Freya Klier, Portraitfoto Freya Klier, Portraitfoto © Nadja Klier

Freya Klier

Autorin, Regisseurin 4. Februar 1950 Dresden
von Jan Philipp Wölbern
Freya Klier, Portraitfoto Nadja Klier
Freya Klier, Portraitfoto

Freya Klier wurde 1950 in Dresden in einer Arbeiterfamilie geboren. Eine prägende Erfahrung im frühen Kindesalter war die staatliche Repression gegenüber ihrer Familie: Als ein Gericht ihren Vater 1953 – es ist das Jahr des Volksaufstandes in der DDR – nicht zuletzt aus politischen Motiven zu einem Jahr Gefängnis verurteilte, wurden Freya und ihr ein Jahr älterer Bruder in einem Wochenheim für Kinder untergebracht. Die Erfahrung der Stigmatisierung als Kind eines politischen Häftlings prägte sie. In ihrer Jugendzeit war sie in der Jungen Gemeinde aktiv, zugleich aber auch Mitglied in der FDJ.

Nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Facharbeiterin geriet Klier selbst mit dem Regime in Konflikt. Ausgelöst durch ein politisches Gerichtsurteil gegen ihren Bruder wegen des Vorwurfs der „Staatsverleumdung“ unternahm sie 1966 einen Fluchtversuch. Dieser scheiterte jedoch und Klier wurde zu einer Haftstrafe von 16 Monaten verurteilt. Sie musste mehr als zwölf Monate davon verbüßen. In das Freikaufprogramm der Bundesregierung, das ab den frühen 1960er Jahren tausenden politischen DDR-Häftlingen einen Weg aus der Haft in den Westen eröffnete, wurde sie jedoch nicht einbezogen. Nach der Entlassung in die DDR musste sie deshalb von ihrem Ausreisewunsch Abstand nehmen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt zunächst mit verschiedenen Anstellungen. 1970 durfte sie schließlich ein Schauspielstudium an der Universität Leipzig beginnen, das sie fünf Jahre später mit dem Diplom abschloss; von 1978 bis 1982 absolvierte sie zusätzlich ein Regiestudium.

Trotz der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, die man ihr einräumte, behielt Klier weiterhin eine kritische Grundhaltung gegenüber dem SED-Regime. In ihren künstlerischen Arbeiten nannte sie die tatsächlichen Verhältnisse im real existierenden Sozialismus und die Widersprüche mit der propagierten Theorie beim Namen. Obwohl sie Mitglied im Theaterverband der DDR war und u.a. an den Theatern in Senftenberg, Schwedt, Bautzen, Halle und Ost-Berlin inszenieren dufte, griffen die für die Kontrolle des Kulturbetriebes zuständigen staatlichen- bzw. Parteistellen wiederholt in ihre Arbeit ein, zensierten, veränderten oder setzen die von ihr inszenierten Stücke ganz ab. Trotz all dieser Repressalien erhielt sie 1984 den DDR-Regiepreis für die Uraufführung eines Stückes am Theater in Schwedt.

Anfang der 1980er Jahre kam Klier in Kontakt mit der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR. Sie engagierte sich im Pankower Friedenskreis in Ost-Berlin und geriet dadurch mehr und mehr in Konflikt mit dem SED-Regime. Die Spannungen eskalieren schließlich in einem faktischen Berufsverbot und ihrem Ausschluss aus dem Theaterbund – nur ein Jahr nach der Verleihung des DDR-Regiepreises. Fortan stand sie unter engmaschiger Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit, das Ordnungsstrafen und „Zersetzungsmaßnahmen“ gegen sie einleitete.

Konkret bestand ihr Engagement in der Opposition beispielsweise in einer empirischen Untersuchung des Erziehungs- und Bildungssystems der DDR. Dafür führte sie Interviews mit Schülern und Lehrern und zeichnete auf dieser Basis ein Bild des Schulwesens, das von Doppelbödigkeit und zunehmender Erosion des Vertrauens in den SED-Staat geprägt war. Zudem verfasste und trug sie kritische Theater- und Prosastücke vor. Der Raum der Evangelischen Kirche bot ihr in dieser Zeit einen gewissen Schutz. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Liedermacher Stephan Krawczyk, protestierte sie 1987 in einem Brief an Kurt Hager gegen die Reformunwilligkeit der SED-Führung. Das Schreiben wurde auch in Medien in der Bundesrepublik veröffentlicht, was das Regime unter Druck setzte.

Das Jahr 1988 bedeutete einen Einschnitt in ihrem Leben. In einer von langer Hand geplanten und minutiös vorbereiteten Aktion verhaftete die Staatssicherheit im Januar zuerst Stephan Krawczyk und weniger später auch Freya Klier. Die Festnahmen standen im Zusammenhang mit den Demonstrationen Oppositioneller und anderer Ausreisewilliger am Rande der alljährlichen, öffentlich zelebrierten Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar in Ost-Berlin. Im Zuge der Aktion wurden ca. 160 weitere Personen aus Kreisen der Oppositions- und Ausreisebewegung in Haft genommen. In der zentralen Untersuchungshaft der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen wurden Klier und Krawczyk massiv unter Druck gesetzt, ihrer Ausweisung in die Bundesrepublik „freiwillig“ zuzustimmen. Andernfalls wurden ihnen hohe Haftstrafen angedroht. Unter diesen Umständen entschlossen sich beide schließlich notgedrungen dazu, die DDR zu verlassen. Klier nahm ihren Wohnsitz danach in West-Berlin, wo sie wieder als freischaffende Künstlerin arbeitete. Sie begrüßte die Friedliche Revolution in der DDR und den Demokratisierungsprozess, der die Menschen in der DDR von der Vormacht der SED befreite.

Nach der Wiedervereinigung gehörte die Aufarbeitung der SED-Diktatur zu den Schwerpunkten ihres künstlerischen Schaffens. Ihr persönlicher Wahlspruch bringt dies zum Ausdruck: „Mein elftes Gebot: ‚Du sollst Dich erinnern!‘“ 1996 gehörte Klier neben anderen namhaften Bürgerrechtlern sowie Bundeskanzler Helmut Kohl zu den Gründungsmitgliedern des Bürgerbüros, eines Vereins zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur. Der Verein widmet sich der Aufgabe, „Personen zu helfen, die unter Willkürakten des SED-Regimes fortlaufend zu leiden haben, das öffentliche Bewusstsein für die Leistung derer zu stärken, die in der Zeit der DDR-Diktatur Opfer für die Freiheit und die Achtung der Menschenrechte gebracht haben“.

Klier erweiterte das Spektrum ihres Schaffens seit 1990 zudem um Werke, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft befassen. Sie liest aus ihren Werken, präsentiert Filme, hält Vorträge und klärt in Schulveranstaltungen – oft in Kooperation mit den Bildungswerken bzw. -foren der Konrad-Adenauer-Stiftung – Schülerinnen und Schülern über das Unrechtssystem der DDR und die NS-Terrorherrschaft sowie deren Folgen für das alltägliche Leben der Menschen auf. Aus der Vielzahl an Ehrungen und Auszeichnungen, die sie inzwischen für ihre Arbeit erhalten hat, sind die Sächsische Verfassungsmedaille (2007), der Verdienstorden des Freistaates Sachsen (2017) und die Medaille „Sachsen - Land der Friedlichen Revolution“ (2019) hervorzuheben.

Kontakt

Dr. Jan Philipp Wölbern

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