Amtsantritt Hans Krolls als Botschafter in Moskau

von Kordula Kühlem
„Es beginnt das große politische Abenteuer meines Lebens. Wie wird es ausgehen?“ Diese Sätze notierte Hans Kroll vor nunmehr 55 Jahren, am 8. Mai 1958, in sein Tagebuch. Anlass war seine Ankunft in Moskau, wo er seinen Posten als zweiter bundesdeutscher Botschafter antrat – als Nachfolger von Wilhelm Haas, der 1955 nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion entsandt worden war.

Krolls hohe Erwartungen an seine „Mission“, wie er seine Aufgabe selbst bezeichnete, zeigten sich schon in der ersten Arbeitswoche in der sowjetischen Hauptstadt. Bereits vier Tage nach seiner Ankunft traf er Außenminister Andrej Gromyko zu einem ersten Gespräch, am 16. Mai konnte er sein Beglaubigungsschreiben dem sowjetischen Staatspräsidenten Kliment Woroschilow überreichen und wiederum drei Tage später kam er zu einer ersten Unterhaltung mit Regierungs- und Parteichef Nikita Chruschtschow zusammen.

Die bundesdeutsche und sowjetische Presse lobte sowohl Krolls schnellen Zugang zur Moskauer Führung als auch dessen positive und aufgeschlossene Grundhaltung. Währenddessen betrachtete die diplomatische Vertretung der DDR den neuen westdeutschen Botschafter mit viel Misstrauen; schließlich war Moskau – und blieb es bis 1972 – die einzige Hauptstadt mit Botschaften beider deutscher Staaten. Ein Bericht nach Ost-Berlin vermerkte: „Kroll gibt sich Mühe, den Wunsch nach Verbesserung der westdeutschen Beziehungen zur Sowjetunion zu demonstrieren.“

Zu Hause in Bonn stieß Krolls Arbeitseifer jedoch auf unterschiedliche Reaktionen. Das Auswärtige Amt, namentlich Außenminister Heinrich von Brentano, forderte Kroll zu einer gewissen Zurückhaltung auf. Gleichzeitig zeigte sich der Staatssekretär im Bundeskanzleramt und baldige Duzfreund Krolls, Hans Globke, positiv beeindruckt vom Amtsantritt des neuen Botschafters. Schließlich hatte dieser wenige Wochen vorher den sogenannten Globke-Plan zur Wiedervereinigung entwickelt, der zusammen mit dem Vorschlag von Konrad Adenauer an den sowjetischen Botschafter Andrej Smirnow, der DDR den Status Österreichs zu verleihen, den Auftakt zu der sogenannten Arkanpolitik des Bundeskanzlers bildete.

Doch die neue Hoffnung in den bundesdeutsch-sowjetischen Beziehungen hielt nicht lange vor. Schon bald trübte sich das bilaterale Verhältnis wieder ein und mit dem Ultimatum Chruschtschows vom 27. November 1958 begann die (zweite) Berlin-Krise, deren Höhepunkt der Mauerbau 1961 bildete und die Hans Kroll bis zu seiner Abberufung aus Moskau 1962 in Atem hielt. Seine gesamte Amtszeit war von Höhen und Tiefen geprägt – durchaus charakteristisch für die deutsch-sowjetischen Beziehungen, sogar über die Wiedervereinigung Deutschlands hinaus.

Die erste Arbeitswoche von Hans Kroll in Moskau war jedoch von Zuversicht geprägt, was beim Botschafter fast schon zu Feierstimmung führte – passend zu seinem 60. Geburtstag, den er mittendrin, am 18. Mai, feierte. Mit seinem Elan brachte er in den folgenden Jahren viel Schwung, jedoch auch Unruhe, in die westdeutsch-sowjetischen Beziehungen. Zu Chruschtschow konnte Kroll ein gutes persönliches Verhältnis aufbauen, was vor allem von seiner vorgesetzten Behörde eher kritisch betrachtet wurde – ebenso wie seine Eigenmächtigkeit. Diese gipfelte in der selbständigen Anberaumung eines Gesprächs mit dem sowjetischen Parteichef am 9. November 1961 und Indiskretionen gegenüber Pressevertretern im Februar 1962, weshalb ihn das Auswärtige Amt im September 1962 von seinem Posten abberief.

Seine Präsenz in Presse und Öffentlichkeit war für einen Botschafter außergewöhnlich groß, auch seine Erinnerungen hielten sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Heute, 115 Jahre nach seiner Geburt und 55 Jahre nach seinem Amtsantritt, ist sein Name dagegen fast vergessen – an sein Engagement darf aber zu gegebenem Anlass erinnert werden.