Besuch Ronald Reagans in Berlin

von Jens Schöne

In einer Rede vor dem Brandenburger Tor sprach der US-Präsident den berühmt gewordenen Satz "Tear down this wall!”

Am 12. Juni 1987 besuchte Ronald Reagan, der 40. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, zum dritten Mal das geteilte Berlin; es sollte seine spektakulärste Visite werden. Seine Aufforderung an Michail Gorbatschow, das Brandenburger Tor zu öffnen und die Berliner Mauer niederzureißen, hat bis heute einen festen Platz in der Geschichte des Kalten Krieges.

Vorgeschichte

Besuche von US-Präsidenten im geteilten Berlin hatten 1987 bereits eine ausgeprägte Tradition. Nach John F. Kennedy im Juni 1963 weilten auch Richard Nixon (Februar 1969) und Jimmy Carter (Juli 1978) in West-Berlin. Ronald Reagan aber war der einzige US-Präsident, der die geteilte Metropole als Amtsinhaber zweimal besuchte. Den ersten direkten Kontakt gab es sogar schon früher: Um für seinen zweiten Anlauf auf die Präsidentschaft außenpolitische Kompetenz zu demonstrieren, unternahm Reagan 1978 mehrere wohlinszenierte Reisen, so Anfang des Jahres nach Europa. Neben Großbritannien und Frankreich besuchte er die Bundesrepublik – und am 1. Dezember 1978 schließlich Berlin. Reagan absolvierte ein Programm, das für einen amerikanischen Politiker durchaus üblich war: Besuch am Checkpoint Charlie, Stopp am Brandenburger Tor und Mittagessen im US-Hauptquartier in Dahlem. Was dann allerdings folgte, war ebenso ungeplant wie ungewöhnlich: Spontan äußerte Reagan den Wunsch, auch Ost-Berlin zu besuchen. Begleitet von mehreren Personen brach er auf und passierte um 14:22 Uhr am Checkpoint Charlie die Grenze. Obwohl das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seinen Besuch ihn Berlin sehr wohl beobachtete, hatte es damit offensichtlich nicht gerechnet: Zwar wurde der Grenzübertritt verzeichnet, doch es folgten keine weiteren Maßnahmen. Glaubt man Reagans Beratern, hinterließ der Ausflug in den Ostteil der Stadt einen bleibenden Eindruck. Auf dem Alexanderplatz beobachtete der Tross, wie schwer bewaffnete Polizisten einen Passanten schikanierten. Diese Szene habe sich tief in Reagans Gedächtnis eingebrannt und ihn in seinem antikommunistischen Engagement bestärkt. Mehrmals sei er später darauf zurückgekommen. Obgleich der Besuch öffentlich kaum wahrgenommen wurde, verließ Reagan die Stadt am Abend mit gestärkten Überzeugungen: Er hatte durchgängig starkes Interesse an Fragen der deutsch-deutschen Teilung gezeigt und ausdrücklich seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Berliner Mauer nicht von Dauer sein würde.

Als er vier Jahre später, am 11. Juni 1982, abermals nach Berlin kam, geschah dies unter gänzlich anderen Vorzeichen. Inzwischen war Ronald Reagan tatsächlich US-Präsident, die vergangenen Jahre waren von einer globalen Politik der Hochrüstung geprägt gewesen (als deren wichtigster Protagonist Reagan in politisch linken Kreisen angesehen wurde) und genau deshalb hatte sich auch in der Bundesrepublik eine nicht länger zu ignorierende Friedensbewegung etabliert. Die Zeichen standen insgesamt auf Konfrontation und in West-Berlin sollte sich zeigen, was das konkret bedeuten konnte. Während am Vorabend des Besuches ein genehmigter Demonstrationszug mit mehreren zehntausend Teilnehmern unter dem Motto „Aufstehen für den Frieden“ friedlich durch die Innenstadt zog, eskalierte die Lage ab dem Vormittag des 11. Juni. Was als Bekenntnis für den Frieden und als Protest gegen Reagan begonnen hatte, entwickelte sich zu den schlimmsten Krawallen, die West-Berlin bisher erlebt hatte. Die Protestierenden errichteten Barrikaden, Straßenschlachten mit der Polizei tobten, am Abend wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Deeskalation war noch ein Fremdwort, die Beteiligten prallten unerbittlich aufeinander.

