem Blick offengelegte Komplexität und Widersprüchlichkeit Sophie Scholls, die gleichermaßen zweifelnd wie selbstbewusst war, vermag dabei möglicherweise die erkennbare Distanz zwischen ihrer und unserer Lebenswelt zu überbrücken helfen. Ja, gerade weil sie, wie auch ihre Mitstreiter, ein durch ihre Zeit geprägter Mensch mit Fehlern und Schwächen war, dessen Widerstand aus dem inneren Ringen um die richtige Haltung erwuchs, kann sie weiter Vorbild für unsere eigenen Handlungen sein.

Hans Scholls letzte Worte auf dem Richtblock lauteten „Es lebe die Freiheit!“, und auch Sophie schrieb gleichsam als Vermächtnis auf die Rückseite ihrer Anklageschrift zweimal das Wort „Freiheit“. In einer anscheinend ausweglosen Situation folgten die Mitglieder der „Weißen Rose“ ihrem Gewissen, um die Menschen aufzurütteln, das Menschliche zu tun. Heute müssten wir dafür nicht um unser Leben fürchten – umso erstaunlicher, dass wir nach wie vor oft Schwierigkeiten haben, ihrem Appell zu folgen.

 

Judith Michel, geboren 1979 in Tübingen, Wissenschaftliche Referentin, Abteilung Zeitgeschichte, Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

Literatur

Beuys, Barbara: Sophie Scholl. Biografie, München 2010.

Gottschalk, Maren: Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie, München 2020.

Hartnagel, Thomas (Hrsg.): Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937–1943, Frankfurt am Main 2005.

Jens, Inge (Hrsg.): Hans Scholl und Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen, Frankfurt am Main 1989.

Scholl, Inge: Die Weiße Rose, Frankfurt am Main 1952.

Zoske, Robert M.: Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen, Berlin 2020.