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Was die US-Blockade von Venezuelas Ölmarkt für den informellen Handel bedeutet

Analyse zu US-Blockaden gegen venezolanisches Öl: Wie Schattenflotten Sanktionen umgehen, welche Folgen das für Europa hat und warum Energiesicherheit auf See entschieden wird.

Der seegestützte Energiehandel befindet sich in einer neuen Phase. Die jüngsten Entwicklungen um die US-amerikanische Intervention in Venezuela markieren dabei einen Wendepunkt. Erstmals seit Jahren setzen die USA nicht mehr allein auf finanzielle und politische Sanktionspolitik, sondern greifen direkt in maritime Energielieferketten ein – durch systematische Beschlagnahmungen, auch auf hoher See. Diese Eskalation trifft vor allem Venezuela, Iran, Russland und China, könnte sich aber auch mittelbar auf Deutschland und Europa auswirken.
 

Von Sanktionspolitik und Schattenflotten

Schattenflotten sind das Produkt eines fragmentierten und aufgrund globaler Spannungen mit Sanktionen überzogenen Energiemarktes. Sie transportieren sanktionierte Energieträger, insbesondere venezolanisches, russisches und iranisches Erdöl, unter Umgehung westlicher Kontrollen. So beschränken EU-Sanktionen die Exporte von russischem Seerohöl und Erdölprodukten durch ein weitgehendes Import- und Transportembargo und eine parallel eingeführte Preisobergrenze (erst 60 $ pro Barrel, seit 2025 knapp 48 $), die durch ein Verbot von Transport-, Versicherungs- und Finanzdienstleistungen für Öl oberhalb dieser Grenze durchgesetzt wird.[1] Da Unternehmen aus der EU und der G7 den globalen Seeversicherungs- und Schifffahrtsmarkt dominieren, werden Russlands Exportmöglichkeiten so begrenzt und damit auch die Einnahmen des Kremls. Sanktionen gegen Rohöl aus dem Iran und Venezuela werden durch umfassende EU- bzw. US-Sekundärsanktionen, Finanz- und Zahlungsbeschränkungen sowie gezielte Maßnahmen gegen Abnehmer, Reedereien und Versicherer durchgesetzt.

Russland, der Iran und Venezuela nutzen Schattenflotten, um die ihnen auferlegten Beschränkungen zu umgehen. Schiff-zu-Schiff-Transfers auf hoher See, manipulierte oder abgeschaltete Ortungs- und Identifikationssysteme und das Umlabeln von Fracht sind übliche Praktiken. Die Flotten bestehen überwiegend aus veralteten Tankern mit unklaren Eigentümerstrukturen, regelmäßig wechselnden Namen und Flaggen (sogenanntes Flaggenhopping) und lückenhafter oder vollständig fehlender Versicherung.

Russland nutzt seine Schattenflotten, um eigenes Öl von der Ostsee, dem Schwarzen Meer und dem Arktisraum nach Asien zu exportieren, allen voran nach China und Indien, um so seine Kriegswirtschaft zu finanzieren. Das iranische Regime gilt als Pionier dieser Praxis und hat unter jahrzehntelangem Sanktionsdruck die heute üblichen Techniken entwickelt und perfektioniert, die später von Venezuela und Russland übernommen wurden.

China bezieht den Großteil des iranischen und venezolanischen Rohöls. Zwar machen diese Lieferungen einen vergleichsweise kleinen Anteil an Chinas gesamten seegebundenen Rohölimporten aus – iranisches Öl etwa 13%, venezolanisches Öl 4–4,5% –. Für Teheran und Caracas sind sie jedoch von zentraler Bedeutung: Über 80 Prozent der iranischen und weit über die Hälfte der venezolanischen Rohölexporte gehen in das Reich der Mitte.[2] Da den sanktionierten Produzenten legale Absatzmärkte fehlen, erhält die Volksrepublik als Hauptabnehmer mit 8–10 $ deutliche Preisabschläge beim Ankauf.

