Asset-Herausgeber

Sag mir, was du isst und ich zeige dir, wer du bist!

Stephanie de Rouge, Kühlschränke als Porträts und die politische wie kulturelle Bedeutung von Lebensmitteln in der Kunst

Ein Blick in den Kühlschrank ist heute intimer als jedes klassische Porträt. Die Fotografin Stephanie de Rouge verbindet in ihrer Serie „In Your Fridge“ Menschen mit dem, was sie essen und knüpft damit an eine lange kunsthistorische Tradition an: von Arcimboldo bis zum barocken Stillleben.

Die französische Fotografin Stephanie de Rouge zeigt in ihren Bildern das Innere von Kühlschränken und kombiniert sie mit den Porträts ihrer Besitzer. Die Serie „In Your Fridge“ holt den Betrachter in mehrfacher Hinsicht ab. Da sind zum einen die Menschen in ihren Wohnungen und nicht genug, sieht man, was sie in ihren Kühlschränken haben. Neben Lebensmitteln findet sich da auch eine nackte Barby oder T-Shirts und Tücher. Nicht alles erklärt sich.

Menschen und Nahrungsmittel waren schon immer ein beliebtes Motiv in der Kunst. Auf die Spitze getrieben hat es Giuseppe Arcimboldo Er lebte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Mailand und gestaltete viele seiner menschlichen Porträts aus Früchten und Gemüse.

Im Barock finden sich zahlreiche Interieur-Studien, die Küchen und Gasträume zeigen. Die abgebildeten Lebensmittel haben die unterschiedlichsten Bedeutungen. So steht Fleisch für Wohlstand und Überfluss, aber auch für Sinnlichkeit und Begierde und reife Früchte für Vergänglichkeit oder Genuss.

Während im Mittelalter Darstellungen von Menschen und Speisen meist zwischen dem letzten Abendmahl und der weltlichen, fürstlichen Festtafel angesiedelt waren, wurde der Blick in späteren Jahrhunderten zunehmend intimer. Besonders niederländische Stillleben, aber auch scheinbar biblische Szenen zeigen oft großformatige Innenansichten der Küche. So etwa Joachim Beukelaers Ölgemälde Christus im Hause von Martha und Maria von 1568, das sich heute im Prado in Madrid befindet. Im Vordergrund zwei Frauen an einem mit Wild, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse reichbestückten Küchentisch. Die biblische Szene ist weit im Hintergrund zu erkennen.

Ähnlich ist es bei Frans Snyders Mahl in Emmaus, um 1620 datiert, heute im Brukenthal-Museum in Sibiu (Rumänien). Im Vordergrund ist die Dame des Hauses zu sehen: am üppig beladenen Küchentisch sitzend, dem Betrachter eine Weinrebe entgegenhaltend. Auch hier, wie schon bei Beukelaer, ist weit im Hintergrund ein anderer Raum zu sehen, in dem Christus mit seinen Jüngern sitzt und speist. Trotz der Verkleinerung ist doch die gesamte Bildaussage dem christlichen Geschehen gewidmet. Christus teilt mit seinen Jüngern die geistige Speise des von ihm gesegneten Brotes. Die erhobene Segenshand weist die Male der Kreuzigung auf und so erkennen seine Jünger, dass es der Auferstandene ist und dass durch seine Speise der Weg in das jenseitige Reich eröffnet wird.

Im Verlauf des 17. Jahrhundert wird das Stillleben zum eigenen Genre und löst sich von seinen ehemals christlichen Bedeutungen. Im Biedermeier sehen wir dann wieder Porträtierte in ihren Küchen. Nun allerdings in Genreszenen, die Frauen werden bei alltäglichen Tätigkeiten rundum die Zubereitung von Speisen gezeigt. Besonderes Augenmerk liegt auf der Ausstattung der Küchen mit allerhand Gerät. Was es zu essen gibt, sieht man allenfalls an gedeckten Tafeln, die für den Gast nicht weniger arrangiert dargeboten werden als die moralisch aufgeladenen Stillleben früherer Zeiten.

Doch zurück zu Stéphanie de Rougé und ihren Kühlschrankbildern. Sie betreibt Porträt- und Interieurfotografie und arbeitet für Magazine und Firmen in Europa und den USA, so für die The New York Times, Nestlé France, Sephora und viele andere. Ihre Bilder wurden in Paris und New York ausgestellt. Dort, wo auch die Besitzer der Kühlschränke leben, deren kulturelle Eigenheiten Stéphanie de Rougé unter die Lupe nimmt. Bei genauerem Hinschauen entdeckt man auf den Aufschriften der Lebensmittel Botschaften wie “No added sugar”, „no artificial flavors or preservatives” oder “rich in omega 3“. Die bildfüllenden Nahaufnahmen der – zumeist vollen – Kühlschränke gleichen Wimmelbildern und sind sehr intim. Es sind nicht die makellosen Hochglanzaufnahmen von auf Tellern drapierten Köstlichkeiten der Instagram Community. Es ist die angebrochene Käseverpackung, die darauf wartet, geleert zu werden.

privat

Antonella Schuster, geboren in Augsburg, aufgewachsen im Allgäu. Sie studierte Kunstgeschichte, Alte Geschichte (griechisch./römisch), Mittelalterliche Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg. 
Promotionsstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema „Neue Allegorien im 14. Jahrhundert“ bei Prof. Dr. Ulrich Pfisterer. Parallel Tätigkeit für den Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern von 2018 bis 2022. 2023 Mitarbeit in der Direktion des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München.

comment-portlet

Asset-Herausgeber