Von all dem bekam Reagan nichts mit, ihm zeigte sich ein völlig anderes West-Berlin. Nach verschiedenen Stationen (unter anderem wiederum am Checkpoint Charlie) fand der offizielle Höhepunkt des Tages vor dem Schloss Charlottenburg statt. Der Präsident hielt eine auffallend moderate Rede und lud „die Führer des Sowjetblocks zu […] einer neuen Berlin-Initiative“ ein: „Sie ist eine Aufforderung zum Frieden“. Vertrauensbildende Maßnahmen sollten dazu ebenso gehören wie konkrete Abrüstungsschritte. Spätestens als Reagan den für US-Präsidenten in Berlin nahezu unvermeidlichen Satz in deutscher Sprache vortrug, herrschte im geladenen Publikum Begeisterung: „Berlin bleibt doch Berlin.“ Zufrieden verließ Reagan bereits mittags die Stadt und notierte in seinem Tagebuch, dass ihm 25.000 Deutsche mit amerikanischen Fahnen voller Begeisterung zugewunken hätten. Wiederum wertete er seine Visite als gelungen.

 

Anspannung vor dem Besuch

Fast auf den Tag genau fünf Jahre später kehrte Reagan, inzwischen als Präsident wiedergewählt, abermals nach West-Berlin zurück. Während seine anderen Besuche in der geteilten Stadt heute nahezu vergessen sind, ist sein Aufenthalt vom 12. Juni 1987 inzwischen zu einem Erinnerungsort des Kalten Krieges geworden. Im Vorfeld war dies zunächst eher nicht zu erwarten gewesen, denn vieles ähnelte der Ausgangslage von 1982. An einem entscheidenden Punkt allerdings hatte sich Grundlegendes geändert: In Moskau waren nicht mehr kommunistische Hardliner an der Macht, stattdessen regierte mit Michail Gorbatschow ein vergleichsweise junger, flexibler Funktionär. Sein Ziel war keineswegs die Schwächung des Ostblocks, vielmehr versuchte er mit seiner Politik von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) dessen zunehmende Erstarrung zu überwinden und so neue Zukunftsoptionen zu eröffnen. Daraus resultierte unter anderem eine spürbare Entspannungspolitik: Im November 1985 fand in Genf das erste Spitzentreffen zwischen Gorbatschow und Reagan statt und konkrete Abrüstungsvereinbarungen wurden getroffen. Gleichwohl blieb Reagan davon überzeugt, dass der Kommunismus überwunden werden müsse. Von der Überlegenheit des eigenen Systems überzeugt, sah er die Stärke des Westens vor allem auf ökonomischem Gebiet, setzte zugleich – seine berufliche Vergangenheit als Schauspieler mag hier eine Rolle gespielt haben – aber auch auf mediale Inszenierungen. Und da er 1987 innenpolitisch wegen der so genannten „Iran-Contra-Affäre“ stark unter Druck stand, arbeitete die amerikanische Seite hinter den Kulissen konsequent an einer möglichst breiten Öffentlichkeitswirkung des Berlin-Besuchs. Sie beharrte auf einer Rede vor dem Brandenburger Tor und bestimmte auch deren Zeitpunkt wesentlich mit: Reagan sollte in den frühen Nachmittagsstunden sprechen, damit die amerikanischen Frühnachrichten darüber berichten würden. Er selbst hatte wegen der genannten Vorbedingungen ein hohes eigenes Interesse daran, eine möglichst glanzvolle, überzeugende und überraschende Ansprache zu halten.

Auch West-Berlin bereitete sich auf das Ereignis vor. Neben der offiziellen Seite, die für den reibungslosen Ablauf zu sorgen hatte, bedeutete dies vor allem, dass linksalternative Gruppierungen (wie schon fünf Jahre zuvor) Pläne schmiedeten, auf welche Weise sie agieren sollten. Von einer Vollversammlung im Kreuzberger Mehringhof am 4. Mai 1987 berichtete dahingehend ein Informant der Polizei: „Tenor: Reagan soll merken, dass er in eine unfriedliche Stadt kommt. Im City-Bereich will man etwas anstellen (Randale).“ Die Erinnerungen an die Konfrontationen vom Juni 1982 waren noch frisch. Zudem hatte es am 1. Mai 1987 in Kreuzberg exzessive Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Randalierern und der Polizei gegeben, die an Umfang und Intensität alles Bisherige in den Schatten gestellt hatten. So sehr sich die Lage weltweit auch entspannte, in West-Berlin war sie im Vorfeld des Besuchs hochgradig angespannt. Zwar befürwortete noch immer eine große Mehrheit der Bevölkerung das anstehende Ereignis, doch trachtete eine laute Minderheit nach der Deutungshoheit – und sollte damit letztlich auch einige Erfolge erzielen. In Ost-Berlin hingegen herrschte angespannte Ruhe. Über drei Nächte hinweg war es nur wenige Tage zuvor Unter den Linden zu massiven Protesten Jugendlicher gekommen, die in Forderungen wie „Mauer nieder!“ oder „Die Mauer muss weg!“ gipfelten. Der SED-Staat hatte hart durchgegriffen und sicherte das Gelände östlich des Brandenburger Tores nun nahezu hermetisch ab. Reagan konnte kommen.

