Arbeitstagung der Ost-CDU in Meißen. Erarbeitung der „Thesen des Christlichen Realismus“

von Oliver Salten
Vom 19. bis 21. Oktober 1951 fand auf der Albrechtsburg in Meißen eine Arbeitstagung der CDU der DDR statt. Dabei wurde die im Vorfeld vorbereitete neue theoretische Grundlage der CDU vorgestellt, die eine Verbindung christlicher Glaubensinhalte mit der Lehre des Marxismus-Leninismus ermöglichen sollte. Dies waren die „Thesen des Christlichen Realismus“.

Vom „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ zum „Christlichen Realismus“

Von 1946 an war der Christliche Sozialismus oder auch „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ die programmatische Grundlage der CDU der SBZ. An führender Stelle vertrat der Vorsitzende Jakob Kaiser die Idee einer auf das Gemeinwohl ausgerichteten Wirtschaft auf demokratischer Grundlage bei gleichzeitiger Befürwortung des Privateigentums. Auch nachdem die sowjetische Besatzungsmacht Kaiser im Dezember 1947 aus dem Amt entfernt hatte, blieb die CDU diesem Konzept treu. Außerhalb der CDU der SBZ fand es jedoch auch weiterhin kaum Zustimmung. Die CDU in den Westzonen orientierte sich nach anfänglichem Zuspruch zu Ideen des Christlichen Sozialismus, etwa im Ahlener Programm vom Februar 1947, zunehmend an den Ideen der „Sozialen Marktwirtschaft“, die in den Düsseldorfer Leitsätzen vom Juli 1949 ihren Niederschlag fanden. Die SED hingegen versuchte, den Begriff des Christlichen Sozialismus selbst zu übernehmen, gab dies jedoch im Zuge der Entwicklung zur stalinistischen „Partei neuen Typus“ ab 1948 auf und bestand auf dem Sozialismus nach Lesart des Marxismus-Leninismus.

Zudem hatte die CDU der SBZ das Problem, dass der Begriff des „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ nie in ein formelles Programm gegossen worden war, so dass keine Einigkeit darüber herrschte, was hinter diesem Schlagwort eigentlich stand. Die Arbeit an einem Parteiprogramm musste Ende 1949 im Zuge der zunehmenden Einflussnahme auf die CDU und den damit verbundenen Einschränkungen durch SED und Sowjets eingestellt werden. Dennoch hielt man am „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ fest und beschloss im November 1949 die Einrichtung eines Arbeitskreises, der eine inhaltliche Grundlage erarbeiten sollte. Während die SED auf ihrem III. Parteitag im Juli 1950 offiziell den Marxismus-Leninismus zur einzig wahren Parteilehre erklärte, beschloss der Arbeitskreis am 26. August 1950 15 Leitsätze zum „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“, die letztlich nur noch einen Begründungsrahmen dafür darstellten, warum Christen den in der DDR zu errichtenden Sozialismus unterstützen sollten. Dies wurde deutlich betont: „Christen, die den Fortschritt bejahen, bekennen sich daher aus christlicher Verantwortung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung.“

Während die Leitsätze schließlich zu einer Richtlinie für die politische Bildungsarbeit zurückgestuft und deshalb parteiintern faktisch nicht rezipiert wurden, richtete der Politische Ausschuss der CDU am 9. Januar 1951 anstelle des bisherigen Arbeitskreises einen Wissenschaftlichen Arbeitskreis ein. Er sollte als eine Art „Think Tank“ der CDU fungieren und die Vereinbarkeit von christlichem Gedankengut und Marxismus-Leninismus theoretisch begründen. Gerhard Desczyk, vor 1933 leitendes Mitglied des Zentrums in Sachsen und nach 1945 beim CDU-Hauptvorstand zuständig für den Bereich Kultur und Mitglied des Sekretariats des Hauptvorstandes, war die wichtigste Person im Arbeitskreis. Bereits im Frühjahr 1951 wurden erste Ideen für eine Tagung entwickelt, auf der eine neue programmatische Grundlage für die CDU beschlossen werden sollte. Am 21. April 1951 kündigte Generalsekretär Gerald Götting auf einer Sitzung des Politischen Ausschusses an, eine Tagung in Meißen abzuhalten, „auf der der Beitrag der CDU für die Vertiefung unserer demokratischen Ordnung“ verdeutlicht werden sollte. Im Vorfeld wurde eine neue ideologische Plattform der CDU erarbeitet. Sie ging von dem Gedanken aus, dass das Christentum weder idealistisch noch materialistisch sei, so dass man von einer realistischen Betrachtung desselben in Bezug auf Gesellschaftsordnung und Staat ausgehen müsse. Damit wurde die Grundlage des sogenannten „Christlichen Realismus“ geschaffen, der nichts mit dem Christlichen Realismus des amerikanischen protestantischen Theologen Reinhold Niebuhr zu tun hatte. Der Wissenschaftliche Arbeitskreis spielte dabei nur eine Rolle als offizieller Ausrichter, die inhaltliche Arbeit wurde allein in den Führungsgremien der Partei geleistet.

