Constantin Fehrenbach, Portrait (1918). Constantin Fehrenbach, Portrait (1918). © Bundesarchiv, Bild 146-2007-0187 / CC-BY-SA 3.0

Constantin Fehrenbach

Jurist, Präsident des Reichstags, Reichskanzler 11. Januar 1852 Wellendingen/Bonndorf 26. März 1926 Freiburg/Breisgau
von Rebecca Schröder
Constantin Fehrenbach gehörte zu den wenigen badischen Zentrumspolitikern, die deutschlandweite Bekanntheit erlangten. Als letzter Präsident des kaiserlichen Reichstags und Präsident der verfassungsgebenden Nationalversammlung gestaltete er den Übergang von der Monarchie zur Republik aktiv mit. In den kritischen Jahren des Umbruchs verkörperte er politische Kontinuität und wurde Reichskanzler der noch jungen Weimarer Republik.

Studium und Karriere als Rechtsanwalt und Stadtverordneter in Freiburg

Constantin Fehrenbach wurde am 11. Januar 1852 als Sohn des Lehrers Johann Georg Fehrenbach und seiner Ehefrau Rosina Fehrenbach, geborene Gruseck, in Wellendingen bei Bonndorf im Schwarzwald geboren. Nach dem Wunsch seiner Eltern sollte er katholischer Priester werden. So verließ Fehrenbach schon früh sein Elternhaus und zog nach Freiburg, wo er das Berthold-Gymnasium besuchte und in das Erzbischöfliche Knabenkonvikt eintrat.

Nach dem Abitur im Jahr 1871 nahm Fehrenbach das Studium der katholischen Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg auf, das in die bewegten Jahre des badischen Kirchenstreits fiel. Das Theologiestudium brach er 1874 ab, da er bald zur Einsicht erlangte, dass das Zölibat nicht die geeignete Lebensform für ihn war. Daher wechselte er 1875 an die juristische Fakultät der Freiburger Universität, womit er von den nachteiligen Auswirkungen der Kulturkampfgesetze nicht mehr unmittelbar betroffen war.

Während seiner Studienzeit trat er der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Hercynia („KDStV Hercynia“) Freiburg bei, die ihm den Zugang zu bürgerlichen Honoratiorenkreisen ermöglichte. 1879 bestand er das Referendarexamen, im gleichen Jahr heiratete er Marie Hossner (1855–1921), die Tochter eines Rechtsanwaltes. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. 1882 ließ sich Fehrenbach als Rechtsanwalt in Freiburg nieder, wobei er überwiegend als Strafverteidiger tätig war. Schon bald war Fehrenbach gesellschaftlich im städtischen Bildungsbürgertum etabliert und betätigte sich auf kirchlicher, kultureller und kommunalpolitischer Ebene: 1884 zog er für das Zentrum in die Stadtverordnetenversammlung Freiburgs ein und als Vorsitzender des Münsterbauvereins und als 1. Präsident des Männergesangvereins nahm er wichtige Ehrenämter in seiner Heimatstadt wahr.

 

Ein Mann des Ausgleichs – als Abgeordneter und Präsident im Badischen Landtag

Im Jahr 1885 war Fehrenbach zum ersten Mal Abgeordneter der Zweiten Kammer der Ständeversammlung des Großherzogtums Baden. Die Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition um den Abbau der Kulturkampfgesetze führte damals innerhalb des Zentrums zu parteiinternen Richtungskämpfen zwischen dem Zentrumsführer Theodor Wacker (1845–1921) und Franz Xaver Lender (1830–1913). Da Fehrenbach wie Lender einer Politik der Versöhnlichkeit und des friedlichen Ausgleichs zuneigte, legte er sein Mandat nach zwei Jahren nieder.

Erst im Jahr 1901 kehrte Fehrenbach als Abgeordneter in die Zweite Kammer zurück, wo er bis 1913 – ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs – die Interessen der Zentrumswähler vertrat. Der streitbare Zentrumsführer Wacker war 1903 aus dem Landtag ausgeschieden und in der danach folgenden Phase der politischen Konsolidierung entschieden sich die Mitglieder der Partei dazu, dem moderaten und ausgleichenden Fehrenbach die Leitung der Zentrumspartei zu übertragen.

Zwei Jahre später stand seine Wahl zum Präsidenten der Zweiten Kammer an, die jedoch an den Stimmen des liberal-sozialen Blocks scheiterte. Erst als wegen personeller Differenzen zwischen den Nationalliberalen und Sozialdemokraten keine Einigung zustande kam, konnte Fehrenbach im Jahr 1907 das Präsidium im Landtag übernehmen. Lediglich die SPD-Fraktion stimmte gegen ihn, da sie in ihm einen Vertreter des monarchischen Staates sah. In seiner Funktion als Präsident der Zweiten Kammer blieb Fehrenbach bis 1908.

