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Die Macht der Politik

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Wir sprechen täglich von Macht und wissen doch nicht, was damit gemeint ist. Politisches Handeln ist ohne Macht nicht denkbar, die Definition von Macht bleibt aber ein blinder Fleck. Wer allerdings Macht beansprucht, muss wissen, worum es geht. Die Machtfrage ist für die Politik zentral, nicht zuletzt in einer Zeit, die zerrissen ist zwischen irrlichternden Selbstermächtigungen und ohnmächtiger Machtzügelung. Der Machtfrage ist man vielleicht zu schnell in den letzten Jahrzehnten ausgewichen. Von Macht wird in vielfachem Sinne gesprochen. Es ist wieder einmal die Zeit der Großmächte. Staaten mit imperialem Anspruch nach innen und außen beherrschen die Bühne. Aber auch Personen, Institutionen oder Strukturen werden als Träger von Macht angesehen.

Die Macht des Bundespräsidenten wird in seinen Worten gesucht, die Macht des Bundesverfassungsgerichts zeigt sich eher in zurückhaltender Aufdringlichkeit, die Macht der Verwaltungsapparate wirkt subtil, aber tiefgreifend und umfassend.

Macht wird nicht immer trennscharf von Gewalt oder Stärke unterschieden. Zwar können auch Wörter verletzen, die Macht der Sprache ist allerdings etwas anderes. Stärke als Kraft kann Macht zur Geltung bringen, doch bekanntlich können auch die Schwächsten ihre Macht ausspielen. Die Kirchengeschichte kennt genügend Beispiele. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und viele andere haben es ebenfalls bewiesen.

 

Der Mensch als Ursprung und Grenze der Macht

Ursprung und Begrenzung der Macht wurden an verschiedenen Orten gesucht. Lange Zeit war Gott Quelle und Grenze von Macht, wiederum lange Zeit die Natur. Doch beides scheint nicht mehr einfach zu überzeugen. Gott ist vielen zu fern, die Natur vielen wiederum zu nah, um Macht zu limitieren. Es bleibt also nur noch der Mensch als Ursprung und Grenze der Macht. Das macht die Sache keineswegs einfacher. Im Gegenteil: Die Machtfrage wird umso belastender, wenn sie keine Entlastung mehr durch Gott oder Natur erfährt.

Die Rhetorik der Macht ist selbst ein Machtinstrument im politischen Geschäft. Wer auf Macht aus ist, bedient sich der Macht. Im politischen Feld werden Machtapparate als Trutzburgen oder Sperrriegel installiert. Mediale Präsenz und Inszenierung werden als Machtmittel verstanden. Politische Akteure wollen nicht gern als machtbewusst beschrieben werden, obwohl sie nichts anderes sind und es sogar sein müssen. Doch selbst dem ausgebufftesten Machtpolitiker kann es passieren, dass ihm im politischen Handeln die Macht aus der Hand gleitet oder auch gerissen wird.

Schon die Übersicht zeigt, dass sich der politische Machtbegriff einer einfachen begrifflichen Bestimmung entzieht. Während Repräsentation, Legitimation, Rechtsstaatlichkeit und vieles mehr relativ stabile Bedeutungsräume als politische Termini ausgebildet haben, bleibt die Bedeutung von Macht eigentümlich opak. Der Ausdruck scheint auf ein Netz recht unterschiedlicher und sich zum Teil widersprechender Bedeutungen zu verweisen, deren Zusammenhang implizit bleibt.[1] Auch die neueren Überblicksdarstellungen der politischen Theorie stellen die eigentümliche Zerstreuung des Wortgebrauchs heraus. Macht erscheint dort zugleich als Herrschaft, Gewalt, Wissen, Institution, Kommunikation und Ordnung.[2]