Die Flotten sind in ein Netzwerk aus Häfen, Finanzzwischenhändlern und Dienstleistern eingebettet. Für Peking spielen dabei sogenannte Teapot-Raffinerien eine Schlüsselrolle: unabhängige, kleine, meist private Verarbeitungsanlagen, die flexibel agieren und schwer zu überwachen sind. Etwa ein Viertel der chinesischen Raffineriekapazität soll auf diese Akteure entfallen.[3] Sie gehen diesem heiklen Geschäft nach, um eine Konfrontation Chinas mit den USA zu vermeiden und US-amerikanische Sekundärsanktionen zu verhindern. Auch russisches Öl wird hier raffiniert.[4] Die aktuellen Unruhen im Iran und die Aussicht auf ein mögliches Einfreifen der USA gefährden einen wichtigen Rohölanbieter Chinas und könnten Pekings günstige Ölimporte erschweren.
 

Venezuela als Katalysator

Aljazeera

Venezuela war lange Zeit ein logistischer Knotenpunkt dieser Schattenökonomie. Das Land verfügt mit rund 303 Milliarden Barrel über die größten bestätigten Erdölreserven der Welt. Dieser Umstand könnte Caracas zu einem strukturell wichtigen Akteur für die globale Energieversorgung machen, läge die aktuelle Förderleistung nicht bei weniger als 800.000 Barrel pro Tag, was etwa 1 % der weltweiten Ölförderung entspricht.[5] Ein Barrel Rohöl umfasst etwa 159 Liter. Staatliches Missmanagement und die US-amerikanischen Sanktionen schränkten Produktion und Exportmöglichkeiten ein. Zudem ist venezolanisches Öl sehr schwefelhaltig, muss technisch aufwendig gefördert werden und ist ohne spezielle Infrastruktur nur eingeschränkt transport- und exportfähig. Der massive Rückgang der Produktion zwang das Regime um Nicolás Maduro, nahezu vollständig auf informelle Exportstrukturen umzustellen. China wurde zum Hauptabnehmer, russische und iranische Netzwerke nutzten venezolanische Routen als atlantischen Brückenkopf für eigene Lieferungen.

Unter US-Präsident Donald Trump änderte sich die Lage. Am 9. Januar brachte die amerikanische Küstenwache den unter osttimorischer Flagge fahrenden Tanker „Olina“ aus Russlands Schattenflotte in der Karibik auf. Das sei in Abstimmung mit der venezolanischen Übergangsregierung geschehen, weil das Schiff das Land ohne amerikanische Genehmigung verlassen habe. Die „Olina“ war bereits der fünfte Tanker, den die USA seit Beginn ihrer maritimen Kampagne im Dezember vergangenen Jahres beschlagnahmt hatten.

Die neue US-Strategie, Sanktionen gegen venezolanische Ölexporte auch auf See durchzusetzen, schafft einen Präzedenzfall: Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela gehen nun mit Zwangsmaßnahmen einher. Das Abfangen und die Beschlagnahme von Tankern signalisiert , dass Schattenflotten als sicherheitspolitische Gefahr wahrgenommen werden und dass aktiv gegen sie vorgegangen wird. Reeder, Charterer und Hafenbetreiber laufen Gefahr, Dienstleistungen für die informelle Ölwirtschaft zu erbringen und so gegen Sanktionen zu verstoßen. Zugleich verändert das amerikanische Vorgehen die globale Energieordnung: Seetransportrouten werden zu einem Macht- und Konfliktraum.
 

Setzen die Flotten ihre Segel neu?

Nur weil die USA nun härter durchgreifen, verschwinden Schattenflotten nicht von den Weltmeeren. Die maritime Schattenökonomie wird sich an die neuen Gegebenheiten anpassen, und von den Folgen werden auch Deutschland und Europa betroffen sein. Das US-amerikanische Vorgehen könnte europäische Akteure dazu ermutigen, rechtlich und operativ stärker gegen informelle Lieferketten vorzugehen.

Eine Umgehung der maritimen Einflusszonen der USA ist für viele Öltransporte, so auch die venezolanischen, nicht möglich, weil die Exporte nach Asien oft durch den westlichen Atlantik und US-nahe Seegebiete führen. Der zunehmende Druck durch die USA könnte die Schattenaktivitäten mehr Richtung Europa verschieben, etwa ins Mittelmeer, den Nordatlantik und in Nord- und Ostsee: mittels Schiff-zu-Schiff-Transfers, das Umlabeln von Lieferungen und rechtliche Verschleierungstaktiken.

