Der Marshall-Plan tritt in Kraft.

von Christopher Beckmann
Er ist als wichtiger Schritt zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in das kollektive Gedächtnis der Westdeutschen eingegangen: der „Marshall-Plan“. Am 3. April 1948 wurde das unter diesem Namen bekannt gewordene, von den USA getragene European Recovery Program von Präsident Harry S. Truman unterzeichnet.

Der Namensgeber

Der bald allgemein gebräuchliche Name des Programms geht auf den früheren General George C. Marshall (1880–1959) zurück. Als Stabschef der US-Armee hat er während des Zweiten Weltkrieges die alliierten Aktionen in Europa und im pazifischen Raum koordiniert. Winston Churchill bezeichnet ihn deshalb als den „Organisator des alliierten Sieges“. Von 1947 bis 1949 amtiert Marshall als Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika und verkündet als solcher am 5. Juni 1947 in einer Rede vor Absolventen der Universität Harvard erstmals öffentlich die Absicht der US-Regierung, den europäischen Staaten massive wirtschaftliche Hilfe zum Wiederaufbau zukommen zu lassen. Für seine Verdienste um Verständigung und den Wiederaufbau nach 1945 erhält er 1953 den Friedensnobelpreis und wird 1959 mit dem Karlspreis der Stadt Aachen geehrt.

 

Motive

Dem Marshall-Plan liegen mehrere Motive zugrunde. So hat der harte Winter 1946/47 die Versorgungslage in Europa drastisch verschlechtert. Die Europäer sind infolge der Kriegszerstörungen nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse aus eigener Kraft zu decken. Besonders im besetzten Deutschland ist, ebenso wie in Österreich, die Versorgungslage katastrophal. Hohe Kosten für die britische und amerikanische Besatzungsmacht sind die Folge. Neben dem Ziel der Linderung der humanitären Not liegt es daher auch im Eigeninteresse der Sieger, die europäische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Vor allem die USA sind interessiert an zuverlässigen Handelspartnern und dem Aufbau eines aufnahmefähigen und nachfragestarken europäischen Marktes, um den eigenen Übergang zu einer Friedenwirtschaft zu erleichtern. Ein weiteres Motiv ist der eskalierende Ost-West-Konflikt: Eine rasche wirtschaftliche Erholung soll die politischen Verhältnisse in Westeuropa stabilisieren und so zur Eindämmung des Kommunismus beitragen. Am 12. März 1947 erklärt der amerikanische Präsident Harry S. Truman, es müsse von nun an „die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen“. Konkret geht es darum, das weitere Erstarken des Kommunismus in Italien und Frankreich, aber auch in Griechenland und der Türkei zu verhindern. Diese „Truman-Doktrin“ steht am Anfang der sog. „Eindämmungspolitik“ (containment policy) der Vereinigten Staaten gegenüber den expansionistischen Bestrebungen der UdSSR. Auch die Förderung des wirtschaftlichen Aufbaus nach demokratisch-liberalen Prinzipien ist insofern Teil einer ideologischen Offensive am Beginn des Kalten Krieges.

In Trumans eigenen Worten sind Truman-Doktrin und Marshall-Plan „zwei Hälften derselben Walnuss“. Letztlich stellt sich die Motivlage der USA „als eine Mischung aus strategischen, utilitaristischen und humanitären Aspekten“ (Paul Thomas/Rebecca Belvederesi-Kochs) dar.

 

Vorgeschichte und Entstehung

Zum Zeitpunkt der Rede in Harvard am 5. Juni 1947 hat es bereits eine Reihe von Vorarbeiten gegeben, auf die Marshall zurückgreifen kann. Seit Ende April wird im US-Außenministerium an der Konzeption eines Hilfsprogramms für die europäischen Staaten gearbeitet. Federführend ist der Leiter des Planungsstabs, George F. Kennan, der schon bei der Formulierung der Eindämmungspolitik eine entscheidende Rolle gespielt hat. Ebenfalls an der Vorbereitung des Plans beteiligt ist der Unter-Staatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten, William Clayton. Beide präferieren eine gesamteuropäische Vorgehensweise unter Einbeziehung Deutschlands und Österreichs, die dem Prinzip folgt, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie sind der Auffassung, dass ein Ausschluss Deutschlands der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Europas erheblich schaden würde. Angesichts des gravierenden Energiemangels ist man für den Wiederaufbau beispielsweise dringend auf die Ressourcen der deutschen Kohlenbergwerke angewiesen.

