Die Grüne Woche begeht 2026 ihr 100-jähriges Jubiläum. Als Treffpunkt für die internationale Agrarpolitik und genussfreudige Besucher bescheinigt sich die Berliner Messe ein Alleinstellungsmerkmal. Und tatsächlich ist Grüne Woche ein ganz besonderes Event. Lars Jäger, Direktor Grüne Woche, erläutert im Interview die Schwerpunkte im Jubiläumsjahr.
Die Grüne Woche definiert sich selbst als international wichtigste Messe der Land-, Ernährungswirtschaft und des Gartenbaus: Was sind dafür die Maßstäbe?
Lars Jäger: Die internationale Bedeutung der Grünen Woche bemisst sich an mehreren Faktoren. Entscheidend ist zunächst ihre inhaltliche Breite: Als internationale Leitmesse vereint sie Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau unter einem Dach und bildet damit die gesamte Wertschöpfungskette ab, von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis hin zum Konsum. Hinzu kommt ihre politische Relevanz: Mit Formaten wie dem Global Forum for Food and Agriculture ist die Grüne Woche seit Jahren ein zentraler Treffpunkt der internationalen Agrar- und Ernährungspolitik. Jedes Jahr kommen Agrarministerinnen und -Minister aus rund 70 Nationen hier zusammen, um sich zu zentralen Zukunftsfragen der weltweiten Land- und Ernährungswirtschaft zu beraten. In diesem Jahr steht beispielsweise die Stärkung der Wasserresilienz im Mittelpunkt. Nicht zuletzt ist es ihre Internationalität, die Maßstäbe setzt: Aussteller und Fachbesucher aus aller Welt kommen nach Berlin. In dieser Kombination aus fachlicher Tiefe, politischem Diskurs und internationaler Präsenz liegt die besondere Stellung der Grünen Woche.
Die Messe ist Treffpunkt der internationalen Agrar- und Ernährungspolitik und zieht zugleich genussorientierte Besucher an: Begegnen sich diese beiden Welten?
Jäger: Ja, und genau darin liegt eine ihrer großen Stärken. Auf der Grünen Woche begegnen sich politische Entscheidungsprozesse und gesellschaftliche Realität unmittelbar. Die genannten Themen, die in Fachforen, Ministerrunden oder internationalen Konferenzen diskutiert werden, spiegeln sich zeitgleich in den Messehallen wider, wo Verbraucherinnen und Verbraucher diese Fragen ganz praktisch erleben. Die Messe schafft so einen Raum, in dem abstrakte Debatten greifbar werden. Dieser Austausch zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Selbstverständnisses der Grünen Woche als Dialogplattform.
„Dieser Austausch zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Selbstverständnisses der Grünen Woche als Dialogplattform.“
Lars Jäger, Direktor Grüne Woche
Wie viel Berlin steckt in der Grünen Woche und umgekehrt?
Jäger: Sehr viel. Die Grüne Woche ist Berlins traditionsreichste und zugleich besucherstärkste Messe und seit fast 100 Jahren fest im Veranstaltungskalender der Stadt verankert. Seit ihrer Premiere 1926 haben mehr als 34 Millionen Menschen die Messe besucht und damit auch Berlin kennengelernt. Umgekehrt prägt Berlin die Grüne Woche durch seine Offenheit, Internationalität und kulturelle Vielfalt. Die Messe ist Publikumsmagnet für Berlinerinnen und Berliner ebenso wie für Gäste aus Brandenburg und aus aller Welt und Teil des vielfältigen Kultur- und Veranstaltungsangebots der Hauptstadt.
Die Grüne Woche feiert ihr hundertjähriges Jubiläum: Was ist gleichgeblieben und was ist heute vollkommen anders?
Jäger: Gleich geblieben ist der Kern der Grünen Woche: Sie bringt Menschen zusammen, die sich mit Ernährung, Landwirtschaft und Genuss beschäftigen – sei es aus beruflichem Interesse oder aus persönlicher Neugier. Verändert haben sich die Themen, die Formate und die Dimensionen. Aus einer landwirtschaftlichen Warenbörse ist eine internationale Leitmesse mit globaler politischer Bedeutung geworden. Während früher vor allem Produkte im Mittelpunkt standen, geht es heute stärker um Zusammenhänge: Nachhaltigkeit, Ernährungssicherung, Klimaschutz und gesellschaftliche Verantwortung. Diese Weiterentwicklung macht deutlich, warum die Grüne Woche auch nach 100 Jahren relevant geblieben ist und weiterhin bleiben wird.
Messe Berlin GmbH
Lars Jäger, Direktor Grüne Woche: „Ernährungssicherung ist eines der zentralen Themen der – sowohl im politischen Diskurs als auch in der Ausstellung.“
Spielt das Thema Ernährungssicherung eine Rolle in den Messehallen und in den agrarpolitischen Diskussionen?
Jäger: Ja, Ernährungssicherung ist eines der zentralen Themen der Grünen Woche, sowohl im politischen Diskurs als auch in der Ausstellung. Auf internationaler Ebene wird sie im Rahmen des Global Forum for Food and Agriculture unter dem Motto „Wasser. Ernten. Unsere Zukunft“ intensiv diskutiert. Gleichzeitig wird sie in den Messehallen konkret erfahrbar, etwa durch innovative Ansätze junger Unternehmen: KI-gestützte Systeme zur präzisen Unkraut- und Düngemittelsteuerung, elektrische Landmaschinen, neue Fermentationsverfahren für Proteine oder Sensorsysteme zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung. So verbindet die Grüne Woche strategische Debatten mit praktischen Lösungsansätzen und macht deutlich, dass Ernährungssicherung eine globale Gemeinschaftsaufgabe ist.
Und zum Schluss: Ihr unschlagbarer Tipp. Was sollten Besucherinnen und Besucher unbedingt probieren?
Jäger: Neben den vielen Klassikern lohnt sich der Blick auf neue Entwicklungen: Ein Trend auf der Grünen Woche zeigt zunehmend Produkte, die Genuss mit Nachhaltigkeit und Gesundheit verbinden. Dazu gehören fermentierte Spezialitäten wie Kombucha und „Green Coffee Tea“ sowie Snacks ohne Zuckerzusatz wie Edamame mit Mango-Chili-Geschmack oder Matcha-Müsli. Es gibt aber auch kreative Neuentwicklungen wie Glühweinbrot oder Bierpulver zum Selber anmischen. Mein Tipp ist daher: offen durch die Hallen gehen, probieren, vergleichen und sich bewusst auch auf Neues einlassen. Genau dafür steht die Grüne Woche seit 100 Jahren.
Interview: Dietrich Holler, vox viridis, Berlin.