 

Die Meißener Tagung und die „Thesen des Christlichen Realismus“

Vom 19. bis 21. Oktober 1951 kamen auf der Meißener Albrechtsburg CDU-Funktionäre aller Ebenen zusammen, und bekamen die 22 „Thesen des Christlichen Realismus“ vorgestellt. Sie sollten sowohl eine „Lebenshaltung“ als auch die zukünftige theoretische Plattform der CDU darstellen. Aufbauend auf der besagten Abgrenzung von Idealismus und Materialismus betonten die Thesen zunächst die Bedeutung von Christus als „geschichtliche[r] Persönlichkeit“, der die Menschen zur Erneuerung der Welt aufgerufen habe. Das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sei der auf Nächstenliebe beruhende Frieden auf Erden, wobei Christus aber gleichzeitig als Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse und der „Gefahren des Reichtums“ aufgetreten sei. Dadurch erweise das Christentum „seine revolutionierende Kraft und wird zu einer gewaltigen Friedensbewegung“. Auch in der Gegenwart müsse der Christ fragen, welche Formen der Unterdrückung es gebe und wie diese überwunden werden könnten. Der „fortschrittliche Christ“ müsse den „Christlichen Realismus“ im Zusammenhang mit der „Summe der Erfahrungen fortschrittlicher Christen aller Zeiten und Völker“ betrachten. Dabei seien die christlichen Sozialreformer des 19. Jahrhunderts von besonderer Bedeutung gewesen, wobei aber erst die Analyse von Karl Marx die Notwendigkeit zur Überwindung der kapitalistischen Ordnung erwiesen habe. Auch ohne Anhänger des dialektischen Materialismus zu sein, müsse der Christ daher „die Grundzüge der vom Marxismus-Leninismus gegebenen ökonomischen Analyse als richtig erkennen“. Daher bekenne sich die CDU zum Sozialismus, der „antifaschistisch-demokratischen Ordnung“ und dem „Weg in der Zusammengehörigkeit des großen Friedenslagers, das unter Führung der Sowjetunion steht“.

Mit dieser einseitigen und verengten Interpretation theologischer und kirchenhistorischer Quellen verwarf die CDU der DDR endgültig den „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ und erkannte den Marxismus-Leninismus als verbindliche Grundlage ihrer Politik an, ohne jedoch seine auf Atheismus und Materialismus beruhenden philosophischen Grundlagen zu übernehmen. Gleichzeitig war ein Bemühen der CDU darum zu erkennen, eine eigenständige programmatische Grundlage zu entwickeln, um sich damit eine gewisse Selbstständigkeit zu erhalten. Die Weiterentwicklung und Verbreitung der Thesen, die endgültig auf dem 6. Parteitag der CDU 1952 beschlossen werden sollten, sollte durch Arbeitszirkel erfolgen, die unter dem Dach des Wissenschaftlichen Arbeitskreises angesiedelt wurden. Den größten Teil des Jahres 1952 lag die Tätigkeit des Arbeitskreises jedoch darnieder, da offenbar zum einen in der Parteiführung selbst nur wenig Interesse an der programmatischen Kleinarbeit herrschte und zum anderen die Haltung der SED im Vorfeld der II. Parteikonferenz im Juli 1952 unklar blieb. Erst nach der Konferenz, auf der der planmäßige Aufbau der Grundlagen des Sozialismus beschlossen wurde, wurde den Thesen des „Christlichen Realismus“ bescheinigt, dass sie „nicht konkret“ genug seien. Dennoch war man offenbar geneigt, sie fürs Erste zu akzeptieren, um die Zustimmung der CDU zum Beschluss der Parteikonferenz abzusichern.

Im Vorfeld des 6. Parteitages wurde der Wissenschaftliche Arbeitskreis aktiviert, um die Mitarbeit der Intellektuellen in der CDU zu mobilisieren und auf Grundlage des „Christlichen Realismus“ eigene Konzepte in den Bereichen Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur zu entwickeln. Vom 16. bis 18. Oktober 1952 fand in Berlin der 6. Parteitag der CDU statt. Auf ihm wurden nicht nur die Führungsrolle der SED anerkannt, sondern auch die Thesen des „Christlichen Realismus“ mit einigen Änderungen gebilligt. Vor allem wurde die Anerkennung der führenden Rolle der Arbeiterklasse eingefügt und der Aufbau einer volksdemokratischen Ordnung „als geschichtlich notwendig und folgerichtig“ gewürdigt.

