Berliner Mauern | Flickr

Seit dem 21. Mai 2021 ruhen die Waffen zwischen Israel und der Hamas. Doch die Beunruhigung über die Reaktionen in Deutschland bleibt. Der Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung analysiert die Ursprünge und Ausdruckformen eines „neuen“ Antisemitismus.

Die antisemitischen Ausschreitungen und Parolen auf pro-palästinensischen Demonstrationen in Europa haben der Diskussion um eine „neue Form“ des Antisemitismus Auftrieb gegeben. Neben dem jahrhundertealten christlichen Judenhass und den „modernen“ Formen des Antisemitismus, vor allem von rechts, aber auch von links, artikuliert sich hier eine neue Ausprägung des Judenhasses, die oft vereinfachend als „islamisch“ oder „migrantisch“ beschrieben wird. Wie immer, wenn es um die Themen Islam, Migration und Integration geht, ist die Debatte geprägt von Schuldzuweisungen, Relativierungen, Diskriminierungen und Selbstimprägnierungen. Die Suche nach Antworten auf den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland wird so zum Nebenschauplatz identitätspolitischer Grabenkämpfe. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Eine angemessene Beschreibung und Analyse des Problems und daraus abgeleitete Antworten und Gegenstrategien sind kaum möglich. Mindestens drei Entwicklungen sprechen dafür, die jüngsten Proteste als Artikulationen einer neuen Form von Antisemitismus zu betrachten: die zunehmende Alltagspräsenz islamistischer Diskurse, die wachsende Beeinflussung aus dem Ausland von Teilen muslimisch-migrantischer Milieus und das Erstarken einer antisemitisch gefärbten Jugend- und Protestkultur.

Es ist unbestritten, dass die islamische Tradition – ebenso wie die christliche – antijüdische Positionierungen aufweist. Bemerkenswert ist allerdings, dass ein Antijudaismus, wie ihn das Christentum prägte, im islamischen Raum lange unbekannt war. Die antijüdischen Bezüge der Gründungstexte des Islam führen deshalb keineswegs zwingend in eine antisemitische Gegenwart. Dass dies von vielen anders wahrgenommen wird, liegt vor allem an der zunehmenden Diskursmacht der politischen Ideologie des Islamismus. Die vor etwa hundert Jahren entstandenen gesellschaftspolitischen Bewegungen der Islamisten waren von Beginn an strukturell antisemitisch. Im Weltbild der Vordenker des Islamismus spielen – oft aus dem Westen importierte – antisemitische Grundkonzepte nicht nur eine wichtige, sondern eine konstituierende Rolle. Antisemitismus, aber auch Verschwörungsglauben und Opfermythen gehören somit zur DNA des modernen Islamismus. Dies gilt nicht nur für die Vertreter des gewaltsamen Islamismus, sondern auch für Akteure und Bewegungen, die einen „legalistischen“ oder nicht-gewaltsamen Islamismus propagieren, allen voran die Muslimbruderschaft. Gerade letztere Bewegungen sind in Europa zunehmend präsent und prägend.

Die Diskursmacht legalistischer Islamisten verweist auf die zweite Entwicklung: zunehmend problematisch werdende Versuche der Beeinflussung von deutschen oder in Deutschland lebenden Muslimen durch ausländische Staaten und Akteure. Über Jahrzehnte haben vor allem arabische Regime den politischen Islam auch dadurch bekämpft, dass sie die Islamisierung der Gesellschaft zugelassen und vorangetrieben haben. Ursprünglich islamistische Vorstellungen und Konzepte drangen so in den gesellschaftlichen Mainstream ein und wurden debattenprägend. Verstärkt wurde dieser Trend durch staatlich geförderte anti-israelische Propaganda, die sich oft antisemitischer Klischees bediente und so für islamistische Konzepte anschlussfähig wurde. Im arabischen Sprachgebrauch wurde immer seltener zwischen „Jude“ und „Israeli“ unterschieden. Ganze Generationen im Nahen Osten wuchsen nicht nur mit islamistischen Ideen, sondern auch mit antisemitischen Karikaturen und Lerninhalten auf. Diese Prägungen bleiben bei der Übersiedlung nach Deutschland oft erhalten und werden durch die Religions- und Medienpolitik der Heimatländer weiter bedient. Antisemitismus wird so zum Instrument der Bindung ans Herkunftsland und zu einer Art Heimatfolklore.

