von Malte Gaier
von Valentina von Finckenstein

Libanons junge Generation und das Prinzip Hoffnung

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Aus dem Libanon, dem kleinen Zedernstaat am Mittelmeer, kommen seit langer Zeit fast nur bedrückende Nachrichten. Nach den verheerenden Explosionen im Beiruter Hafen im August 2020 trat die Regierung zurück und hinterließ das Land ohne politische Führung. Wirtschaft und Währung des Libanon befinden sich im freien Fall; dennoch widmen sich die politischen Parteien den üblichen Machtkämpfen um die Aufteilung von Ministerien in einer künftigen Regierung.

Libanons größte Herausforderung besteht in der stark polarisierten Gesellschaft, die von übermäßiger Parteilichkeit und tiefen konfessionellen Spaltungen geprägt ist. Gewaltsame Auseinandersetzungen, ausländische Einflussnahme und Besatzungserfahrungen haben Konfliktlinien und Feindbilder kollektiv verfestigt. Die Wurzeln hierfür liegen in dem fünfzehnjährigen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990.

Die staatlichen Institutionen und etablierten Parteien haben in den Augen vieler ihre Legitimität verloren. Dieser Vertrauensverlust entspringt der weitreichenden Korruption und klientelistischen Misswirtschaft. Der polarisierte Stillstand ist zum „Normalzustand“ geworden, führt zu demokratischen Erosionen und macht alle Aussichten auf Reformen zunichte. Während die wirtschaftliche und soziale Not wächst, klaffen konfessionelle Spaltungen generationsübergreifend weiter auf. Doch wer kann die etablierten Parteien ersetzen? Immer wieder richtet sich die Hoffnung auf die neue Generation, die nicht im gleichen Maße von den Narben des Bürgerkriegs gezeichnet ist und das Potenzial birgt, die Polarisierung der Gesellschaft zu überwinden und überkonfessionelle Brücken zu schlagen.

Die Erfahrung des Bürgerkriegs hat sich tief in das Gedächtnis der älteren Generationen eingebrannt und ist noch allgegenwärtig. Der Großteil der Bevölkerung hat direkt oder indirekt an dem gewaltsamen Konflikt teilgenommen. Tief sitzt daher die Loyalität zu der jeweiligen Bewegung, für die man einst zu den Waffen griff. Der politische Diskurs ist stark von konfessionellen Denkmustern geprägt: Die Parteien betrachten das gegnerische Lager als existenzielle Bedrohung für die eigene Konfession und für die gesamte Nation. Gerade ältere Menschen verbinden mit ihren Parteien Schutz vor anderen Gruppen. Darüber hinaus bieten die Parteien ihren Wählern jene Sozialleistungen, die der ausgehöhlte Staat nicht erbringen kann. Neue politische Bewegungen haben es schwer, gegenüber dieser Konkurrenz zu bestehen.

 

Die Bewegung „You Stink“

 

Im letzten Jahrzehnt war eine wellenartige Mobilisierung der Jugend zu beobachten. Junge Menschen strömten immer wieder mit ehrgeizigen politischen Forderungen, hohen Erwartungen und antikonfessioneller Rhetorik auf die Straßen, verloren jedoch nach einiger Zeit ihre Durchhaltefähigkeit und damit den Glauben an die eigene Gestaltungskraft.

Die jüngere libanesische Generation prägte bereits 2015 die vielleicht wichtigste oppositionelle Bewegung: Die Gruppe „You Stink“ bildete den zentralen Angelpunkt der Proteste gegen die Müllentsorgungskrise im Libanon. Sie war ein Hoffnungsschimmer auf einer gelähmten politischen Bühne und mobilisierte eine gesellschaftlich interessierte und aktive Jugend. Angesichts ausbleibender Reformen mündete der anfängliche Enthusiasmus der Jugend jedoch schnell wieder in politische Frustration.

Hoch waren die Erwartungen, als im Wahljahr 2018 erstmals unabhängige Oppositionskandidaten antraten – bei den ersten nationalen Wahlen nach fast zehn Jahren. Man hoffte, dass sich der antikonfessionelle Diskurs der jüngeren Generation in den Wahlergebnissen niederschlagen und zu einem lang ersehnten politischen Wandel führen würde. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd: Ähnlich wie bei den vergangenen Wahlen gaben rund neunzig Prozent der Wähler ihre Stimme für die gleiche Partei ab. Dabei wiesen die 21- bis 29-Jährigen mit lediglich 47 Prozent sogar die geringste Wahlbeteiligung bei einem Bevölkerungsdurchschnitt von 53 Prozent auf.

Die Beziehung der jungen Libanesen zu ihrer eigenen Konfession stellte sich somit als komplexer heraus, als die kosmopolitische Blase in Beirut zunächst annehmen wollte. Insbesondere im ländlichen Raum sind ideologisches Zusammengehörigkeitsgefühl, traditionelle Weltsicht und die Parteiabhängigkeit stark ausgeprägt. Eine Umfrage nach den Wahlen 2018 ergab, dass junge Menschen zwar eher eine prinzipielle Ablehnung des Konfessionalismus zum Ausdruck bringen, jedoch im gleichen Maße wie ihre Eltern nach religiösen Gesichtspunkten wählen.