Als sich im Jahr 1909 die Großblockparteien erneut über den Kammerpräsidenten verständigten, lehnte er seine Wahl zum Vizepräsidenten ab und zog sich ganz aus der Landespolitik zurück. Ein Grund für diesen kompromisslosen Schritt bestand sicherlich in der Tatsache, dass sich Fehrenbach noch nicht zum konstitutionellen System bekennen konnte und das Ziel einer Parlamentarisierung noch nicht zu verfolgen bereit war.

Zudem war Fehrenbach schon seit 1903 Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Ettenheim-Lahr und dabei, sich auch auf nationaler Ebene einen Namen zu machen. Hierbei half ihm auch seine Wahl zum Präsidenten des Würzburger Katholikentages im Jahr 1907: In dieser Funktion setzte er sich gegen die andauernde Diskriminierung der Katholiken im Deutschen Reich ein und konnte sich gleichzeitig als einer der besten Redner des katholischen Deutschlands präsentieren.

 

Gescheiterte Versuche politischer Kontinuität - Als Mitglied und Präsident des Reichstags

Deutschlandweite Bekanntheit erlangte Fehrenbach durch seine Rede vom 3. Dezember 1913: Im Zuge der „Zabern-Affäre“, die durch Übergriffe in der elsässischen Stadt Zabern ausgelöst worden war, wandte er sich gegen das Handeln des preußischen Militärs und erinnerte daran, dass dieses immer noch deutschem Recht und Gesetz unterstehe. Nach Fehrenbachs Auffassung sei die Chance verspielt worden, das 1871 angegliederte „Reichsland“ enger an das Deutsche Reich heranzuführen. Mit seiner Kritik am Militär und seinem Plädoyer für den Verfassungsstaat machte sich Fehrenbach zum Sprecher weiter Kreise der deutschen Öffentlichkeit und gewann somit an Beliebtheit.

Aus der Reichstagsrede darf keinesfalls der Schluss gezogen werden, dass es Fehrenbach an einer patriotischen Einstellung fehlte. Seine deutschnationale Haltung zeigte sich vor allem während der Zeit des Ersten Weltkriegs: Wie die meisten Deutschen glaubte er, dass der Kriegsausbruch eine Folge der „Einkreisungspolitik“ der Entente-Mächte (Frankreich, Großbritannien und Russland) sei. Im Sommer 1917 berief man ihn die Spitze des Hauptausschusses des Reichstags im übertrug ihm im November desselben Jahres die Leitung des Interfraktionellen Ausschusses jener Parlamentsmehrheit, die bereits einige Monate zuvor vergeblich eine Resolution zugunsten eines Verständigungsfriedens verabschiedet hatte. Somit gehörte Fehrenbach jenen beiden Gremien an, die in der Endphase des Kriegs die Weichen dafür stellten, dass sich der Reichstag als eigentliches Gegengewicht zur Obersten Heeresleitung konstituieren und die Überleitung zum parlamentarischen System einleiten konnte.

Der Höhepunkt seiner politischen Karriere war die Berufung in das Amt des Reichstagspräsidenten im Juni 1918. In den Reformen zur Parlamentarisierung sah er den Umbau des Reiches zur parlamentarisch-demokratischen Monarchie vollendet. So erschütterte der Sturz der Monarchie im November 1918 den überzeugten Unterstützer eines fortschrittlichen, parlamentarischen Kaisertums zutiefst. Sein Versuch, den alten Reichstag einzuberufen, um die Monarchie zu erhalten, scheiterte am Widerspruch des Rates der Volksbeauftragten. Von dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert ließ Fehrenbach sich überzeugen, dass der Zusammentritt des kaiserlichen Reichstags als ein Signal zur Gegenrevolution missdeutet werden könnte. Fehrenbachs politisches Agieren während der kritischen Wochen wurde mit seiner Wahl zum Vizepräsidenten und schließlich auch zum Präsidenten der Verfassungsgebenden Nationalversammlung im Februar 1919 honoriert. Dabei sprach er sich – abseits von Fragen zur Staatsform – für einen demokratischen Rechtsstaat aus.

 

Vergebliche Verständigung – Fehrenbach als Reichskanzler

Die Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 sorgte für den Zusammenbruch der Weimarer Koalition, da die SPD erhebliche Stimmenanteile an ihre linke Konkurrenzpartei USPD verlor. So musste ein bürgerliches Minderheitskabinett aus Zentrum, DDP und DVP gebildet werden, das in jeder zentralen Frage auf die Unterstützung der SPD angewiesen war. Nur auf Drängen des Reichspräsidenten und der Zentrumsfraktion nahm Fehrenbach das Amt des Reichskanzlers an. Sein Kabinett stand von Anfang an auf einer zu schmalen Basis, um die vordringlichen Aufgaben der noch jungen Weimarer Republik erfolgreich angehen zu können. Die durch die Revolution und den Friedensvertrag hervorgerufenen Spannungen, die endgültige Regelung der Stellung der Reichswehr im Staat in Folge des Kapp-Putsches und die Eindämmung der Inflation konnten von seinem Kabinett nicht angegangen werden.

