Am Beispiel des überraschenden NBA-Titelgewinns der Detroit Pistons 2004
Die Detroit Pistons galten als Außenseiter und wurden Meister. Eine ungewöhnliche Lektion über Europas Selbstvertrauen im Wettbewerb mit den USA, China und Russland.
Zum Anhören: Der Beitrag, gelesen von Max Marbeiter
Europa, so scheint es zuweilen, kann nicht mehr mithalten, ist abgehängt. 2004 dachte man das auch über die Detroit Pistons. Deren USA, Russland oder China waren die Los Angeles Lakers, gegen die sie die NBA-Meisterschaft ausspielten. Die Lakers galten als unschlagbar. Am Ende gewannen die Pistons.
Drei Tage vor Beginn der NBA Finals 2004 tritt Isiah Thomas vor das Team. Er, der die Pistons 1989 und 1990 zu ihren bislang einzigen Meisterschaften geführt hatte, will die Spieler aufbauen, ihnen klarmachen, was er alles für möglich hält: „Wir werden die Welt schocken“, sagt er. „Jeder denkt, dass wir nicht gewinnen werden. Dabei kann es gut sein, dass sie nicht gewinnen.“ „Sie“, das sind die Los Angeles Lakers: das Team, das innerhalb von vier Jahren drei Mal Meister geworden war und in dem das beste Duo jener Zeit spielte – Shaquille O’Neal und Kobe Bryant.
Wettanbieter sehen die Lakers klar vorn. Und der Spielmacher der Pistons Chauncey Billups sagte später in einem Interview: „Allein die Namen auf ihren Trikots. Sie hätten jedes Spiel gewinnen müssen.“
Ein Team, wirklich zu gut für die anderen?
Auf den Trikots der Lakers stand nicht nur „O’Neal“ und „Bryant“. Im Sommer zuvor hatten die Lakers aufgerüstet: Karl Malone und Gary Payton unterschrieben in Los Angeles. Ihre allerbesten Jahre lagen zwar hinter ihnen, doch es war noch nicht lange her, da gehörten sie zur absoluten Elite.
Mit der Mannschaft, so denken viele, gewinnen die Lakers nicht nur die Meisterschaft, sie werden als eines der besten, vielleicht sogar das beste Team aller Zeiten in die Geschichte eingehen! Schließlich hatten die Lakers vier Superstars.
„Wir hatten keine Superstars“, erklärt Billups später. “Wir hatten All Stars, aber Superstars sind anders, und die meisten Siegerteams haben mindestens einen oder zwei.“
Die Kraft des Irrationalen
Die erste von möglichen sieben Final-Partien gewinnt Detroit. Kurz vor Ende der zweiten Partie führen sie mit drei Punkten. Sekundenbruchteile vor der Schlusssirene trifft Kobe Bryant. Verlängerung. „Ich bin ganz ehrlich“, so Billups später. „Wir waren sauer, dass Rip (Richard Hamilton, Anm. d. Red.) Kobe den Raum gab, und wir in die Verlängerung mussten.“ Die gewinnen die Lakers. Die Pistons fühlen sich gekitzelt. Während alle Welt meinte, das sei der Moment, den Lakers die Trophäe stehenden Fußes zu überreichen, wollten sie es jetzt wissen. Am Ende steht es vier zu eins. Für die Detroit Pistons.
Der Sport lebt auch vom Irrationalen. Nur wer sich zutraut, jeden zu schlagen, hat auch eine Chance. So klein sie auch sein mag. Genau deshalb ist die 2004er Meistermannschaft der Detroit Pistons mehr als ein Sportmärchen, sie kann Deutschland, Europa und der Europäischen Union als Vorbild dienen.
Selbstsicherheit durch Selbstvertrauen
Manchmal macht es den Eindruck, als rede sich Deutschland gerade klein. Während unser großer Verbündeter in seiner neuen Welt den alten Bündnissen so wenig traut, dass er inzwischen sogar Gesprächsangebote ausschlägt.
