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Szenarien für einen neuen Nahen Osten

Nach der gezielten Tötung Ajatollah Ali Khameneis hat der Krieg zwischen Israel und dem Iran eine neue Eskalationsstufe erreicht. Fünf Szenarien zeigen, wie sich der Konflikt entwickeln könnte, vom Regimekollaps in Teheran bis zu einem neuen politischen Prozess im Nahen Osten.

Der 28. Februar 2026 markierte mit der gezielten Eliminierung Ajatollah Ali Khameneis durch Israel und die USA einen strategischen Wendepunkt. Israel vollzog damit den offenen Übergang von einer Eindämmungsstrategie zu einer aktiven Regimewechselstrategie im Iran. Aus israelischer Sicht war dies ein notwendiger Schritt zur Sicherung der nationalen Existenz gegen die Nuklear-, Raketen- und Proxybedrohungen Teherans. Der Iran wiederum provoziert durch seine Gegenangriffe auf Israel, die arabischen Staaten am Golf, US-Militärstützpunkte, das NATO-Mitglied Türkei und weitere Ziele einen regionalen Krieg mit unvorhersehbaren Folgen. Fünf mögliche Szenarien sollen helfen, zu verstehen, wie es weitergehen könnte und welchen Einfluss der Krieg auf den Nahen Osten, Europa und darüber hinaus haben könnte.

In der ersten Woche des Krieges feuerte der Iran insgesamt mehr als 660 Raketen und 1.900 Drohnen auf benachbarte Staaten und griff insgesamt 11 Länder an.[1] Die Golfstaaten standen dabei signifikant stärker unter Beschuss als Israel: So feuerte das iranische Regime in den ersten Tagen des Krieges 2,5-mal mehr Raketen und 20 % mehr Drohnen auf die arabischen Nachbarn als auf Israel.[2] Seit dem ersten Kriegstag ist die Zahl der Angriffe auf Israel hingegen kontinuierlich zurückgegangen. Dies ist vor allem auf die mehr als 10.000 Luftangriffe Israels sowie der USA und die gezielte Zerstörung der ballistischen Abschusskapazitäten des Irans zurückzuführen.[3]

Schwerer als die iranischen Angriffe wiegen mittlerweile die zunehmenden Attacken der Terrororganisation Hisbollah, die Israel mit Drohnen und Raketen bombardiert. Eine israelische Bodenoffensive im Süden des Libanon hat bereits begonnen.
 

Fünf Szenarien

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Lage weiterentwickelt. Die Dynamik des Konflikts, die Vielzahl der beteiligten Akteure sowie die unterschiedlichen strategischen Zielsetzungen eröffnen mehrere denkbare Entwicklungspfade mit jeweils unterschiedlichen Konsequenzen. Zur besseren Einordnung der Situation werden fünf denkbare Szenarien skizziert. Sie dienen nicht der Vorhersage und decken auch nicht alle Eventualitäten ab. Vielmehr sollen sie als analytisches Instrument helfen, Risiken, Chancen und Konsequenzen der weiteren Entwicklung systematisch zu erfassen.
 

Szenario 1: Das iranische Regime kollabiert

Ein Zusammenbruch der iranischen Zentralgewalt – als Folge von israelischen und US-Luftangriffen, fehlenden Ressourcen und wachsender Unzufriedenheit im Iran – würde ein abruptes Machtvakuum erzeugen, das in einen Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden ethnischen und politischen Gruppen münden könnte. Israel, die USA sowie arabische Staaten könnten durch ihre Unterstützung für verschiedene Gruppen die Rückkehr einer starken Zentralmacht im Iran mittelfristig verhindern. Das Chaos im Land würde eine massive Fluchtbewegung auslösen, in erster Linie Richtung Türkei. Dies könnte schnell zu einer humanitären Krise im Grenzgebiet zur Türkei führen und erheblichen Druck auf Europa und die UN ausüben.
Das Ende der iranischen Regierung würde Israels Handlungsoptionen gegenüber den anderen Mitgliedern der „Achse des Widerstands“, wie der Hisbollah im Libanon, der Huthis im Jemen und der Hamas in Gaza, erweitern. Im Iran bestünde jedoch die Gefahr, dass verschiedene Gruppen Zugang zu Waffen und möglicherweise auch nuklearem Material erlangen könnten. Daher könnten Israel und die USA Spezialkräfte zur Sicherung nuklearer Materialien einsetzen, was mit erheblichen Risiken verbunden wäre.
In Israel würde der militärische Erfolg die Regierung von Premierminister Netanjahu stärken, der die für spätestens Oktober dieses Jahres vorgesehenen Wahlen vorziehen und politisch davon profitieren könnte.
 

