Tag der Befreiung

von Matthias Oppermann

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa

Wenn es um die Freiheit ganz Europas geht, ist der 8. Mai 1945 als Anfang eines Prozesses zu verstehen, der in den 9. November 1989 mündete. Auf die Festigung oder Restauration der liberalen Demokratien Westeuropas folgte der Wettbewerb der Systeme im Kalten Krieg, in dem sich der Liberalismus als stärker erwies.
US-Infantristen der 7. U.S. Army marschieren nach der Eroberung der Stadt durch das zerstörte München, begrüßt von der Bevölkerung mit weißer Fahne. dpa - Fotoreport
US-Infantristen der 7. U.S. Army marschieren nach der Eroberung der Stadt durch das zerstörte München, begrüßt von der Bevölkerung mit weißer Fahne.

War der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung? Ja, natürlich. In der deutschen Geschichtswissenschaft und Politik herrscht weitgehend Konsens darüber, dass an diesem Tag nicht nur ganz Europa, sondern gerade auch die Deutschen befreit wurden – befreit von der Tyrannei des Nationalsozialismus, die Krieg und Vernichtung über ganz Europa gebracht hatte. Manche Beobachter halten das freilich für eine zu westliche Sichtweise. Für die Völker Ostmitteleuropas, auch für die Deutschen in der Sowjetischen Besatzungszone begann bald nach der Befreiung vom nationalsozialistischen Joch eine neue Form der Knechtschaft, die eine der befreienden Mächte, die Sowjetunion, im Marschgepäck hatte. Das lässt sich nicht leugnen. Spielt man aber nicht den Vertretern der Neuen Rechten, die die liberale Demokratie ablehnen, in die Hände, wenn man den befreienden Charakter des Tages in Abrede stellt, an dem die Wehrmacht bedingungslos kapitulierte? Muss man es deshalb nicht hinnehmen, wenn am linken extremen Ende des politischen Spektrums der 8. Mai als Tag des Sieges über den „Hitler-Faschismus“ gefeiert wird? Muss man nicht. Im Sinne der Gerechtigkeit dürfen Historiker mitunter mit zweierlei Maß messen. „Duo cum faciunt idem, non est idem“, „Wenn zwei das Gleiche tun, so ist es nicht dasselbe“, sagt ein auf den Dichter Publius Terentius Afer zurückgehendes Sprichwort. Wer es zitiert, will damit zumeist auf die Ungerechtigkeit eines doppelten Standards hinweisen. Dem einen Kind lassen die Eltern alles durchgehen, dem anderen nichts. Das ist eine berechtigte Klage des schlechter gestellten Kindes. Ebenso richtig ist es, sich gegen die Behauptung zu wehren, politische Gewalt sei milder zu bewerten, wenn sie von Linksextremisten komme. Warum sollte der Historiker dann von dieser Regel abweichen dürfen? Weil es bei der Beurteilung vergangener Handlungen und Entwicklungen, wie der Befreiung Europas von Nationalsozialismus, um den größeren Zusammenhang geht, in dem sich die Motive und der Geist, in dem etwas getan wurde, mit den Zielen und tatsächlichen Ergebnissen zu einem Ganzen fügt, das einer differenzierten Betrachtung bedarf. Zu Recht spricht man von der Singularität des Holocausts. Aber dies ist nicht auf Zahlen gestützt, denn bekanntlich hat Stalin nicht weniger Menschenleben auf dem Gewissen als Hitler. Die Ungeheuerlichkeit des Völkermords an den europäischen Juden liegt in seinem Ursprung, in der von einer wahnhaften Ideologie getriebenen Intention, eine imaginierte „Rasse“ vollständig zu vernichten, und in der systematischen, bürokratischen und industriellen Vorgehensweise. Absicht, Motive und Umsetzung machen in diesem Fall eine menschenverachtende Tat noch schlimmer, als die bloßen Zahlen sie schon erkennen lassen.

