Ja, es ist gerade ziemlich leicht, sich über die sogenannten Dubai-Influencer lustig zu machen. Und ja: Angesichts des denkbar grausamsten Einfalls der Realität in Form eines ausgewachsenen Krieges in deren Instagram-Welt mag es hier und da an Empathie und Sensibilität mangeln. Alles möglich. Und auch richtig ist: Die Gefahr, jetzt wie ein konsum- und medienkritischer Sozialkundelehrer zu klingen, ist groß.
Dennoch ist es an der Zeit für ein paar Zwischenrufe. An uns!
Denn es sind die Konsumentinnen und Konsumenten – also wir – die hinter dem Geschäftsmodell der Eskapisten in Dubai und den anderen Golfmonarchien stehen. Mit jedem Wisch und unserer Aufmerksamkeit in Form von Zeit belohnen wir den Glitzercontent dieser Leute, die nun sogar unter Beschuss weiterhin liefern und dabei auch das jeweilige Regime kräftig loben. Weil es besser für sie ist. Das ist halt der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur. Wer sich dieser Tage in Deutschland etwas aufgekratzt mit dem Begriff Meinungsfreiheit beschäftigt, sollte sich die Sache näher ansehen. Das gilt auch für diejenigen, die den demokratischen Rechtsstaat nur noch als räuberische Organisation betrachten, dem es nur ums Kassieren gehe. Schließlich soll ausgerechnet dieser Staat jetzt den Steueroasenbewohnern mit deutschen Papieren zur Hilfe eilen.
Es ist eine Binse, dass wir in hochpolitischen Zeiten leben. Europa wird vom schlimmsten Landkrieg seit 1945 erschüttert. Doch anders als Dubai (wir denken die anderen Monarchien mit) ist Kyiv kein Ballungsraum für Influencer. Das würden wir bei unserer Weltflucht am Smartphone auch nicht sehen wollen. Beide Orte könnten kaum weiter voneinander entfernt sein.
Kyiv ist die Hauptstadt einer osteuropäischen Demokratie, die sich auf den Weg nach Westen gemacht hat, deren Bewohner nach Freiheit, Selbstbestimmung und auch Wohlstand suchen. Deshalb wird Kyiv, deshalb wird die ganze Ukraine von Russland mit einem barbarischen Krieg überzogen. Dubai (wir denken die anderen Monarchien erneut mit) ist eine obszön reiche Stadt, in deren Alltag Politik keine Rolle spielen darf, da Politik das Geschäft eines absolutistischen Herrschers ist – und niemand sonst hat sich da einzumischen.
Die Ukraine und die Golfmonarchien stehen dennoch in einer engen Verbindung zueinander. Dubai und die anderen Glitzerplätze des Nahen Ostens sind für Russland wichtig, da russisches mit Blut beschmiertes Geld bei ihnen gerne gesehen ist und da sie beim Unterlaufen der Sanktionen gegen Putins Regime generell sehr hilfreich sind. Damit schaden diese Monarchien Europa.
Diesen Zusammenhang unsichtbar zu machen ist auch das Geschäftsmodell der Influencer, die tatsächlich gut bezahlte und höchst nützliche Idioten der Golfregenten sind. Dass wir darüber kaum bis gar nicht sprechen, bleibt allerdings unser Problem.
Jan-Philipp Hein, Journalist und Kolumnist, lebt und arbeitet in Berlin. Mitbegründer und Herausgeber der Salonkolumnisten.