Szenario 2: Ein langfristiger Abnutzungskrieg

Hält das iranische Regime trotz schwerer Bedrängnis stand, entwickelt sich ein Abnutzungskrieg, der durch tägliche iranische Raketen- und Drohnenangriffe geprägt ist. Israel und die USA würden mit präzisen Schlägen reagieren, vermeiden jedoch einen Bodenkrieg auf iranischem Gebiet. Das Regime in Teheran militarisiert sich im Inneren weiter, und die Repression nimmt völlig neue Dimensionen an. Die Straße von Hormus bleibt hochgradig instabil, Energiepreise steigen weltweit, und Lieferketten geraten unter Druck. Der Anreiz für den Iran, eine Atomwaffe zu bauen, würde stark ansteigen. China und Russland unterstützen Teheran diplomatisch und technologisch, während in Israel der innenpolitische Druck zunimmt und Wahlen so spät wie möglich angesetzt werden. Auch in den USA würde der innenpolitische Druck auf den Präsidenten wachsen. Die Fortführung des Krieges durch die USA würde zunehmend unsicher.
 

Szenario 3: Eskalation des Krieges

Eine weitere Verschärfung der Lage würde entstehen, wenn der Iran seine Angriffe ausweitet. Während die Raketenabschussrampen zunehmend zerstört werden, verfügt der Iran weiterhin über sein Heer und die Revolutionsgarden, die für Angriffe auf Nachbarstaaten genutzt werden könnten. Zudem könnte der Iran die Angriffe mit Drohnen und Kurzstreckenraketen auf die Golfstaaten ausweiten und einen direkten Gegenangriff provozieren. Auch die Huthis könnten die Schifffahrt im Roten Meer wieder ins Visier nehmen und Containerschiffe angreifen, während die Kämpfe gegen die Hisbollah im Libanon eskalieren. Angesichts der unkontrollierbaren Eskalation könnte die NATO erwägen, Kräfte an die türkische Grenze zu entsenden. Israel führt gleichzeitig Mehrfrontenoperationen gegen Terrorgruppen in seiner Umgebung und den Iran durch. Weltweit erreichen Energiepreise neue Rekordhöhen, maritime Routen werden unsicher, und Lieferketten aus Asien geraten unter Druck. Inmitten dieser Dynamik wird Teheran einen starken Anreiz haben, schnell eine Atomwaffe zu entwickeln. Aus israelischer Perspektive wäre dies das schlimmstmögliche Szenario.
 

Szenario 4: Ende der Gewalt, nicht des Konfliktes

In diesem Szenario erklärt Präsident Trump einseitig den Sieg und zieht einen Teil der amerikanischen Truppen ab. Militärisch konzentrieren sich die USA auf den Schutz der Golfstaaten, was Israels Fähigkeit, alleine weiterzukämpfen, einschränkt. Das iranische Regime bleibt an der Macht, und eine strategische Veränderung der iranischen Politik scheint unwahrscheinlich. Zwar endet die Gewalt vorerst, doch der Konflikt zwischen Israel und den USA mit dem Iran bleibt bestehen. Der Charakter des Konflikts ähnelt dem vor der Eskalation im Jahr 2024. Der Iran reorganisiert seine Machtstrukturen und verlagert die militärische Auseinandersetzung stärker auf Stellvertreter wie die Hisbollah, irakische Milizen und die Huthis. Vermittlungen schaffen eine informelle Waffenruhe, die Eskalationen eindämmt, ohne den Konflikt zu lösen. Die Energiepreise würden sich allmählich stabilisieren, aber sektiererische Spannungen und asymmetrische Gewalt, vor allem durch iranische Proxies, blieben bestehen. Die israelische Regierung würde von einem solchen Szenario nicht profitieren und Neuwahlen hinauszögern.
 