Fehrenbachs Kanzlerschaft war geprägt von der Erfüllung des Versailler Vertrags. So vertrat er Deutschland auf den Konferenzen in Spa (1920) und in London (1921), auf denen er hoffte, mit den Alliierten eine Verständigung über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Reiches herbeiführen zu können. Vergeblich bemühte er sich um eine amerikanische Unterstützung in der Reparationsfrage. Fehrenbach trat im Juni 1921 als Reichskanzler zurück, da die Deutschnationale Volkspartei, auf die sich seine Regierung im Parlament mit stützen musste, seine Außenpolitik, die auf den Versuch einer Verständigung mit den Siegermächten über die Reparationen hinauslief, nicht mehr guthieß. Nach seinem Rücktritt als Reichskanzler blieb Fehrenbach politisch aktiv. 1922 wurde er als Mitglied des neugegründeten Staatsgerichtshofs berufen. Ende 1923 trat er als Nachfolger des zum Reichskanzler ernannten Walter Marx an die Spitze der Zentrumsfraktion im Reichstag.

 

Gesellschaftspolitisches Engagement nach seinem Rücktritt, Tod und posthume Würdigung

Tief erschüttert durch den Mord an Außenminister Walther Rathenau, übernahm Fehrenbach 1923 den stellvertretenden Vorsitz des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Zudem unterstützte er 1924 die Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold – ein Engagement, das als Reaktion auf die Fememorde rechtsnationaler und nationalsozialistischer Organisationen gedeutet werden kann. Doch Fehrenbach war keineswegs ausschließlich Politiker: Vier Jahrzehnte lang wirkte er als Präsident des Freiburger Männergesangvereins, als Nachfolger des Freiburger Oberbürgermeisters Otto Winterer leitete er bis zu seinem Tod den Münsterbauverein der Breisgaumetropole. Für seine vielseitigen Verdienste um die Stadt Freiburg wurde ihm 1920 die Ehrenbürgerwürde zuerkannt. Bis zu seinem Tode behielt Fehrenbach den Vorsitz der Zentrumsfraktion im Reichstag.

Am 26. März 1926 starb Constantin Fehrenbach in Freiburg im Alter von 74 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. Als Ehrenbürger der Stadt wurde er in einem Ehrengrab auf dem Freiburger Hauptfriedhof beigesetzt.

Helga Grebing würdigte Fehrenbachs Kompromissbereitschaft, seine Leichtigkeit, sich in schwierigen Situationen zurechtzufinden, seine Ruhe und Selbstbeherrschung – alles aber auch Charaktereigenschaften, die ihm unter seinen Parteifreunden den Ruf einbrachten, den politischen Kampf zu scheuen. Clemens Siebler betonte sein Pflichtbewusstsein, seine katholische Gesinnung und innenpolitisches Ansehen. Fehrenbach gehöre, so Siebler, zu den badischen Zentrumspolitikern, die in den Krisenjahren des politischen Umbruchs die Reichspolitik mittrugen und am Übergang von der Monarchie zur Republik politische Kontinuität verkörperten.

 

Bestand:

Generallandesarchiv Karlsruhe

Lebenslauf

  • ​​​​​​​1871–1879 Theologie- und Jurastudium in Freiburg/Breisgau
  • seit 1882 Anwaltspraxis in Freiburg
  • 1885–1887 und 1901–1913 MdL Baden (Zentrum)
  • 1903–1926 Mitglied des Reichstages
  • 1907 Präsident des Würzburger Katholikentags
  • 1920 Ehrenvorsitzender des Zentrums
  • 27.06.1920–10.05.1921 Reichskanzler
  • 1923–1926 Vorsitzender der Reichstagsfraktion des Zentrums

 

Literatur

  • ​​​​​​Bernd Braun: Die Weimarer Reichskanzler. Zwölf Lebensläufe in Bildern, Düsseldorf 2011.
  • Astrid Luise Mannes: Reichskanzler Constantin Fehrenbach. Eine Biographie, Berlin 2006.
  • Christian Würtz: Der Reichskanzler Constantin Fehrenbach (1852–1926). Freiburger Rechtsanwalt und Zentrumspolitiker, Karlsruhe 2013.

 

Einzeltitel
picture alliance / akg-images
11. Februar 2021
Jetzt lesen