David Mark/ Pixabay

Die USA 20 Jahre nach den Anschlägen

Der Angriff im eigenen Land setzte eine Zäsur in der amerikanischen Sicherheitspolitik: Die Bekämpfung des Terrorismus war von nationalem Interesse. Eine breite Mehrheit der Bevölkerung befürwortete den Kurs der Regierung. 20 Jahre später haben die USA und ihre Alliierten Afghanistan verlassen. Doch der 11. September und seine Toten haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon markierten eine Zäsur in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die Zahl der Todesopfer, das Ausmaß der Zerstörung und der Umstand, dass die Anschläge auf dem amerikanischen Festland verübt wurden, erschütterten die Nation bis ins Mark. Sie offenbarten, dass die einzig verbliebene Supermacht nach dem Ende des Kalten Krieges in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts verwundbar war. Die Bilder der brennenden Türme erfassten wie eine affektive Schock-welle die ganze Nation.

Trauer, Angst und Wut erfüllten nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit, sondern auch die Politik. Viele Amerikaner, nicht nur in New York, sondern im ganzen Land, wiesen Symptome eines posttraumatischen Stresssyndroms auf, wie eine Studie von Roxane Silver et al belegt. Über Nacht gab es einen Konsens in der Gesellschaft, den Medien, der Politik und den Sicherheitsbehörden, dass der internationale Terrorismus die größte Bedrohung für die nationale Sicherheit und der Einsatz militärischer Gewalt die einzig angemessene Antwort sei. So hielt die amerikanische Gesellschaft den Terrorismus direkt nach den Anschlägen für das mit Abstand wichtigste Problem. Zudem unterstützten fast alle Amerikaner den Einsatz von Gewalt, selbst wenn er tausende Todesopfer auf der eigenen Seite zur Folge haben würde.

Bereits drei Tage nach den Anschlägen verabschiedete der Kongress eine Resolution, die den Präsidenten George W. Bush zum uneingeschränkten Einsatz militärischer Mittel gegen die Verantwortlichen autorisierte. Der politische Konsens basierte jedoch nicht auf einem öffentlichen Diskurs, dem Austausch von Argumenten oder dem Abwägen von Interessen, sondern war getragen von den Emotionen in Folge des nationalen Traumas. Kritische und gemäßigte Stimmen zum Einsatz militärischer Gewalt fanden kaum Gehör; sie waren angesichts der damaligen emotionalen Verfasstheit der Nation ein Tabu. So stimmte nur die Kongressabgeordnete Barbara Lee gegen die Autorisierung des Präsidenten zum Einsatz von Gewalt, da sie in der Resolution einen Blankoscheck für die Exekutive zum Einsatz von Gewalt sah.

Die Folge war eine Sicherheitspolitik der Bush-Regierung im Affekt, die die langfristigen Konsequenzen für die eigene und andere Nationen ausblendete. Todd Hall und Andrew Ross verweisen in einer Studie auf die zentrale Rolle von Emotionen für die amerikanische Sicherheitspolitik nach den Anschlägen. Bereits am 7. Oktober 2001 begann die Bombardierung von Stellungen der Taliban in Afghanistan. Nach schnellen militärischen Erfolgen gegen die Taliban und Al-Qaida trat in den darauffolgenden Jahren Ernüchterung ein, waren doch trotz der hohen Verluste und Kosten auf Seiten der Vereinigten Staaten keine nachhaltigen und resilienten Erfolge beim nation building in Sicht. Schon seit einigen Jahren halten viele Amerikaner den Afghanistankrieg für einen Fehler, und eine große Mehrheit befürwortete den Abzug aller Soldaten.

Die auf Emotionen gegründete Einigkeit über den dauerhaften Einsatz militärischer Gewalt zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus zerbröckelte. Als Reaktion auf den Wechsel der öffentlichen Meinung versprachen schon die Präsidenten Barack Obama und Donald Trump den Abzug der Soldaten aus Afghanistan. Die Umsetzung überließen beide jedoch ihrem Nachfolger – vor allem da das Pentagon von einem Abzug abriet. So war es erst Präsident Joe Biden, der gegen den Rat des Pentagons die letzten Soldaten aus Afghanistan abzog.

Doch auch wenn die amerikanische Öffentlichkeit ihre Meinung über den Einsatz in Afghanistan geändert hat, bleibt die Bekämpfung des Terrorismus für die Vereinigten Staaten von hoher Bedeutung. Für eine große Mehrheit der Amerikaner ist sie – wenn auch nicht mehr das allerwichtigste Problem – weiterhin eine der Topprioritäten der Regierung. Mit dem Abzug der letzten Soldaten aus Afghanistan endet zwar eine aus dem Affekt eingeleitete Politik gegen den internationalen Terrorismus, doch auch in Zukunft wird die Bekämpfung des Terrorismus für jede amerikanische Regierung einen zentralen Stellenwert in der Sicherheitspolitik haben.

Das liegt nicht nur an der weiter bestehenden Bedrohungslage, sondern auch an der starken Präsenz der Anschläge des 11. Septembers im kollektiven Gedächtnis der amerikanischen Gesellschaft. Auch nach zwanzig Jahren erinnern sich fast alle Amerikaner, wo sie waren und was sie getan haben, als sie von den Anschlägen erfuhren. Das Gedenken an die Opfer ist nicht nur tief im Gedächtnis verankert, sondern auch von tiefsitzenden Emotionen der ganzen Nation geprägt. Viele Amerikaner befürchten immer noch, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, und sie überkommt Trauer und Wut, wenn sie an die Anschläge denken. Die im ganzen Land stattfindenden Trauerveranstaltungen sind auch zwanzig Jahre nach dem 11. September weit mehr als ein jährlich wiederkehrendes Ritual, sie sind ein gesellschaftliches Heilmittel für ein nationales Trauma.