Der 4. Juli 1776 ging als Wendepunkt in die Weltgeschichte ein: An diesem Tag erklärten 13 nordamerikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich; es war die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Jahr 2026 feiert die älteste noch bestehende Demokratie ihr 250-jähriges Jubiläum. Seit 1788 fanden alle vier Jahre, selbst in Kriegszeiten, Präsidentschaftswahlen statt. Die amerikanische Verfassung ist seit 1789 ununterbrochen in Kraft.
Das politische System der USA überstand einen Bürgerkrieg, zahlreiche militärische Konflikte fernab des Festlands und einige Skandale um seine Präsidenten. Heute sieht sich die US-Demokratie mit einer politischen Polarisierung konfrontiert, deren Wurzeln schon Jahrzehnte zurückreichen. Die Ära Trump ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklungen. Im Jubiläumsjahr 2026 stehen die USA nicht nur innenpolitisch unter Druck, auch außen- und sicherheitspolitisch richten sie sich neu aus.
Geschichte der USA war immer eng mit Europa verbunden
Seinen Anfang nahm alles im 16. Jahrhundert: mit den ersten spanischen Siedlern in Florida, wenige Jahrzehnte später folgten die Briten und ließen sich in Virginia nieder. Die Pilgerväter brachen 1620 auf dem Segelschiff „Mayflower“ gen Nordamerika auf und gründeten die Kolonie Plymoth, benannt nach dem Ausgangspunkt ihrer Reise, dem englischen Plymoth. 1773 lösten sich die Kolonisten endgültig von ihrer europäischen Heimat und protestierten mit der Boston Tea Party gegen die britische Herrschaft („Keine Besteuerung ohne Repräsentation“). Drei Jahre später war es dann so weit: Die nordamerikanischen Kolonien erklärten ihre Unabhängigkeit.
Nicht nur die Gründungsgeschichte der USA ist europäisch geprägt. Waren es während der Kolonialzeit überwiegend Briten, die nach Nordamerika auswanderten, verließen im 19. Jahrhundert Millionen Deutsche und Iren ihre Heimat gen Amerika. Ende des 19., Anfang des 20.Jahrhunderts kamen Einwanderer aus Italien, Russland, Polen und Österreich-Ungarn. Die europäischen Einwanderungswellen dieser Zeit waren vornehmlich wirtschaftlich begründet. Die Zugewanderten hofften der Armut und dem Bevölkerungswachstum in ihrer Heimat zu entkommen.
Blütezeit der transatlantischen Beziehungen während des Kalten Krieges
Ihre Blütezeit erlebten die transatlantischen Beziehungen während des Kalten Krieges. Der von den USA, auch im eigenen Interesse, initiierte Marshall-Plan legte den Grundstein für den Wiederaufbau und den ökonomischen Aufschwung Westdeutschlands und anderer westeuropäischer Länder. Als die West-Alliierten unter Führung der USA 1948/49 eine Luftbrücke zur Versorgung West-Berlins einrichteten, um die sowjetische Blockade zu umgehen, wurde die damals noch junge Freundschaft zwischen US-Amerikanern und Deutschen entscheidend gestärkt.
Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts garantierte die transatlantische Zusammenarbeit den Frieden in Europa. Der 1979 verabschiedete NATO-Doppelbeschluss als Reaktion auf die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen in den osteuropäischen Satellitenstaaten sollte das Gleichgewicht der Atommächte USA und Sowjetunion wiederherstellen. 1983 stimmte eine Mehrheit im Deutschen Bundestag, wenn auch unter großen Protesten in der Bevölkerung, für die Aufstellung der amerikanischen Pershing-II-Raketen in Deutschland. Die guten transatlantischen Beziehungen erwiesen sich auch Ende der 1980er Jahre als Glücksfall, als US-Präsident George H. W. Bush, trotz der Bedenken von François Mitterrand und Margaret Thatcher, ein Fürsprecher der Deutschen Einheit war.
Blick nach Asien
Das Ende des Kalten Krieges war nicht das von Francis Fukuyama vermutete „Ende der Geschichte“. Im Gegenteil: Die Welt steuerte auf Umbrüche zu, die sich seit den 2020er Jahre in rasanter Geschwindigkeit vollziehen. Im Zuge dieser Entwicklungen hat Europa für die USA immer mehr an Bedeutung verloren. Die transatlantischen Beziehungen sind belastet. Die USA sehen ihre weltweit größten sicherheitspolitischen Herausforderungen nicht mehr auf dem europäischen Kontinent. So bezeichnete Präsident Obama Russland kurz nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014 als Regionalmacht und wertete damit Russland und die von ihm ausgehende Bedrohung massiv ab. Und auch die 2022 begonnene vollumfängliche Invasion Russlands in der Ukraine hat an dem schwindenden Interesse der USA an Europa wenig geändert.
Seit der Ära Obama ist der Blick Washingtons vornehmlich nach Asien gerichtet, was im wirtschaftlichen Aufstieg und an den imperialen Bestrebungen der Volksrepublik China begründet liegt. Präsident Obama fasste den Strategiewechsel in einer Rede vor dem australischen Parlament im November 2011 zusammen, als er davon sprach, dass „die Vereinigten Staaten (…) eine pazifische Macht“ seien „und wir sind hier, um zu bleiben.“ Seit Obamas Präsidentschaft haben sich die nachfolgenden US-Administrationen dieser Ansicht im Grundsatz angeschlossen, wenngleich sich der explizite politische Ansatz gegenüber dem asiatisch-pazifischen Raum jeweils unterschieden hat.