 

Versuche der Relativierung

Umgekehrt können diese Faktoren beziehungsweise der größere Kontext aber auch dazu herangezogen werden, um eine begangene Grausamkeit zwar nicht zu rechtfertigen, aber doch zu erklären. Das tun seriöse Historiker, wenn sie die britischen und amerikanischen Flächenbombardements deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg beurteilen. Sie waren nicht weniger grausam als die Bombardierung britischer Städte durch Hermann Görings Luftwaffe, aber sie folgten der Rationalität einer schnelleren Beendigung des Krieges und waren zudem ein Ergebnis des von Hitler entfesselten und ins Totale gesteigerten Krieges. Diese Sichtweise stellt heute in der deutschen Geschichtswissenschaft und Politik kaum jemand in Frage. Wer es dennoch tut, verfolgt dabei in der Regel weitergehende Absichten.

So steht hinter der These, die Bombardements der Westalliierten seien Kriegsverbrechen gewesen, die den Verbrechen Hitler-Deutschlands wenigstens geähnelt hätten, der durchsichtige Versuch, die Entwicklung des Kriegs von seinem Ursprung zu lösen. Wenn der Krieg nicht durch Hitler entfesselt wurde, sondern Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels der Politik der Großmächte war, dann relativiert das die deutsche Verantwortung und Schuld für alles, was in der Folge passierte. Dieser Relativierung der Rolle Hitler-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, die innerhalb der Neuen Rechten und der Alternative für Deutschland (AfD) gepflegt wird, entspricht eine Interpretation des Kriegsendes, die nicht das Ende des nationalsozialistischen Regimes in den Vordergrund stellt, sondern die Kapitulation des Deutschen Reichs. Der 8. Mai 1945 ist in dieser Perspektive kein Tag der Befreiung, sondern zuallererst ein Tag der Niederlage. Wer den 8. Mai 1945 als einen Tag der Befreiung verstehen will, kann über den Einwand, mit diesem Tag habe im Osten Deutschlands und in Osteuropa eine neue Tyrannei begonnen, nicht hinweggehen. Man kann das Problem aber auch nicht dadurch lösen, dass man erklärt, es habe sich eben nur im Westen um eine Befreiung gehandelt. Denn die Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz wurden am 27. Januar 1945 nicht weniger befreit, weil diejenigen, die sie erlösten, sowjetische Soldaten waren. Um das ganze Bild zu erfassen, muss man genau hinschauen und differenzieren.

Das fängt man am besten damit an, dass man sich Klarheit über den Charakter der Regime verschafft, die sich gegenüberstanden. Tatsächlich hatten sich die liberalen Demokratien mit der kommunistischen Tyrannei Stalins verbünden müssen, um die als schlimmer erachtete und bereits zum Krieg schreitende Tyrannei Hitlers zu besiegen. Es ist richtig, dass einige amerikanische Liberale während des Zweiten Weltkriegs den wahren Charakter des sowjetischen Totalitarismus nicht sehen wollten. Das war einerseits teilweise strategisch bedingt, andererseits stand dahinter aber auch der Glaube, dass die Sowjetunion nur eine andere Form der Demokratie sei, die sich dem Westen nach dem Sieg über Nationalsozialismus und Faschismus annähern werde.

 