Am Vorabend des Besuches, am 11. Juni 1987, fand in West-Berlin wiederum eine teilnehmerstarke Protestdemonstration statt, auch sie verlief zunächst friedlich. Als sich der Zug jedoch gegen 20:30 Uhr auflöste, folgten tatsächlich die zuvor angekündigten Randale autonomer Gruppen. Sie begannen in Schöneberg, verlagerten sich später nach Kreuzberg und wurden mit großer Heftigkeit ausgetragen. Es gab zahllose Verletzte, Scheiben gingen zu Bruch, Autos brannten, Barrikaden wurden errichtet. Auch am 12. Juni setzten sich die Konfrontationen fort. Eine spontane, nicht genehmigte Demonstration nahe der Gedächtniskirche wurde von der Polizei über Stunden hinweg rechtswidrig eingekesselt. Über Kreuzberg wurde eine fragwürdige „Verkehrsruhe“ verhängt; U-Bahnen und Busse blieben stehen, ein Verkehrschaos brach aus. Schließlich erfolgte eine Abriegelung von Teilen des Stadtbezirkes. Die Situation eskalierte zunehmend und beide Seiten führten sie mit großer Härte. Erst in den Morgenstunden des Folgetages kehrte langsam Ruhe ein.

 

„Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

Ronald Reagan bot sich auch dieses Mal ein gänzlich anderes Bild, obwohl er – wie sich zeigen sollte – sehr wohl über die Auseinandersetzungen unterrichtet war: Das offizielle West-Berlin präsentierte sich ihm als offene, fast heitere, US-freundliche Metropole. Reagan landete um 11:45 Uhr auf dem Flughafen Tempelhof, sprach in Schloss Bellevue mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker und traf danach im Reichstag unter anderem Bundeskanzler Helmut Kohl und den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen.

Dieser erklärte ihm vom Nordostbalkon des Gebäudes aus die innerstädtische Mauer sowie die zugehörigen Grenzanlagen. Nur wenige hundert Meter entfernt, unmittelbar am Brandenburger Tor, warteten zu diesem Zeitpunkt bereits 25.000 Menschen auf Reagans Ansprache. Sie wurden nicht enttäuscht. Der Präsident redete gut 25 Minuten, inklusive mehrerer Sätze in deutscher Sprache. Er lobte die Aufbauleistungen im Westteil der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg, brachte seine Überzeugung zum Ausdruck, dass der Sozialismus zwingend scheitern werde und erklärte seine Bereitschaft zu weiteren Abrüstungsmaßnahmen. In diesem Zusammenhang wandte er sich schließlich direkt an Michail Gorbatschow: „Genosse Generalsekretär, wenn Sie nach Frieden streben – wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa wünschen – wenn Sie die Liberalisierung wollen, dann kommen Sie hierher zu diesem Tor. Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer nieder.“

Vor Ort sorgten seine Worte für Jubel und Begeisterung; niemand hatte damit gerechnet, dass Reagan so deutlich werden würde. Er regte außerdem eine enge Zusammenarbeit zwischen beiden Stadthälften an, die unter anderem in der gemeinsamen Ausrichtung Olympischer Spiele „in naher Zukunft“ gipfeln könnten. „Die Mauer wird der Freiheit nicht standhalten“, lautete sein Fazit, und damit endete der offizielle Teil seiner Rede. Dann aber folgte ein letzter Gedanke, der im Manuskript gar nicht enthalten war. Reagan wandte sich überraschend direkt an all jene, die nur wenige Kilometer entfernt gegen ihn demonstrierten. Spitzfindig gab er ihnen zu bedenken: „Ich frage mich, ob Sie sich je darüber Rechenschaft abgelegt haben, dass es unter einer Regierung, wie Sie sie anscheinend anstreben, niemals wieder jemandem möglich wäre, das zu tun, was Sie gerade tun.“ Mit diesem Gedanken schloss er seinen Vortrag endgültig, die Menge zerstreute sich.