Im internationalen Kräftemessen scheint Deutschland, scheint Europa abgehängt. Als könnten wir der wirtschaftlichen Übermacht und dem Tempo Chinas nichts entgegensetzen. Und was sollen wir gegen Russland auch unternehmen, dessen Drohkulisse weit über die Ukraine hinausreicht? Wie sollen wir uns im Ernstfall verteidigen? Können wir uns überhaupt verteidigen?
„Aber man muss auch nicht das Selbstverständnis eines Verlierers pflegen, der angesichts der Übermacht des Gegenübers in Duldungsstarre verfällt.“
Max Marbeiter
Nun lassen sich Erfahrungen aus der Sportwelt nicht eins zu eins auf gesellschaftliche und politische Realitäten übertragen. Anders als im Meisterschaftsduell geht es nicht darum, zu gewinnen, den anderen als Widersacher zu begreifen und zu besiegen. Aber man muss auch nicht das Selbstverständnis eines Verlierers pflegen, der angesichts der Übermacht des Gegenübers in Duldungsstarre verfällt.
Chancen im Unperfekten
Das Selbstbewusstsein der Pistons speiste sich 2004 auch aus einer Eigenart. Sie waren eine Ansammlung Verschmähter und Unperfekter. Ben Wallace hielt man zu Beginn seiner Karriere für zu klein, er könne nicht werfen und offensiv nicht allzu viel beitragen. Heute gilt er als einer der besten Verteidiger in der Geschichte der NBA. Vor seinem Wechsel zu den Pistons hieß es, Chauncey Billups sei gescheitert. 2004 wird er als bester Spieler der Finals ausgezeichnet. In Portland hatte Rasheed Wallace das Image eines schwierigen Charakters. Er stritt sich mit den Schiedsrichtern, fiel regelmäßig negativ auf. Er war gut, aber zu kompliziert. Nicht für die Pistons. Für sie ist er das letzte Puzzlestück. Der Plan für die Finals steht.
Klare Strategie schlägt „bessere“ Voraussetzungen
Die Pistons kennen ihre Stärken und wissen um ihre Schwächen. Und sie wissen die Lakers sehr genau einzuschätzen. Daraus entwickeln sie ihre Strategie. „Sie waren einfach besser vorbereitet als wir“, so der 2020 verstorbene Kobe Bryant später.
Beste Freunde sind Kobe Bryant und Shaquille O’Neal nicht. Sie akzeptieren sich mehr, als dass sie sich mögen. Jeder weiß um die Gabe des anderen und darum, dass sie gemeinsam schwer zu bezwingen sind. Gleichzeitig gönnen sie sich wenig. Beide suchen das Scheinwerferlicht und wollen die Lakers jeweils als das eigene Team verstanden wissen. Hier setzen die Pistons an.
O’Neal, 2,16 Meter groß, über 130 Kilogramm schwer, agil und explosiv zugleich, kann zu jener Zeit keiner stoppen. Auch kein Ben Wallace. Also ließen sie ihn vermeintlich durchkommen. Ihr Kalkül, je mehr O’Neal den Ball bekäme, desto mehr würde ihn sich Kobe zurückholen, um selbst abzuschließen. Er würde Würfe oder Aktionen forcieren, statt geduldig innerhalb des Systems zu spielen. Billups dazu später: „Wenn du das machst, bist du erledigt. Du spielst uns genau in die Hände. Selbst wenn du die Würfe triffst, bist du am Ende.“ Weil die Pistons sonst kaum Räume lassen und mit ihrer Defense den Rest der Lakers-Offense ersticken.
Statt sich der vermeintlichen Übermacht der Lakers hinzugeben, vergleichen die Pistons nüchtern ihre Stärken und Schwächen mit denen des Gegners. Mit dem Ergebnis: Sie versprachen sich gute Chancen auf die Meisterschaft. Sie werden vom Getriebenen zum Handelnden.
Was brachte Stärke?
Häufig wirkt es so, als fehle Europa genau dieses Selbstvertrauen, als machten sich sowohl die Einzelstaaten als auch der Kontinent und die EU kleiner als notwendig. Womit keineswegs gemeint ist, man soll die eigenen Schwächen ignorieren.