Als Marshall seine Rede hält, stehen die konkreten Bedingungen der Wirtschaftshilfe noch nicht fest. Dies gilt sowohl für den finanziellen Umfang wie für die Bereiche, die einbezogen werden sollen. Er betont vor allem, dass eigenes Engagement und eine enge Kooperationsbereitschaft der Europäer erwartet werden und dass es in erster Linie um Hilfe zur Selbsthilfe geht. Der amerikanische Außenminister fordert die europäischen Staaten auf, selbst die Initiative für ein Programm zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung Europas zu ergreifen. Die Rolle der USA solle „in freundschaftlicher Hilfe bei dem Aufstellen eines europäischen Programms und in der späteren Unterstützung eines solchen bestehen, sofern es uns ausführbar zu sein scheint“. Angesichts der „Desorganisation des ganzen Gefüges der europäischen Wirtschaft“ als Folge des Zweiten Weltkrieges sei „Europas Bedarf an ausländischen Nahrungsmitteln und sonstigen lebenswichtigen Gütern - hauptsächlich aus Amerika - so viel größer als seine gegenwärtige Zahlungsfähigkeit ist, dass es entweder wesentliche zusätzliche Hilfe benötigt oder aber sich einem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Niedergang sehr ernsten Charakters gegenüber sehen wird“. Diesen „bösartigen Kreislauf“ gelte es zu durchbrechen. Dazu müssten „die europäischen Länder in Bezug auf die Erfordernisse der Lage und des Anteils, den sie selbst übernehmen werden, zu einer Verständigung kommen (..), um jede etwa von der Regierung der Vereinigten Staaten unternommene Aktion mit dem nötigen Nachdruck durchzuführen“.

 

Stationen der Umsetzung

Bereits am 12. Juli 1947 treffen sich in Paris 16 europäische Staaten, um einen gemeinsamen Aufbauplan für Europa zu entwickeln – ein deutliches Zeichen dafür, wie dringend die Europäer auf amerikanische Hilfe angewiesen sind. Auch die osteuropäischen Staaten sind eingeladen, nehmen aber unter dem Druck der Sowjetunion nicht teil. Es ist allerdings fraglich, ob die USA mit der Beteiligung von Staaten aus dem sowjetischen Machtbereich als realistische Möglichkeit gerechnet haben. Auch die westlichen deutschen Besatzungszonen sind in Paris noch nicht vertreten, bilden aber ein zentrales Thema der Diskussionen. Parallel zu den Überlegungen der Europäer entwickelt eine Gruppe im State Department bis Ende August 1947 Grundzüge des European Recovery Program (ERP).

Am 22. September 1947 unterzeichnen 15 Staaten (Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, die Türkei) sowie die westlichen Besatzungszonen Deutschlands den Marshall-Plan-Vertrag. Ende 1947 übermittelt Präsident Truman einen Programmentwurf an den amerikanischen Kongress, der nach langwierigen Verhandlungen schließlich Mittel im Umfang von 12,4 Milliarden Dollar genehmigt. Am 3. April 1948 unterzeichnet Truman den "Economic Cooperation Act of 1948". Die Durchführung des ERP übernimmt auf amerikanischer Seite die Economic Cooperation Administration, auf europäischer Seite liegt die Koordination bei der auch als „Marshallplan-Organisation“ bezeichneten Organization for European Economic Cooperation (OEEC). Aus ihr geht 1961 die bis heute bestehende Organization for Economic Cooperation and Development (OECD) hervor. Aufgabe der in Paris angesiedelten OEEC ist es, die Verteilung der Mittel zu diskutieren, die Wirtschaftspolitik der beteiligten Länder zu koordinieren und die ökonomische Integration in Europa zu fördern. Insofern stellt der Marshallplan auch ein Element des europäischen Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wird ein Bundesministerium für den Marshall-Plan unter Leitung des FDP-Politikers Franz Blücher gegründet.

 

Umfang und Verteilung der Hilfen

Zwischen April 1948 und dem Auslaufen des Programms Ende 1952 fließen Hilfen im Wert von insgesamt rd. 14 Milliarden Dollar nach Europa. Die größten Empfänger sind Großbritannien mit ca. 25%, Frankreich mit 20% und Italien mit 11%. An vierter Stelle folgen die deutschen Westzonen bzw. die Bundesrepublik mit 10%. Legt man den Pro-Kopf-Anteil zugrunde, so profitieren die Niederlande, Österreich und Frankreich am stärksten.

Der Großteil der Transfers besteht aus Sachleistungen wie Nahrungsmitteln, Medikamenten, Treibstoff und Maschinen. Ab 1949 verlagert sich der Schwerpunkt von der Überlebenshilfe auf Maßnahmen zur Unterstützung der Produktivität. In Deutschland wird ein Großteil der Hilfen in den Wiederaufbau der Industrie sowie der Verkehrsinfrastruktur investiert. Die Hilfsgüter werden auf dem jeweiligen inländischen Markt in der Landeswährung verkauft oder als entsprechende Darlehen zur Verfügung gestellt. Dadurch können die europäischen Staaten eigene Finanzmittelt generieren, die wiederum der Wirtschaft als Wiederaufbaukredite zur Verfügung gestellt werden. Nach diesem Prinzip arbeitet bis heute die in Frankfurt ansässige Kreditanstalt für Wiederaufbau, die seit 1948 diese Mittel verwaltet.