Reagans Aufenthalt endete an diesem milden Frühsommertag schließlich mit einem entspannten Tagesordnungspunkt. Da Berlin im Jahr 1987 sein 750. Stadtjubiläum feierte, fungierte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Nancy als (kurzzeitiger) Gastgeber eines Geburtstagsfestes auf dem Flughafen Tempelhof. Von ebendort verließ er kurz nach 16:00 Uhr West-Berlin – zufrieden mit dem Verlauf des Tages in der geteilten Metropole.

 

Nachwehen

Die Begeisterung, die Reagans Worte beim geladenen Publikum am Brandenburger Tor hervorgerufen hatte, blieb in den folgenden Tagen keineswegs unwidersprochen. Im Gegenteil, viele Kommentatoren übten deutliche Kritik: Die Forderungen des Präsidenten seien schon längst nicht mehr zeitgemäß, sondern jenseits aller politischen Realitäten, und sie offenbarten vor allem seine mangelnden Kenntnisse der europäischen Gegebenheiten. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre konnten sich offensichtlich nur noch wenige Mitlebende grundsätzliche Veränderungen der bipolaren Weltordnung vorstellen, die meisten hatten sich längst im Status quo eingerichtet. Das aber stand keineswegs so sehr im Widerspruch zu Reagans Überlegungen, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Denn auch er glaubte nicht wirklich an zeitnahe Umbrüche, wie er später in seinen Memoiren bekannte: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass weniger als drei Jahre danach die Mauer tatsächlich niedergerissen und mir ein Drei-Tonnen-Stück für meine Präsidentenbibliothek geschickt werden würde.“ Seine berühmteste Rede zielte also gar nicht auf das unmittelbare Ende der Mauer ab – doch sie hielt die Erinnerung an diese Forderung wach, und setzte sie ebenso unerwartet wie spektakulär wieder auf die zeitgenössische Tagesordnung; sie versuchte, wach zu rütteln. Darin beruht letztlich ihre besondere Bedeutung.

Einmal noch sollte Ronald Reagan nach Berlin zurückkehren, um dann auch die Wirkungen seiner nahezu prophetischen Äußerungen von 1987 in Augenschein zu nehmen. Im September 1990 weilte er, nun nicht mehr als Präsident, sondern als fast 80jähriger Privatmann, ganze vier Tage in der Stadt. Formal war Berlin noch immer geteilt, bis zur staatlichen Wiedervereinigung dauerte es weitere drei Wochen. Tatsächlich aber war die harsche Spaltung der Stadt längst überwunden. Und so war der emotionale Höhepunkt seiner letzten Visite ein Gang durch das Brandenburger Tor. 1978 hatte er westlich des Bauwerks gestanden, 1987 in unmittelbarer Nähe dessen Öffnung gefordert, nun betrat er nach fast zwölf Jahren wieder Ost-Berliner Boden. Mediengerecht pickte er mit Hammer und Meißel ein Stück Beton aus der Mauer und versprühte dabei beste Laune. Als ihm im November 1992 gemeinsam mit Michail Gorbatschow die Ehrenbürgerwürde Berlins verliehen wurde, konnte er aus gesundheitlichen Gründen am Festakt schon nicht mehr teilnehmen. So blieb es bei vier Besuchen in der Stadt, deren unbestrittener Höhepunkt der 12. Juni 1987 war.

 

Literatur:

  • Eisenhuth, Stefanie: Die Schutzmacht. Die Amerikaner in Berlin 1945–1994. Göttingen 2018.
  • Reagan, Ronald: Erinnerungen. Ein amerikanisches Leben. Frankfurt am Main 1990.
  • Schöne, Jens: Ronald Reagan in Berlin. Der Präsident, die Staatssicherheit und die geteilte Stadt. Berlin 2016.
  • Trotnow, Helmut / Weiß, Florian (Hrsg.): Tear down this wall. US-Präsident Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor, 12. Juni 1987. Berlin 2007.