Sich ihrer bewusst zu sein, gehört zur Strategiefindung. In der Politik wie im Sport. Die Pistons waren weit davon entfernt perfekt zu sein. Im Gegenteil. Wie schon gesagt, sie hatten keine Superstars in ihren Reihen. Aber als Kollektiv, als Einheit, in der die Stärken des Einzelnen zum Tragen kommen, gelang es ihnen, etwas Großes zu schaffen.
Auch Europa sollte sein Augenmerk mehr auf die eigenen Stärken richten: Ein Kontinent, nach zwei Weltkriegen in weiten Teilen zerstört, hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer der florierendsten und innovativsten Regionen der Welt entwickelt. Staaten, die lange verfeindet waren, fanden sich plötzlich in einer Interessengemeinschaft wieder.
Die Welt mag heute sehr viel komplexer erscheinen. Und doch lohnt sich der Blick zurück, auf das, was damals funktionierte und heute noch Bestand haben könnte. Deutschland gelang das Wirtschaftswunder, europäische Staaten setzten Maßstäbe, trieben Innovationen voran, schufen hohe Lebensstandards und ein soziales Netz für ihre Bürgerinnen und Bürger – und das bei stetigem Wirtschaftswachstum.“
Wir selbst sein, statt wie die anderen sein zu wollen
Wir brauchen auch nicht neidisch in andere Weltregionen zu blicken, in denen es vermeintlich etwas besser läuft. Um im internationalen Konkurrenzkampf mithalten zu können, müssten wir uns anpassen, heißt es oft. Wir orientieren uns an anderen und glauben, wenn wir nur ein bisschen mehr wie sie wären, würde alles gut. Aber was, wenn wir am besten damit fahren, wir selbst zu sein und zu lernen?
„Die Lösungen der Lakers waren nicht Detroits Lösungen. Ebenso so wenig wie die der USA und Chinas unsere sind.“
Max Marbeiter
Wir sind nicht die USA, wir sind nicht China. Hätten die Pistons versucht, die Lakers zu kopieren, sie hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit kein einziges Spiel gewonnen. Die Lösungen der Lakers waren nicht Detroits Lösungen. Ebenso so wenig wie die der USA und Chinas unsere sind.
Ein Gedanke über Europa
Eine Stärke der Europäischen Union liegt darin, dass man bei der Entwicklung neuer Strategien das Gemeinsame sucht. Dieses Prinzip prägt sowohl das Verhältnis der Mitgliedstaaten untereinander als auch die Beziehungen der EU zu Staaten außerhalb der Union. Darin liegt auch die ungebrochene Anziehungskraft der Europäischen Union auf europäische Staaten, die bislang nicht Mitglied sind.
Wir Europäer mögen in Konkurrenz zu den USA oder China stehen, aber anders als im Sport, geht es im Verhältnis zu den anderen Nationen nicht um Sieg oder Niederlage. Wir sind auf Ausgleich aus, auf Angebote zum gegenseitigen Vorteil. Wo immer es möglich ist, setzen wir auf Diplomatie und gewaltfreie Lösungen. Dazu gehört aber, auch Stärke auszustrahlen, ohne Schwächere unter Druck zu setzen. Das Bewusstsein unserer Selbst kann viel freisetzen.
privat
Max Marbeiter studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Anglistik und Politische Wissenschaft. Über eine freie Tätigkeit bei kicker online fand er den Zugang zum Sportjournalismus, arbeitete danach frei für den Lokalsport der Süddeutschen Zeitung sowie als Volontär für SPOX.com, wo er die offiziellen deutschen Auftritte der NBA und Euroleague mitverantwortete. Heute schreibt er für unterschiedliche Basketball-Publikationen, darunter Basketball World sowie das Magazin Got Nexxt und betreibt den wöchentlichen Korbjäger NBA Podcast. Sucht nach Lösungen, die die Gesellschaft wieder näher zusammenbringen, um den Herausforderungen unserer Zeit kollektiv begegnen zu können.