Szenario 5: Ein neuer Prozess, den Konflikt zu lösen

In diesem Szenario kommt es zur Etablierung einer neuen Regierung in Teheran, die daran interessiert ist, die Gewalt zu beenden und den Konflikt zu lösen. Nachdem Israel und die USA die Führungsriege des Regimes im Iran eliminiert haben, setzt sich eine Gruppe durch, die an Verhandlungen und Ausgleich interessiert ist. Die USA und weitere Staaten bemühen sich darum, einen diplomatischen Prozess zu starten. Die Gewalt nimmt ab, der Abbau der Sanktionen wird in Aussicht gestellt, im Gegenzug beendet der Iran seine Unterstützung für diverse Proxies und übergibt radioaktives Material an Inspektoren. Die Energiepreise stabilisieren sich, und die globalen Rezessionsrisiken gehen zurück, wenngleich politische Unsicherheiten bestehen bleiben. Kurzfristig bleibt der Konflikt eingefroren, aber neue Kommunikations- und Vermittlungskanäle könnten perspektivisch zur regionalen Entspannung beitragen. Staaten der Region würden beginnen, in direkten Gesprächen den Konflikt zu adressieren und sich gegenseitig anzuerkennen. Die Hisbollah würde sich von der israelischen Grenze zurückziehen, während die Regierung im Libanon Pläne zur Entwaffnung diskutiert. Die israelische Regierung würde durch Veränderungen innerhalb des Irans sowie im Libanon profitieren und an Popularität gewinnen.

„Für Israel wird der weitere Verlauf des Krieges maßgeblich darüber entscheiden, ob sich eine sicherheitspolitisch dominierte Innenpolitik weiter verfestigt oder neue Spielräume für politische und gesellschaftliche Neuausrichtungen entstehen.“

Michael Rimmel & Pascal Franz

Ausblick

Wann endet der Krieg? Welche Auswirkungen hat der Krieg auf das politische System des Iran? Wie sieht der Nahe Osten aus, wenn die Gewalt endet? Wird der Iran weiterhin die Vernichtung Israels und der USA zur Staatsräson erklären? Die verschiedenen Szenarien zeigen: Die Unsicherheit bleibt enorm.

Kommt es im Iran zum Zusammenbruch der Zentralgewalt und zu Kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen, wird humanitäre Unterstützung nötig sein. Darüber hinaus bleibt das Sicherheitsproblem für Israel bestehen, da verschiedene Gruppen möglicherweise Zugang zu Waffen und sogar radioaktivem Material erlangen könnten. Kommt es zum Abnutzungskrieg oder einer weiteren Eskalation, wird es zu schweren humanitären Notlagen kommen. Die Weltwirtschaft wird unter volatilen Energiepreisen und unsicheren Logistikketten leiden. Endet die Gewalt, aber das Regime im Iran bleibt intakt, bleibt das grundlegende Sicherheitsproblem Israels ungelöst. Ein erneuter Krieg in der Zukunft und das Wiedererstarken iranischer Stellvertreter wie der libanesischen Hisbollah erscheinen dann möglich. Das optimistische Szenario, in dem der Krieg endet und ein politischer Prozess zur langfristigen Lösung des Konflikts eingeleitet wird, erfordert jedoch viel politische Kraft und noch mehr Geduld von den USA und Israel.

In jedem dieser Szenarien bleibt die langfristige Perspektive für die Region jedoch von fundamentaler Unsicherheit geprägt. Für Israel wird der weitere Verlauf des Krieges maßgeblich darüber entscheiden, ob sich eine sicherheitspolitisch dominierte Innenpolitik weiter verfestigt oder neue Spielräume für politische und gesellschaftliche Neuausrichtungen entstehen. Zugleich wird die israelische Regierung daran gemessen werden, ob sie militärische Erfolge in eine langfristig tragfähige regionale Ordnung übersetzen kann, die über kurzfristige Abschreckung hinausgeht. Das wird für die Region entscheidend sein und auch für den Ausgang der in diesem Jahr vorgesehenen Parlamentswahl in Israel.

Michael Rimmel ist promovierter Politikwissenschaftler und seit 2024 Leiter des Auslandsbüros Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem. Zuvor war er Leiter des Leitungstabs der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin und arbeitete mehrere Jahre im Deutschen Bundestag, unter anderem beim Bundestagspräsidenten. Er studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der Universität Tel Aviv.

Pascal Franz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel. Zuvor sammelte er Erfahrungen bei der European Stability Initiative, im Auswärtigen Amt sowie in weiteren Organisationen. Er studierte Politikwissenschaft und Friedensforschung in München, Tübingen und Paris.

[1] Siehe INSS Dachboard Roaring Lion 2026: www.inss.org.il/publication/lions-roar-data/ (Zugriff am 17.03.2026)
[2] Ron Ben Yishai & Ron Krisi (04.03.2026): www.ynet.co.il/news/article/sym7kqhtwl, Ynet (Zugriff am 17.03.2026)
[3] Siehe INSS Dachboard Roaring Lion 2026: www.inss.org.il/publication/lions-roar-data/ (Zugriff am 17.03.2026)

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