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Ein deutscher Student über College-Sport, politische Gegensätze und Gastfreundschaft in den USA

Das Amerika seines Alltags ist offener, herzlicher und weniger gespalten, als es die politische Berichterstattung oft vermuten lässt.

Wer in Deutschland über die Vereinigten Staaten spricht, greift oft zu immer denselben Schlagworten: Polarisierung, Kulturkampf, Identitätspolitik, Waffengewalt, unberechenbare Politik. Vorherrschend ist das Bild eines zutiefst gespaltenen Landes, in dem Familien auseinanderbrechen und die Menschen kaum noch in der Lage sind, miteinander zu reden. In den mittlerweile drei Jahren, die ich in den USA lebe, habe ich ein sehr anderes Amerika kennengelernt. Sicher kein konfliktfreies und auch kein perfektes Land. Aber eines voller Offenheit, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude und Begegnungen, die jenseits der Schlagzeilen kaum Beachtung finden.

Vor drei Jahren bin ich nach meinem Abitur von Berlin in die USA gezogen, um dort im Rahmen eines Fußballstipendiums Politikwissenschaften zu studieren. Ich studiere an der Texas A&M International University und spiele in der Fußballmannschaft der Universität. Wie viele College-Sportler erhalte auch ich ein Stipendium, das die sehr hohen Studiengebühren vollständig abdeckt. Das amerikanische College-System macht es möglich, Spitzensport zu betreiben und seiner akademischen Ausbildung nachzugehen. Studium und Sport sind kein Gegensatz, sie gehören zusammen.  

Diese Kombination gibt es so in Europa kaum, und schon das erzählt viel über Amerika. Jungen Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus, auch aus weniger privilegierten Verhältnissen, eröffnet der College-Sport den Zugang zu einer akademischen Ausbildung. Die Sportprogramme sind das Aushängeschild vieler Universitäten. Sie ziehen Sponsoren und Werbepartner an, füllen die Zuschauerränge und sorgen für beträchtliche Einnahmen, nicht zuletzt durch Fanartikel. Entsprechend investieren die Hochschulen erhebliche Mittel in ihre Teams, die Förderung ihrer Athletinnen und Athleten und in eine erstklassige sportliche Infrastruktur. Trainings- und Studienzeiten werden aufeinander abgestimmt. Es gibt kostenlose Nachhilfe, und akademische Berater unterstützen bei der Stundenplanung und der Kurswahl. An meiner Universität trainieren wir täglich von 10 bis 13 Uhr und besuchen am Nachmittag die Uni-Kurse. In meiner Mannschaft spielen junge Männer aus 14 verschiedenen Nationen: aus Mexiko, den USA, Norwegen, England, Frankreich, Kanada, Kolumbien, Zypern, Ruanda, Italien und Japan. Wir leben alle auf dem Campus in sogenannten Dorms, den Studentenwohnheimen der Universität. Dort teile ich mir eine Wohnung mit drei anderen Fußballern, aus Österreich, Spanien und Ecuador.

Auf dem Platz spielt es keine Rolle, woher jemand kommt oder wie seine Familie politisch aufgestellt ist. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Und durch die viele Zeit, die wir miteinander verbringen, entsteht ein Zusammenhalt, den keine politische Debatte erzeugen könnte. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum Fußball so verbindet. Obwohl „Soccer“ in den USA lange im Schatten von Football und Basketball stand, erlebt der Fußball inzwischen einen regelrechten Boom.

Besonders eindrücklich habe ich das in den vergangenen Monaten rund um die Fußball-Weltmeisterschaft erlebt. Viele Fans, die derzeit durchs Land reisen, berichten genau das, was ich in den vergangenen Jahren erfahren habe: große Gastfreundschaft, Offenheit und eine positive Stimmung, die überhaupt nicht zu dem USA-Bild passt, das man aus der Medienberichterstattung kennt.

Trotz aller kulturellen Unterschiede habe ich als ausländischer Student immer wieder erlebt, wie selbstverständlich Menschen auf einen zugehen, ihre Hilfe anbieten und einen großzügig unterstützen. Sowohl Professoren und Kommilitonen als auch die Familien von Teamkameraden, haben mich mit einer Herzlichkeit aufgenommen, die jede Erwartung übertroffen hat.

Unvergesslich sind mir meine Thanksgiving-Einladungen der beiden vergangenen Jahre. Zwei meiner amerikanischen Teamkollegen hatten mich eingeladen. Die Familie des einen war klar demokratisch eingestellt, die des anderen klar republikanisch. So unterschiedlich die beiden Haushalte politisch verortet waren, in ihrer Gastfreundschaft und ihrem aufrichtigen Interesse an meiner Herkunft und meinem Blick auf die Welt waren sie sich verblüffend ähnlich. Ich wurde mit einer Selbstverständlichkeit aufgenommen, als hätte ich immer dazugehört. In beiden Familien wurde politisch diskutiert. Beeindruckt hat mich dabei, wie sehr die Meinungen des Gegenübers respektiert wurden. Aber das Wichtigste war, eine gute gemeinsame Zeit zu verbringen.

Natürlich gibt es politische Spannungen in den Vereinigten Staaten. Und es gibt Probleme, über die auch an den Universitäten heftig gestritten wird. Dazu gehören in Texas eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze der USA und ein ausgesprochen „großzügiges“ Waffenrecht, das fast jedem ab 21 erlaubt, eine Waffe zu tragen. Ich habe aber den Eindruck, dass sich die meisten in ihrem Alltag mehr über ihren Beruf, ihren Sport oder ihr College definieren. Doch der hilfsbereite Nachbar, die Fußballmannschaft mit Spielern mit Spielern aus unterschiedlichen Nationen und die Zugewandtheit der Menschen finden ihren Weg nicht so schnell in die Medien. Wir sollten gerade in diesen polarisierten Zeiten die guten Seiten der Vereinigten Staaten nicht aus den Augen verlieren. Denn unabhängig von allen politischen Diskussionen verbindet Deutschland und Amerika immer noch sehr viel. Millionen Menschen haben familiäre, kulturelle oder freundschaftliche Beziehungen in die USA. Die amerikanische Kultur, Musik und der Sport prägen seit langem den Alltag vieler Deutscher. Beide Länder teilen grundlegende Werte wie Freiheit, Demokratie und gesellschaftliche Offenheit.

Dass die Vereinigten Staaten gerade das 250-jährige Jubiläum ihrer Demokratie feiern, sollten wir vielleicht zum Anlass nehmen, wieder an das Verbindende, das Gemeinsame zu erinnern. Nach drei Jahren, die ich nun in den USA lebe, bin ich weit davon entfernt zu behaupten, dass das Land frei von Problemen sei. Viele der Entwicklungen in der Innen- und Außenpolitik bereiten mir Sorgen. Aber das Amerika, das ich kennengelernt habe, ist sehr viel herzlicher, offener und weniger gespalten, als ich erwartet hatte. Für mich ist Amerika ein Land, das jungen Menschen wie mir Chancen bietet. Ein Land, das Menschen aus aller Welt zusammenbringt und Fremde willkommen heißt.

Konrad-Adenauer-Stiftung

Heiko Drömer studiert Politikwissenschaft an der Texas A&M International University (TAMIU) in den USA. Seit 2023 studiert und spielt er mit einem Fußballstipendium an US-amerikanischen Universitäten und verbindet dabei seine akademische Ausbildung mit dem College-Fußball.

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