Antitotalitärer Konsens

Als eine Rücksichtnahme auf die Sowjetunion nicht mehr nötig war beziehungsweise sich aufgrund der aggressiven Umwandlung der ostmitteleuropäischen Staaten in „Volksdemokratien“ durch Moskau verbot, wurde auch denjenigen, die in den Vereinigten Staaten Hoffnungen in die Sowjetunion gesetzt hatten, klar, dass es während des Kriegs nicht zwei gute und eine böse Seite gegeben hatte, sondern nur eine gute. Man kann also durchaus feststellen, dass die Sowjetunion an der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Tyrannei beteiligt war, ohne sie politisch-moralisch mit den Amerikanern, Briten und Franzosen, die Befreier zur Freiheit waren, gleichzusetzen. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Natürlich hatte auch die Sowjetunion Hitler-Deutschland besiegt, und sie hat die meisten Opfer unter den Siegermächten gebracht. Aber es kommt auch entscheidend darauf an, welche Ideologie der militärische Befreier im Tornister hatte. Die Westalliierten brachten den Liberalismus, die Sowjetunion einen neuen Totalitarismus. Wer das nicht besonders hervorhebt, tappt in die Falle derjenigen, die vom Sieg über den „Hitler-Faschismus“ reden, sich in Wirklichkeit aber über den Sieg des Stalinismus freuen. Gerade heute, in einer Zeit, in der von linker Seite versucht wird, die bürgerlichen Parteien in eine „antifaschistische“ Front gegen die AfD zu drängen, ist es wichtig, an zwei Dinge zu erinnern: zum einen daran, dass Stalin zwar dazu beigetragen hat, die europäischen Völker von Hitler zu befreien, dass er aber bewusst nicht die Freiheit bringen wollte, sondern eine neue Knechtschaft; zum anderen daran, dass die Grundlage der alten Bundesrepublik und damit auch der Berliner Republik ein antitotalitärer Konsens ist und nicht ein kruder „Antifaschismus“, der in Wirklichkeit aus der Mottenkiste des Marxismus-Leninismus stammt.

Als Tag, an dem der Zweite Weltkrieg vor 75 Jahren auf dem europäischen Kriegsschauplatz endete, ist der 8. Mai also gleichzeitig eindeutig und ambivalent. Er war eindeutig ein Tag der Befreiung, zugleich aber brachte er nicht überall in Europa die Freiheit. In der deutschen Politik hat die Komplexität dieses Tages bis heute niemand besser dargestellt als Richard von Weizsäcker in seiner Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa am 8. Mai 1985. Weizsäcker ließ es nicht an Eindeutigkeit fehlen: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Gleichzeitig machte er – aus außenpolitischer Verantwortung relativ vorsichtig – darauf aufmerksam, dass dieser Akt der Befreiung nicht für alle Völker Europas dasselbe bedeutete: „Es folgte die von den Siegermächten verabredete Aufteilung Deutschlands in verschiedene Zonen. Inzwischen war die Sowjetunion in alle Staaten Ost- und Südosteuropas, die während des Krieges von Deutschland besetzt worden waren, einmarschiert. Mit Ausnahme Griechenlands wurden alle diese Staaten sozialistische Staaten.“

Mehr sagte er dazu nicht, wies aber darauf hin, dass Stalin mit dem Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakts „den Krieg anderer Völker in Kauf“ genommen habe, „um sich am Ertrag zu beteiligen“. Damit relativierte Weizsäcker nichts. Vielmehr ließ er keinen Zweifel daran, dass Hitler den Krieg willentlich und planmäßig entfesselt hatte. Auch das Leid, das Stalins Sowjetunion nach dem 8. Mai 1945 über Ostmitteleuropa brachte, war somit ein Ergebnis der Politik Hitlers. Aber Weizsäcker machte auch deutlich, dass mit dem 8. Mai als Tag der Befreiung nur in Westeuropa ein Sieg der Freiheit verbunden war. Insofern ist der 8. Mai, wenn es um die Freiheit ganz Europas geht, als Anfang eines Prozesses zu verstehen, der in den 9. November 1989 mündete. Auf die Festigung oder Restauration der liberalen Demokratien Westeuropas folgte der Wettbewerb der Systeme im Kalten Krieg, in dem sich der Liberalismus als stärker erwies. Der Umbruch von 1989 brachte den Völkern Ostmitteleuropas die Freiheit, die die Menschen im Westen schon seit Jahrzehnten hatten genießen können. Auch deshalb sollten wir des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa vor 75 Jahren und der Wiedervereinigung des Kontinents vor dreißig Jahren gemeinsam gedenken.

 

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in Die Politische Meinung - Zeitschrift für Politik, Gesellschaft, Religion und Kultur. Ausgabe 561 vom 1. April 2020.

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PD Dr. Matthias Oppermann

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