Die dritte problematische Entwicklung ist eine unmittelbare Folge dieser Auslandsbindung und Auslandsbeeinflussung. Gestärkt durch Fernsehserien, staatlich kontrollierte Nachrichten, ausländische Religionsfunktionäre, Influencer und soziale Medien hat sich auch in Deutschland eine Jugendkultur etabliert, die antisemitische Einstellungen als Teil der Identitätsbildung praktiziert und längst über migrantische Milieus ausstrahlt. In die Kritik geraten sind hier vor allem sogenannte Gangsta-Rapper. Aber auch darüber hinaus gehören judenfeindliche Gesten, Verschwörungs- und Opferdenken, religiös legitimiertes Mobbing und die Überidentifizierung mit Palästina mittlerweile zum Repertoire jugendlichen Protest- und Provokationsverhaltens. Antisemitismus ist – so empörend das klingt – hip geworden.

Diese drei Entwicklungen machen deutlich, dass neben die bekannten und nach wie vor gefährlicheren und verbreiteteren Formen und Ausprägungen des Antisemitismus in Deutschland eine neue Artikulationsform getreten ist. Sie verlangt nach neuen Antworten und Gegenstrategien: Erstens muss der Kampf gegen den Antisemitismus verstärkt die Aktivitäten islamistischer Gruppierungen und Akteure, auch aus dem nicht-gewaltsamen Spektrum, in den Blick nehmen. Dafür bedarf es in Politik und Wissenschaft einer weitaus systematischeren Auseinandersetzung mit dem Islamismus in seiner gesamten Bandbreite. Zweitens sollte der Kampf gegen den Antisemitismus stärker als außenpolitische und diplomatische Herausforderung begriffen werden. Staaten, die den Antisemitismus in Deutschland als Teil ihrer Außenpolitik oder ihrer Religionsdiplomatie fördern, können keine Partner sein. Und drittens muss verhindert werden, dass antisemitische Gesten und Haltungen in Teilen der Jugendkultur weiterhin Anklang finden. Eine weit stärkere Regulierung sozialer Medien, eine systematische Verankerung von Aufklärungs- und Deradikalisierungsmaßnahmen im schulischen Regelbetrieb und nicht zuletzt eine öffentliche Thematisierung und Strafverfolgung judenfeindlicher Aussagen und Handlungen erscheinen notwendig. Antisemitismus ist auch dann keine Meinung, wenn er sich in neuen Formen artikuliert.

Dr. Andreas Jacobs leitet die Abteilung Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Hauptabteilung Analyse und Beratung (AuB) der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Er ist seit 2002 für die Stiftung in verschiedenen Funktionen zu den Themen Nahost, Sicherheit und Religionspolitik tätig. Von 2007 bis 2012 leitete er das Auslandsbüro der Stiftung in Kairo. Zwischen 2013 und 2016 arbeitete er am NATO Defense College in Rom und war hier als Research Advisor für die Schulungsprogramme der NATO mit Offizieren aus dem Nahen Osten zuständig. Vor seiner Tätigkeit für die KAS war Andreas Jacobs von 1998 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Politische Wissenschaften der Universität zu Köln. Er hat Politik-, Islamwissenschaft und Germanistik in Köln, Tunis und Kairo studiert und war Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, des DAAD und der ZEIT-Stiftung.

 

Weiterführende Literatur:


​​​​​​​Konfrontative Religionsausübungen von muslimischen Schülerinnen und Schülern (kas.de)

Streit um den (politischen) Islam (kas.de)

Imame – made in Europe? (kas.de)

Die Muslimbruderschaft im Westen (kas.de)

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