 

Desillusioniert über die Politik

 

Ein neuer Höhepunkt der Politisierung trat im Oktober 2019 ein, als landesweite Proteste ausbrachen, die in ihrer konfessionsübergreifenden Zusammensetzung und ablehnenden Haltung gegenüber den traditionellen Eliten neu waren. Insbesondere junge Menschen waren auf den Straßen und forderten den Rücktritt aller etablierten Politiker. Der antikonfessionelle Slogan „kilon yane kilon“ („Alle müssen gehen“) wurde zum Leitgedanken der Auflehnung gegen das Establishment. Das ganze Land wurde über Nacht von der Hoffnung elektrisiert, man könne das statische System doch noch verändern. Der Rücktritt von Premierminister Saad Hariri bestärkte die Demonstranten in ihrer Zuversicht. Doch bald darauf folgte das übliche Spiel: Politische Parteien stritten sich um Ministerien und blockierten die Regierungsbildung über ein halbes Jahr. Je länger greifbarer Wandel ausblieb, desto stärker flauten die Proteste ab. Ähnlich wie nach den Müllprotesten 2015 folgte auf eine Hochphase der Politisierung junger Bevölkerungsgruppen eine Desillusionierung über die Politik.

Die schlummernde Aufbruchstimmung und Wut erwachte nach den Explosionen im Hafen von Beirut im August 2020 erneut. Es waren wieder junge Menschen, die bereits am nächsten Morgen organisiert in den Straßen Nordbeiruts standen, Trümmer aufräumten, Menschen versorgten und Essenspakete austeilten. Der Staat war in diesen Tagen nahezu abwesend. Die Solidarität und das Organisationsgeschick der Jugend waren ein Hoffnungsschimmer in einer trostlosen Situation, und Beirut erlebte ein kurzes Aufkeimen von Optimismus.

Am darauffolgenden „Samstag der Wut“ versammelten sich Zehntausende, größtenteils junge Protestierende, um den Sturz der politischen Elite des Landes zu fordern. Bei Einbruch der Dunkelheit hatten die wütenden Demonstranten drei Ministerien gestürmt, und eine Reihe von Abgeordneten trat zurück – die ersten vielversprechenden Anzeichen dafür, dass die Explosionen das politische System des Landes erschüttern könnten. Doch wie so oft im Libanon folgte auf diese Symbolpolitik keine tiefgreifende Veränderung und die Jugend zog sich wieder resigniert ins Private zurück.

Bereits im Jahre 2020 antworteten 77 Prozent der Libanesen zwischen 18 und 24 Jahren, dass sie aktiv versuchen oder darüber nachdenken, auszuwandern. Dieser Trend führt nicht nur zu einem besorgniserregenden Braindrain, sondern es stellt sich auch die Frage, wer im Land für den Wandel kämpft, wenn die junge, gebildete und Reformen fordernde Generation das Land verlässt.

Die jüngsten Universitätswahlen im November 2020 stimmten Beobachter jedoch wieder hoffnungsvoll, dass die junge Generation doch nicht der vollkommenen Politikverdrossenheit verfallen ist. Der Triumph der unabhängigen Parteien bei den Wahlen an den renommierten Universitäten des Libanons lässt vermuten, dass sich das antikonfessionelle Bewusstsein in der Jugend langsam verfestigt.

 

Gefahr neuer Radikalisierungstendenzen

 

Die Lage für Schüler und Studenten ist jedoch düster: Die Entwertung des Libanesischen Pfunds führt dazu, dass viele die Studiengebühren nicht mehr bezahlen können. Die bekanntesten Universitäten haben ihre Gebühren angepasst und damit den Unterricht für Studenten um 160 Prozent verteuert. Dabei kann der libanesische Arbeitsmarkt mit einer Jugendarbeitslosenquote von über vierzig Prozent nur die wenigsten Graduierten beschäftigen. Im Libanon sind die Durchschnittslöhne in den letzten zwölf Monaten um etwa neunzig Prozent gesunken. Damit rangiert der Libanon neben Afghanistan, Jemen und Äthiopien nun unter den zehn Ländern mit den niedrigsten Löhnen weltweit. Die rapide sozioökonomische Verschlechterung bietet einen Nährboden für den Ausbruch neuer Jugendproteste. Auch die Gefahr neuer Radikalisierungstendenzen unter jungen Libanesen ist real.

Die aktuelle Situation des Libanon erscheint düster, auch im Hinblick auf den politischen Gestaltungswillen der Jugend. Ein Blick in die jüngere Geschichte verrät allerdings, dass man diesen Willen nicht unterschätzen sollte: Die Entschlossenheit und Mobilisierung der jungen Generation kann sich schnell wieder entfachen. Sowohl der Organisationsgrad der oppositionellen Bewegungen als auch der Anti-Konfessionalismus wachsen und verfestigen sich. Die neue Generation hat das Potenzial, sich über alte Parteiabhängigkeiten hinwegzusetzen und so vielleicht doch ein neues politisches System zu etablieren.

 

Malte Gaier, geboren 1984 in Ludwigsburg, Leiter des Auslandsbüros Libanon der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Beirut.

Valentina von Finckenstein, geboren 1994 in Santiago de Chile, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Auslandsbüro Libanon der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Beirut.