Interessant für unsere Zeit ist besonders, dass im Falle von Macht ihre Kehrseiten oftmals klarer hervortreten als der Begriff der Macht selbst. Was Macht letztlich bedeutet, möge strittig sein und bleiben; was Machtverlust, Machtmissbrauch, Machtanmaßung oder Ohnmacht bedeuten, wird dagegen unmittelbar verstanden – oder man gibt zumindest vor, es zu verstehen. Jeder weiß sofort, dass Machtmissbrauch verwerflich ist, aber kaum jemand will einen positiven Begriff von Macht fassen. Die politische Sprache der Gegenwart scheint in der negativen Polung, die Welt einfacher und schneller zu begreifen. Die entgrenzte Macht des Autokraten, die Ohnmacht zerfallender Staaten oder die moralische Selbstüberschätzung gesellschaftlicher Bewegungen lassen sich meist leichter beschreiben als die positiven Facetten der Macht. Sichtbar wird Macht häufig erst in ihrer Störung, Überdehnung oder Erosion. Die moderne Machttheorie beschreibt Macht deshalb zunehmend nicht als Besitz, sondern als relationale Struktur, die Erwartungen stabilisiert, Wirklichkeit organisiert und Zustimmung erzeugt.

Doch will man sich damit zufriedengeben, dass man keinen klaren Begriff von Macht mehr fassen kann? Will man vor der Bestimmung des Machtbegriffs kapitulieren? Ein solches Zurückweichen kann nicht erstrebenswert sein. Das Feld zu räumen, bedeutet nur, es anderen zu überlassen – meist den Machtgierigen. Gewiss gibt es vielerlei Redeweisen von Macht, konkurrierende theoretische Traditionen und widersprüchliche Beschreibungen. Dennoch lässt sich ein gemeinsamer Kern ausmachen, in dem die verschiedenen Bedeutungen von Macht sich schneiden: Macht zeigt sich dann und Macht ist notwendig, wenn man mit einer Aufgabe betraut wird. Wer mit einer Aufgabe betraut wird und sich dieser Aufgabe stellt, muss sicherlich Fähigkeiten besitzen, um die Aufgabe zu meistern, er muss etwas können. Doch ihm kommt dank einer Übertragung, einer Bevollmächtigung oder Autorisierung immer auch die Macht zu, die Aufgabe zu schultern.

 

Macht bedeutet Verantwortungsfähigkeit

Darum auch ist Macht durch und durch eine Sache des Menschen. Denn nur der Mensch – wie es die philosophische Anthropologie herausstellt – hat nicht einfach ein Leben; Menschen müssen ihr Leben führen. Genau darin liegt der anthropologische Ursprung der Machtfrage. Der Mensch fällt nie vollständig mit sich selbst zusammen und genügt sich selbst. Er bleibt sich selbst gegenüber offen, unabgeschlossen und exzentrisch. Eben deshalb wird ihm sein eigenes Leben zur Aufgabe. Diese Aufgabe kann nicht ohne Formgebung bewältigt werden. Menschen müssen entscheiden, ordnen, gewichten, priorisieren und sich in Institutionen, Rollen, gemeinsamen Traditionen und Ordnungen in Form halten. Macht entsteht somit nicht erst als Herrschaft über andere. Sie ist zunächst Ausdruck menschlicher Weltoffenheit und des menschlichen Anspruchs, etwas aus sich zu machen. Weil der Mensch nicht einfach ist, sondern werden muss, bedarf er der Macht – über Dinge, Situationen und nicht zuletzt über sich selbst. Es ist dem Menschen dank seiner eigenen Natur aufgetragen, sich der Aufgabe des Lebens zu stellen.

