Konrad-Adenauer-Stiftung

"Das Leben, das wir vor dem 24. Februar geführt haben, wird es so nicht mehr geben."

Bogdan ist Ukrainer und Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Wir haben mit ihm gesprochen.

#standwithukraine ist das Motto des Tages der KAS. Wir haben mit Bogdan Garkusha gesprochen, einer von dreißig ukrainischen Stipendiaten der Stiftung. Wie haben er und und seine Mitstipendiaten den Angriffskrieg gegen ihr Land erlebt? Und was erwarten und wünschen sie sich von uns Deutschen?

Lieber Bogdan Garkusha, du bist einer von mehr als 30 ukrainischen Stipendiatinnen und Stipendiaten. Wie waren die vergangenen Wochen und Monate für euch?

Das letzte halbe Jahr hat nicht nur unser Leben und das unserer Familien verändert, es hat die ganze Welt verändert. Der 24. Februar teilt unser Leben in ein Vorher und Nachher. Und dann sind da noch die, für die der Krieg schon acht Jahre andauert. Dank vieler Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt ist die Flucht inzwischen weniger schwierig. Wie jeder und jede einzelne von uns den Krieg wahrnimmt, ist zwar sehr unterschiedlich, aber die Lage bleibt angespannt: Viele Familien sind hunderte oder tausende Kilometer voneinander getrennt.

Du engagierst dich in zahlreichen Initiativen. Erzähl uns, was Du und die anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten tun?

Wir ukrainischen Stipendiatinnen und Stipendiaten waren schon vor dem 24. Februar an vielen europäischen Initiativen beteiligt. Doch seit Beginn der Februar-Invasion machen wir sehr viel mehr als nur Freiwilligenarbeit. Wir setzen uns zum Beispiel für humanitäre Hilfe ein, dolmetschen, wo immer wir gebraucht werden, unterrichten Deutsch, helfen bei Behördengängen. Und wir informieren: Wir werten die Sozialen Medien aus, machen auf Fake-News aufmerksam. Das hört sich vielleicht alles etwas kleinteilig an. Aber es ist wichtig.

Einige ukrainische Stipendiatinnen und Stipendiaten haben ein Seminar organisiert, bei welchem auch du dabei warst. Ursprünglich sollte es in Charkiw, in der Ostukraine, stattfinden. Dann kam die Februar-Invasion. Inzwischen hat das Seminar in Berlin stattgefunden. Wie hast Du den Austausch mit den deutschen Kommilitoninnen und Kommilitonen erlebt?

Wichtig war uns die Botschaft, dass der Krieg bereits vor acht Jahren begonnen hat. Wir wollten darüber informieren, was in der Ukraine passiert, und warum der Widerstand der Ukrainer für die Zukunft der europäischen Demokratie so wichtig ist. Ich würde mir wünschen, mehr junge Leute würden sich für den Krieg in unserer Heimat interessieren und sich nicht scheuen, ukrainische Studierende anzusprechen und sie zu fragen, was in unserem Land wirklich vor sich geht. Wer, wenn nicht wir, ist in der Lage, aus der Ukraine zu berichten. Wir haben dort unsere Familien, wir wissen, was dort geschieht. In Zeiten, in denen so viele Falschmeldungen kursieren, ist es nicht immer leicht, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Hier haben wir mit unserem Seminar weitergeholfen. Die Teilnehmenden sind nun in der Lage, differenzierter mit Informationen umzugehen und können sie besser einordnen. Aber es braucht sehr viel mehr solcher Begegnungen.

Konrad-Adenauer-Stiftung
Bogdan mit ehemaligen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung Hans-Gert Pöttering

Du warst Koordinator bei „Science for Ukraine“, einer Plattform, die Kontakte von ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu potentiellen Arbeitgebern herstellt. Wie wichtig ist es, angesichts des Krieges in Eurer Heimat, an Wissenschaft und Bildung festzuhalten?

Ungemein wichtig! Ohne Wissenschaft und Forschung sind wir Menschen zum Scheitern verurteilt. Es braucht neue Ideen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und künftige Kriege in Europa zu verhindern. Und wenn jemand für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann, hilft es ihm natürlich. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen eine Perspektive. Und genau hier setzt die Plattform an. Sie vermittelt Ukrainerinnen und Ukrainern Jobs an europäischen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten.

Viele, die nach Deutschland geflohen sind, haben bereits in der Ukraine studiert. Was rätst du ihnen?

Das Leben, das wir vor dem 24. Februar geführt haben, wird es so nicht mehr geben. Wir müssen uns den neuen Gegebenheiten anpassen. Dazu gehört, dass wir unsere Ausbildungen fortsetzen, dass wir lernen und die Erfahrungen, die wir in der Welt machen, miteinander teilen. Und wir müssen nach den guten Momenten im Leben suchen – auch wenn es manchmal unmöglich erscheint. Ich setze große Hoffnungen auf die nachfolgenden Generationen: auf die Kinder. Wir müssen sie vor dem Krieg beschützen, ihnen das Gefühl geben, dass sie dort, wo sie sind, in Sicherheit aufwachsen. Sie können nichts dafür, dass es diesen Krieg gibt. Sie sind Opfer. Und sie sind die Zukunft der Ukraine.

„Aber wir müssen nun auch gemeinsam dafür einstehen, dass der Krieg in meinem Land nicht irgendwann stillschweigend hingenommen wird“

Bogdan Garkusha

Was wünschst du dir von deinen Konstipendiatinnen und -stipendiaten und von der deutschen Gesellschaft?

Vorneweg möchte ich allen danken, die die Ukraine unterstützen und die Ukrainern helfen, die nach Deutschland vertrieben wurden. Aber wir müssen nun auch gemeinsam dafür einstehen, dass der Krieg in meinem Land nicht irgendwann stillschweigend hingenommen wird. Es braucht einen neuen Ansatz in den ukrainisch-deutschen Beziehungen. Schön wäre, wenn unsere deutschen Konstipendiatinnen und -stipendiaten aktiver wären. Dass sie im Netz gegen Fake-News vorgehen und Informationen teilen würden. Und dass sie diskutieren: mit ihren Abgeordneten, mit anderen Studierenden und in ihren Familien. Der Krieg in der Ukraine muss im öffentlichen Bewusstsein fest verankert sein. Und wenn ich mir noch etwas wünschen darf: Dass junge Menschen es wertschätzen, dass sie in einer friedlichen Welt leben. Wir müssen uns unserer demokratischen Werte bewusst sein, und wir müssen über sie sprechen: Damit wir uns alle darüber im Klaren sind, wie wichtig die Demokratie für jeden von uns ist. Wir brauchen runde Tische, mit Abgeordneten, mit Experten, aber auch mit Geflüchteten. Hier zählt jedes Gespräch, jede Geschichte, die weitererzählt wird.

Möchtest du noch einen Blick in die Zukunft und die deines Landes wagen?

Als erstes müssen wir alles in unserer Macht Stehende dafür tun, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Nicht nur, weil damit die Sicherheit Europas eng verknüpft ist, sondern weil sie als Staat nur so eine Zukunft hat. Dass wir während der Kriegshandlungen nicht über Investitionen oder umfassende Reformen sprechen, versteht sich von selbst. Aber das heißt nicht, dass wir die Zukunft ausblenden. Wir müssen den Krieg gewinnen, Rechtsstaatlichkeit schaffen, die Korruption bekämpfen und uns in die Europäische Union integrieren – so sehe ich die Zukunft der Ukraine.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute dir und deiner Familie.