 

Das Ende des „Christlichen Realismus“

Die Verhaftung von Außenminister Georg Dertinger am 13. Januar 1953 offenbarte die Absicht der SED, ihren Zugriff auf die CDU zu verstärken und das Bemühen um die Entwicklung eigener ideeller Grundlagen der Partei zu beenden. Dies führte zu einer massiven Verunsicherung innerhalb der CDU, der unter anderem auch ein mittlerweile entwickelter Kommentar zu den Thesen des „Christlichen Realismus“ zum Opfer fiel, der nicht veröffentlicht, sondern nur noch als Studienmaterial verwendet werden sollte. Eine durch die SED erstellte interne Analyse der Thesen kam zu einem vernichtenden Ergebnis. Beim „Christlichen Realismus“ handele es sich um eine „bürgerliche Ideologie“, die einen Versuch darstelle, „die Einheit unserer Wissenschaft [des Marxismus-Leninismus] zu diskreditieren“. Eine erste Distanzierung der CDU von den Thesen erfolgte schon bald. Die SED hatte 1953 zum Karl-Marx-Jahr erklärt, aus Anlass des 135. Geburtstages des Philosophen. Auf einer Festsitzung des Wissenschaftlichen Arbeitskreises, die aus diesem Anlass am 4. Mai stattfand, hielt der frühere stellvertretende CDU-Generalsekretär Heinrich Toeplitz, seit 1950 Staatssekretär im Ministerium für Justiz, einen Vortrag mit dem Titel „Was bedeutet uns Christen der Marxismus-Leninismus?“. Toeplitz bezeichnete darin die 18. These, wonach Christen die Grundlage der ökonomischen Analyse der Marxismus-Leninismus als richtig anerkennen müssten, ohne dem dialektischen Materialismus zuzustimmen, als „nur eine teilweise Lösung des Problems“ . Er unterstellte stattdessen eine Interesseneinheit von Marxisten und „fortschrittlichen Christen“ in Bezug auf den „Humanismus“, wie er in der Sowjetunion verwirklicht werde, so dass der Marxismus-Leninismus mit allen Konsequenzen, auch der Idee des Klassenkampfes, von Christen als logische Folgerung der eigenen Anliegen anerkannt werden müsse.

Der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 beeinträchtigte jedoch die Machtposition der SED, was auch der CDU die Möglichkeit gab, wieder eigenständiger zu agieren. So forderte Desczyk im Juli 1953 die von 6. Parteitag beschlossenen Änderungen in Bezug auf die führende Rolle der Arbeiterklasse und den Aufbau einer volksdemokratischen Ordnung wieder zu streichen und zur ursprünglichen Fassung der Thesen der Meißener Tagung 1951 zurückzukehren. Da die SED im Spätsommer 1953 ihre Herrschaft wieder stabilisieren konnte, wodurch auch die Position Gerald Göttings erneut gefestigt wurde, war dieser Initiative letztlich kein Erfolg beschieden.

Die SED erhöhte in der Folgezeit ihren Druck auf die CDU, den „Christlichen Realismus“ zu verwerfen. In der Partei war die Tätigkeit des Wissenschaftlichen Arbeitskreises zum Erliegen gekommen und auch Desczyk geriet immer mehr in die Defensive, bemühte sich jedoch noch Anfang 1954 um eine Neuorganisation des Arbeitskreises. Am 18. Mai 1954 beschloss der Politische Ausschuss der CDU das Ende des Wissenschaftlichen Arbeitskreises mit der offiziellen Begründung, dass seine Aufgaben erfüllt seien. Seine bisherigen Aufgaben wurden einem Literarischen Beirat und diversen Arbeitsgemeinschaften übertragen. Desczyk wurde Sekretär des Politischen Ausschusses und blieb damit Mitglied der Parteileitung. Seine Ernennung zum wissenschaftlichen Leiter der CDU-Verlage kam jedoch einer Herabstufung gleich, da sein Einfluss auf Fragen der Ideologie und Schulung stark beschnitten wurde. Faktisch war damit auch das Ende des „Christlichen Realismus“ gekommen. Im weiteren Verlauf des Jahres legte die SED die CDU auf die Anerkennung des Marxismus-Leninismus fest und gestand ihr nur noch allgemeine christliche Begründungszusammenhänge in dieser Hinsicht zu. In den 1955 verabschiedeten „Thesen zur Geschichte der CDU“ betonte man, dass die Thesen des „Christlichen Realismus“ zwar „eine große Hilfe für die fortschrittlichen Kräfte“ gewesen seien, aber auch „eine gewisse Verengung derart darstellten, daß sie allzusehr dogmatischen Diskussionen Spielraum ließen und durch die Diskussionen einigen christlichen Menschen den Zugang zur Politik unserer Partei erschwerten“.

 

 

Literatur:

  • Christlicher Realismus. Hauptreferate und Thesen der Arbeitstagung der CDU in Meißen vom 19. bis 21. Oktober 1951, Berlin (Ost) 1951.

  • Michael Richter: Die Ost-CDU 1948–1952. Zwischen Widerstand und Gleichschaltung (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 19), Düsseldorf 1991.

  • Oliver Salten: Der Arbeitskreis „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ und der Wissenschaftliche Arbeitskreis der CDU in der DDR (1948–1954), in: Historisch-Politische Mitteilungen 23 (2016), S. 77–114.

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dpa/Süddeutsche Zeitung Photo
5. August 2021
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