Von diesem Aspekt aus gewinnt auch der politische Begriff der Macht eine andere Kontur. Macht bedeutet dann nicht zuerst Durchsetzungskraft, sondern Verantwortungsfähigkeit. Wer Macht hat, besitzt nicht einfach mehr Möglichkeiten als andere; er steht unter dem Anspruch einer Aufgabe, die über ihn hinausweist und die ihm aufgetragen ist. Darin unterscheidet sich Macht von bloßer Willkür. Willkür kennt nur Gelegenheit, Macht dagegen Auftrag. Sie bindet den Handelnden an eine Sache, die nicht frei erfunden werden kann; erst recht nicht von dem Machthaber selbst.

Darum ist Macht auch nicht notwendig das Gegenteil von Freiheit. Macht lebt nicht von blinder Unterordnung, sondern von der Fähigkeit, Aufgaben so sichtbar und greifbar zu machen, dass andere sich in ihnen wiedererkennen können. So ist Macht auch niemals reine Unmittelbarkeit. Sie zehrt von Vermittlung. Wo Vermittlung gelingt, erscheinen Aufgaben als gemeinsame Aufgaben. Wo Vermittlung zerfällt, bleiben nur noch Ermächtigungsfantasien.

 

Eigentümliche Ersatzformen der Macht

Die politische Krise, die in der Gegenwart dazu führt, dass moderne Demokratien an sich selbst zweifeln, lässt sich auch als Krise solcher Aufgabenbeschreibungen verstehen. Vieles spricht dafür, dass moderne Gesellschaften über enorme technische und administrative Möglichkeiten verfügen, aber immer größere Schwierigkeiten haben, zu artikulieren, wofür diese Möglichkeiten eigentlich eingesetzt werden sollen. Verwaltung ersetzt Aufgabe, Steuerung ersetzt Orientierung, Kommunikation ersetzt Urteilskraft. Politik droht zu einem bloßen Management gesellschaftlicher Komplexität zu werden, wenn sie keine gemeinsame Vorstellung davon mehr besitzt, was zu tun ist. Dadurch wird Politik machtlos, und gerade deshalb nimmt die öffentliche Nervosität zu. Wo Aufgaben unscharf werden, verliert Macht ihre Form. Es bleibt dann nur noch der Kampf um Einfluss, Aufmerksamkeit und Deutungshoheit. Die Machtfrage wird personalisiert, moralisiert oder psychologisiert, weil ihre Ausrichtung auf eine Aufgabe verloren geht.

Hierin liegt auch der tiefere Grund dafür, warum moderne Demokratien so empfindlich auf Orientierungslosigkeit reagieren. Demokratien leben nicht allein von Verfahren, Institutionen und Mehrheiten. Sie leben davon, dass Bürger, Regierungen und Institutionen wissen, was zu tun ist, welche Aufgabe ansteht, welche Aufgabe Verbindlichkeit erfordert. Das lässt sich nicht einfach mit Kommunikationsagenturen lösen. Wo dieses Wissen schwindet, entstehen jene eigentümlichen Ersatzformen der Macht, die gegenwärtig fast überall zu beobachten sind: moralische Erregungsöffentlichkeiten, identitäre Selbstvergewisserungsfantasien oder autoritäre Sehnsüchte.

All diese Erscheinungen versuchen auf ihre Weise, den Verlust gemeinsamer Aufgaben zu kompensieren. Doch gerade darin zeigt sich ihre Schwäche. Denn Macht gewinnt Dauer und Beständigkeit nicht aus Lautstärke oder moralischer Selbstgewissheit, sondern aus der Fähigkeit, menschliches Handeln auf eine geteilte gemeinsame Wirklichkeit zu beziehen. Fehlt diese oder wird sie fortwährend geleugnet, zerrinnt Macht, bevor sie gewonnen ist.