Der Marshall-Plan beinhaltet zusätzlich ein technisches Unterstützungsprogramm, das den Austausch von Ingenieuren und Unternehmern zwischen den USA und Europa und somit den Transfer von Know-How organisiert.

Begleitet werden die Maßnahmen von einer intensiven Werbe- und Propagandakampagne, inklusive eines umfangreichen Filmprogramms.

 

Auswirkungen

In der wirtschaftshistorischen Forschung besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass der Marshall-Plan als ein wichtiger Bestandteil des europäischen Rekonstruktionsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg anzusehen ist. Mit Blick auf das viel zitierte westdeutsche „Wirtschaftswunder“ ist festzustellen, dass die Hilfslieferungen im Rahmen des European Recovery Programs es zwar nicht ausgelöst, wohl aber entscheidend gefördert haben. Ein weiterer Aspekt liegt in der Wiederingangsetzung der wirtschaftlichen Kooperation zwischen den europäischen Staaten und der Reaktivierung der europäischen Handelsbeziehungen.

Über die konkreten ökonomischen Auswirkungen hinaus sind die psychologischen und politischen Effekte zu veranschlagen. So vermittelt die Bereitschaft der USA zu umfassender Hilfe den europäischen Ländern „inmitten der desolaten Nachkriegsjahre Hoffnung auf eine baldige Konsolidierung“ (Paul Thomas/Rebecca Belvederesi-Kochs). Ferner ist das ERP eine wichtige Grundlage für die europäische Integration, für die Vereinfachung von Handelsbeziehungen und den Aufbau von Institutionen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa. Der Marshall-Plan markiert damit eine frühe Etappe auf dem Weg zur Entstehung des heutigen vereinten Europas.

Für die Westzonen und die Bundesrepublik Deutschland schließlich stellt die gleichberechtigte Teilnahme am Marshall-Plan einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Einbindung in die westliche Bündnis- und Wertegemeinschaft dar.

 

Nachwirkungen

Auch 65 Jahre nach seinem Inkrafttreten wird der Marshall-Plan häufig als Vorbild und Beispiel herangezogen. Wurde nach dem weltpolitischen Umbruch 1990/91 die Notwendigkeit eines neuen Marshall-Plans für die ehemaligen Ostblockstaaten diskutiert, so fordert heute etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund einen „Marshallplan für Europa“, um dessen Zukunftsfähigkeit zu erhalten. Eine von dem ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore mitbegründete „Global Marshall Plan Initiative“ hat es sich zum Ziel gesetzt, sich „für ein verbessertes und verbindliches globales Rahmenwerk für die Weltwirtschaft“ einzusetzen. Und der neu ernannte US-amerikanische Außenminister John Kerry erinnert in seiner ersten Rede nach dem Amtsantritt an den Marshall-Plan, um die Bedeutung des globalen Engagements der USA zu unterstreichen.

Die zahlreichen Bezugnahmen und Reminiszenzen zeigen deutlich, wie sehr das am 3. April 1948 in Kraft getretene und unter der Bezeichnung „Marshall-Plan“ berühmt gewordene European Recovery Program als erfolgreiches Konzept zum Wiederaufbau und zur Stabilisierung demokratischer Strukturen im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Deutschen und Europäer verankert ist.

 

Literatur

  • Gerd Hardach: Der Marshall-Plan. Auslandshilfe und Wiederaufbau in Westdeutschland 1948-1952, München 1994.
  • Michael J. Hogan: The Marshall Plan. America, Britain, and the reconstruction of Western Europe 1947-1952, Cambridge 2002.
  • Elke Kimmel: Dossier: Der Marshall-Plan – Selling Democracy. In: Bundeszentrale für Politische Bildung (2005). URL: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/marshallplan/ (abgerufen 27.3.2013)
  • Frank Mehring: Deutschland und das „Neue Europa“ in den Filmen des Marshall Plans. In: Deutsches Historisches Museum, URL: http://www.dhm.de/filmarchiv/film-im-kontext/propaganda/ (abgerufen 26.3.2013)
  • Paul Thomes/Rebecca Belvederesi-Kochs: Der Marshall-Plan. In: Themenportal Europäische Geschichte (2010), URL: http://www.europa.clio-online.de/2010/Article=451. (abgerufen 27.3.2013).
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