Auch europäische Staaten, darunter Deutschland, haben in jüngster Zeit Tanker der russischen Schattenflotte festgesetzt oder am Auslaufen gehindert. Diese Maßnahmen blieben jedoch überwiegend reaktiv und beschränkten sich auf Einzelfälle ohne größeren „Blockadecharakter.“

Um den US-Behörden die Verfolgung zu erschweren, könnten die Schattenflotten ihr logistisches und technisches Vorgehen weiter verschleiern:  durch noch häufigere Flaggenwechsel, die Nutzung von Häfen kleiner Staaten und komplexere Eigentümerkonstrukte. Auch die Mindestsicherheitsstandards auf den veralteten Schattentankern würden weiter sinken, da das erhöhte Risiko einer Beschlagnahme Investitionen in die Schiffsinfrastruktur kaum rechtfertigt. Europa wäre dann stärker Umwelt- und anderen Sicherheitsrisiken in unmittelbarer Nähe der eigenen Küsten ausgesetzt – etwa infolge der Havarie eines unversicherten Schattenflottentankers und eines Ölunfalls mit massiven ökologischen und ökonomischen Folgen. Die Eigentümer der Schiffe wird man kaum dingfest machen können. Da in europäischen Gewässern viele Behörden zuständig sind und Kontrollen entsprechend langsam ablaufen, sind sie für die Betreiber von Schattenflotten besonders attraktiv.
 

Folgen für den maritimen Weltölhandel

Jede politische Eskalation, jede Beschlagnahme erhöht die Risikoprämien im Öl- und Gashandel. Für die Bundesrepublik, die seit 2022 kein russisches Gas mehr bezieht und stark auf Importe angewiesen ist, bedeutet das höhere Preise. Die Schattenflotten verschärfen die Unsicherheit auf den Energiemärkten.

Sollte die informelle Schifffahrt entlang europäischer Küsten weiter zunehmen, muss Europa  seine maritime Überwachung verstärken. Satellitenaufklärung, Hafenkontrollen und die innereuropäische Zusammenarbeit der Nachrichtendienste sind entscheidend, um den Energiemarkt Europas abzusichern und die Umgehung westlicher Sanktionen durch Russland zu stoppen.
 

Energiepolitik ist Sicherheitspolitik ist Geopolitik

Das Beispiel der Schattenflotten zeigt, dass Versorgungssicherheit nicht allein durch Diversifizierung herzustellen ist. Wie bei anderen energiepolitisch relevanten Rohstoffen und seltenen Erden, hängt auch die klassische fossile Energiepolitik stark von sicherheitspolitischen Entwicklungen ab. Der globale Energiemarkt fragmentiert sich weiter in einen formell-regulierten und einen informell, autokratisch-getriebenen Schattenblock. Deutschland und Europa müssen sich der Herausforderung der maritimen Schattenflotten stellen und sich immer wieder bewusst machen: Jede Kilowattstunde, die innereuropäisch produziert wird, senkt nicht nur Emissionen, sondern verringert auch die geopolitische Verwundbarkeit.

Die Auseinandersetzung um Venezuelas Ölindustrie ist mehr als ein interamerikanischer Machtkampf. Sie markiert eine neue Phase der globalen Energieordnung, in der die physische Kontrolle über Transportwege nun auch praktisch umgesetzt wird. Energiesicherheit hängt heute nicht mehr nur von Pipelines und LNG-Terminals ab, sie entscheidet sich auch auf hoher See, in den Grauzonen zwischen Handel und Geopolitik.

Besonders für Europa könnten die Auswirkungen auf lange Sicht erheblich sein: Seit 2022 hat die EU ihre Gasversorgung stark auf Flüssiggas (LNG) umgestellt: Die USA sind zum mit Abstand größten Lieferanten geworden. 2023 kam fast die Hälfte der europäischen LNG‑Importe aus den USA und die europäische Regas-Kapazität – die Menge an LNG, die an einem Terminal wieder in einen gasförmigen Zustand umgewandelt werden kann - wurde beschleunigt ausgebaut. Gleichzeitig fiel die deutsche Gasnachfrage deutlich, und die Speicher blieben ungewöhnlich voll. Das stabilisiert zwar kurzfristig die Energieversorgung, erhöht aber Europas Abhängigkeit von US‑LNG-Exporten und den Schwankungen des globalen Gasmarkts.