Ausgehend davon wird zugleich sichtbar, wie unerquicklich ein falsches Ausspielen von Macht gegen Geist ist. Als ob Macht notwendigerweise Härte, Zwang und Unterdrückung bedeutete, während Geist allein Kritik, Zurückhaltung oder Distanz verkörperte. Tatsächlich exekutieren Menschen nicht einfach Aufgaben; sie formulieren sie überhaupt erst. Keine politische Ordnung lebt von bloßer Energie oder bloßer Durchsetzungskraft. Sie lebt auch nicht einfach von einem euphorischen Tun oder Liefern. Eine Politik des „Deliver“ mag in Zeiten von Pizzalieferdiensten schick sein. Doch wer zahlt hier die Zeche? Macht setzt geistige Formbildung voraus. Ohne Deutung dessen, was notwendig, vernünftig und gerecht ist, bleibt Macht orientierungslos. In Abwandlung einer bekannten Formel Immanuel Kants ließe sich daher sagen: Aufgaben ohne Geist sind leer, Machtansprüche ohne Aufgaben bleiben blind.

 

Macht ohne Geist verkommt zur bloßen Verwaltung

Darin liegt auch der tiefere Grund dafür, dass politische Macht niemals ausschließlich technisch verstanden werden kann. Wo Politik nur noch Verwaltung, Steuerung oder Verfahrenssicherung sein will, verliert sie jene Dimension, aus der sie ihre Legitimität und ihre orientierende Kraft bezieht. Politik erschöpft sich nicht einfach in der geschmeidigen Organisation von Interessen. Damit hat sie auch zu tun, ohne Zweifel. Sie lebt aber ebenso davon, gemeinsame Aufgaben sichtbar zu machen und sich ihnen zu stellen. Anders ließe sich auch keine Idee von Gerechtigkeit fassen. Gerade deshalb gehören Macht und Geist zusammen. Macht ohne Geist verkommt zur bloßen Verwaltung von Zwängen; Geist ohne Macht bleibt folgenlose Selbstgenügsamkeit.

Von hier aus lässt sich schließlich auch die immer wiederkehrende Frage nach dem Verhältnis von Macht und Gewalt neu bestimmen. Nicht selten werden beide Begriffe bedenkenlos gleichgesetzt, als sei Macht lediglich organisierte Gewalt. Doch ein solcher Zugriff bleibt oberflächlich. Gewalt entsteht gerade dort, wo Macht zerfällt. Denn Macht beruht nicht ursprünglich auf Zwang, sondern auf Formgebung, Vermittlung und der Fähigkeit, gemeinsames Handeln zu organisieren. Wo keine gemeinsame Aufgabe mehr Orientierung gibt, wo Institutionen keine Verbindlichkeit mehr erzeugen und das Leben nicht mehr geführt, sondern nur noch behauptet wird, schlägt Macht in Gewalt um. Gerade deshalb wirkt Gewalt stets unmittelbarer, hektischer und sichtbarer als Macht. Macht strukturiert Handlungsmöglichkeiten, Gewalt zerstört sie.

Gewalt erscheint daher nicht als Steigerung der Macht, sondern als Symptom ihres Zusammenbruchs. Wo Macht nicht mehr in der Lage ist, gemeinsame Horizonte zu eröffnen, Sinn zu stiften und Aufgaben sichtbar zu machen, bleibt nur noch die nackte Durchsetzung. Politik verliert ihren geistigen Charakter und verwandelt sich in die Verwaltung von Affekten, Ängsten und Feindbildern. Gerade darin könnte eine der entscheidenden Krisen moderner Demokratien liegen: nicht in einem Zuviel an Machtanmaßung, sondern in einem Zuwenig an Machtvertrauen.
 

Christian Bermes, geboren 1968 in Trier, Professor für Philosophie und Leiter des Instituts für Philosophie, Rheinland-Pfälzische Technische Universität (RPTU), Landau.


[1] Vgl. etwa Mark Haugaard (Hrsg.): Power. A Reader, Manchester / New York 2002.
[2] Vgl. u. a. Ralf Krause / Marc Rölli (Hrsg.): Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart, Bielefeld 2008; Phillip H. Roth (Hrsg.): Macht. Aktuelle Perspektiven aus Philosophie und Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main / New York 2016.