Joe Biden: der letzte transatlantische Präsident
Diese Asien-Pazifik-zentrierte Sicht galt auch für Joe Biden. Und doch betonte der 46. US-Präsident regelmäßig seine irischen Wurzeln. Biden, der seine politische Karriere 1973 als U.S. Senator für den Bundesstaat Delaware begann, wurde in Zeiten des Kalten Krieges sozialisiert. Und obwohl Donald Trump derselben Generation wie Biden angehört, haben für ihn weder die historische Bindung zwischen Alter und Neuer Welt noch seine europäischen Wurzeln Bedeutung.
Das gilt sicher auch für die nachfolgenden Generationen von Spitzenpolitikern, kennen sie doch den Zweiten Weltkrieg oder den Kalten Krieg nur aus Geschichtsbüchern. Die Politikwissenschaftlerin Jana Puglierin stellt in ihrem Buch „Wer verteidigt Europa?“ fest, dass „Biden (…) der letzte US-Präsident gewesen sein [dürfte], der noch fest in der transatlantischen Tradition des Kalten Krieges verankert war. Die nachrückende Generation politischer Entscheidungsträger in Washington ist Europa weniger instinktiv zugewandt.“[1]
Sozialstruktur der USA verändert sich
Einer der Gründe dafür ist die sich verändernde Sozialstruktur. Wanderten fast zwei Jahrhunderte lang vorwiegend Europäer in die USA ein, haben sich die Migrationsströme seit Mitte der 1960er Jahre enorm gewandelt. Mit dem Immigration and Nationality Act von 1965 entfiel die Bevorzugung europäischer Einwanderer. Seitdem migrieren hauptsächlich Menschen aus Mexiko sowie Zentral- und Südamerika in die Vereinigten Staaten. Laut dem Pew Research Center hat sich die Anzahl der US-Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft in den Jahren 2000 bis 2024 von 35,3 Millionen auf 68 Millionen Personen verdoppelt.[2] 1970 lebten in den USA gerade einmal 9,6 Millionen Latinos.
Die sich verändernde Sozialstruktur spiegelt sich auch in der neuen Generation von Entscheidungsträgern wider. Die Familiengeschichte von US-Politikern mit europäischen Wurzeln fällt sehr viel weniger ins Gewicht, da diese entweder zu lange in der Vergangenheit liegt und/oder im Wahlkampf nicht mehr so von Vorteil ist, wie es einst der Fall war. Zudem haben immer mehr Politiker einen Stammbaum, der nicht in Europa wurzelt.
Präsidenten und mögliche Kandidaten
Obama war das erste prominente Beispiel. Auf der Pazifikinsel Hawaii als Kind eines Kenianers und einer US-Amerikanerin mit europäischen Vorfahren geboren, verbrachte er einige Kindheitsjahre mit der Mutter bei seinem Stiefvater in Indonesien. Sein späterer Fokus auf den pazifischen Raum war also vorgezeichnet.
Die linke Hoffnungsträgerin Alexandria Ocasio-Cortez ist puertoricanischer Abstammung. Kamala Harris, die mit einer weiteren Präsidentschaftskandidatur liebäugelt, war die erste Vizepräsidentin mit afroamerikanischen und asiatisch-amerikanischen Wurzeln. Gavin Newsom, der demokratische Gouverneur von Kalifornien wiederum, entstammt in vierter Generation irischen und schottischen Auswandererfamilien.
Auch einer der möglichen Kandidaten für die republikanischen Präsidentschaftsvorwahlen 2028 hat lateinamerikanische Wurzeln: Der amtierende Außenminister Marco Rubio ist Sohn kubanischer Exilanten und hat seit seiner Zeit als U.S. Senator ein hohes Interesse an Zentral- und Südamerika.
Vizepräsident JD Vances setzt weniger auf seine Abstammung; er zeichnet sich durch seinen Nationalismus und seine immer wieder geäußerte Abneigung gegen Europa aus. Erinnert sei an den von The Atlantic veröffentlichten – und nicht für die Öffentlichkeit bestimmten – Chatverlauf einer Signal-Gruppe, in der der Vizepräsident seiner tiefen Verachtung für den alten Kontinent Ausdruck gab.
Konklusion
Die Verbundenheit zwischen den USA und Europa ist heute nicht mehr so eng wie noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neue sicherheitspolitische Prioritäten sind ein wesentlicher Grund dafür, aber auch andere familiäre Wurzeln und politische Einstellungen unter jüngeren US-Politikern. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz davon, dass sich „zwischen Europa und den Vereinigten Staaten (…) eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan“ habe. „Häufiger als früher“, so der Christdemokrat, werde man „verschiedener Meinung sein“.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die transatlantischen Beziehungen auch künftig so stark unter Druck stehen werden wie in der Ära Trump. Doch ihre Blütezeit ist vorbei. Europa muss diese Zeitenwende als Chance begreifen, unabhängiger zu werden, ohne sich von den USA abzuwenden. Denn auch wenn der politische Stellenwert ein anderer ist, sollten die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und Europa weiter gepflegt werden.
Kai-Uwe Hülss ist Politikwissenschaftler und Soziologe mit den Schwerpunkten in politischer und gesellschaftlicher Kultur, Demokratieforschung sowie der Ökonomie. Studium an der Georg-August-Universität Göttingen, Universität Rostock und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mit den Blog "1600 Pennsylvania“ versucht er in polarisierenden Zeiten tiefgehend, unaufgeregt und differenziert über US-Politik zu informieren und diese zu analysieren.
Zur besseren Lesbarkeit von Personenbezeichnungen und personenbezogenen Wörtern wird in der Regel die männliche Form genutzt. Diese Begriffe gelten für alle Geschlechter.
[1] Jana Puglierin: „Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“, S. 152.
[2] „Key facts about U.S. Latinos“, in Pew Research Center: https://www.pewresearch.org/short-reads/2025/10/22/key-facts-about-us-latinos/