Politisch heikel ist auch das neue transatlantische Handels‑ und Energienarrativ: Der jüngst verkündete, mit rund 750 Mrd. € bezifferte EU‑US‑Energiedeal scheint angesichts der seit 2022 strukturell sinkenden EU‑Gasnachfrage und der fehlenden zentralen EU‑Beschaffungskompetenz für fossile Energieträger wenig realistisch. De facto war die Ankündigung vor allem ein Zugeständnis, um den Zollkonflikt mit den USA zu entschärfen.

Die USA bauen ihre marktbeherrschende Dominanz im Ölsektor weiter aus. Die US‑Ölproduktion markierte 2023/24 Rekordwerte; die USA sind das sechste Jahr in Folge größter Produzent weltweit. Sollte es Washington gelingen, die Schattenflotten zu verdrängen und die Ölströme aus Venezuela selektiv zu steuern, könnte sich die Angebotsmacht weiter in Richtung USA verschieben. Für die EU hieße das: Eine Versorgung mit fossilen Energieträgern wäre zwar gesichert, aber die Erreichung eigener Klima‑ und Nachfrageziele würde schwieriger, wenn langfristig mehr (und potenziell günstigere) fossile Importe auf dem Markt verfügbar wären. Dies in der energiepolitischen Debatte mitzudenken, sichert unsere strategische Handlungsfähigkeit.

Christian Hübner leitet in der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) den Arbeitsbereich „Globale Ressourcen und Nachhaltigkeit“ in der Hauptabteilung Analyse und Beratung. Er verantwortet dort das strategische Themenportfolio zu natürlichen Ressourcen, Rohstoffen und geostrategischen Technologien. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Ansätze für eine nachhaltige Wirtschaft zu entwickeln und globale Entwicklungen mit zentralen Politikfeldern wie Energie, Klima, globale Gesundheit, Entwicklung, Landwirtschaft und Mobilität zu verbinden. Mit ausgewiesener Expertise zu Märkten, Regulatorik und geopolitischen Trends arbeitet er an der Schnittstelle von Analyse und politiknaher Beratung. Seine internationale Perspektive basiert auf der Leitung regionaler KAS‑Programme zu Energiesicherheit und Klimapolitik in Lateinamerika sowie im Asien‑Pazifik‑Raum. Als Autor und Kommentator veröffentlicht er regelmäßig zu Energie, Klima und Technologie im Kontext globaler politischer und ökonomischer Dynamiken.

Simon Engelkes ist Referent für Energie- und Rohstoffpolitik bei der KAS in Berlin. Zuvor war er für die Stiftung über acht Jahre lang im Nahen und Mittleren Osten tätig: als Projektkoordinator im Regionalprogramm Politischer Dialog Südliches Mittelmeer in Tunesien, Länderreferent in der Regionalabteilung Naher Osten und Nordafrika und zuletzt als Büroleiter in den Palästinensischen Gebieten während des Gaza-Krieges. Herr Engelkes hat Politikwissenschaften in Berlin, Beirut und London studiert.

[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/eu-sanktionen-2250316
[2] https://www.reuters.com/business/energy/chinas-heavy-reliance-iranian-oil-imports-2026-01-13/; https://www.reuters.com/business/energy/chinese-refiners-expected-replace-venezuelan-oil-with-iranian-crude-traders-say-2026-01-07/; https://www.ft.com/content/f64826fa-5c36-4fb3-8621-ee0b9d9a1ff5; https://boereport.com/2025/12/03/venezuelas-oil-exports-surpass-900000-bpd-despite-us-pressure-data-shows/
[3] https://www.hydrocarbonprocessing.com/news/2026/01/chinas-heavy-reliance-on-iranian-oil-imports/
[4] Gusbeth, Sabine (2025) „Teapots“ helfen China gegen die US-Sanktionen, Handelsblatt, 14.01.2026, S. 10.
[5] https://www.reuters.com/business/energy/venezuelan-oil-industry-worlds-largest-reserves-decaying-infrastructure-2026-01-03/

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