435 plus 35 - und am Ende entscheiden nur wenige
Auf dem Papier ist die Wahlkarte am 3. November riesig. Alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus stehen zur Wahl, dazu 35 der 100 Sitze im Senat. Von Alaska bis Florida stimmen insgesamt rund 250 Million Amerikaner über ihre Vertreter in Washington ab.[1] Politisch relevant für die Mehrheitsfrage ist jedoch nur ein Bruchteil. Das liegt an einer Besonderheit des amerikanischen Wahlsystems: Die beiden Kammern des Kongresses werden nach unterschiedlichen geografischen Logiken gewählt. Senatoren treten im gesamten Bundesstaat an. Im Repräsentantenhaus entscheiden dagegen einzelne Congressional Districts. Ein politischer Stimmungsumschwung kann deshalb national deutlich sichtbar sein, ohne sich proportional in zusätzlichen Mandaten niederzuschlagen. Zehn zusätzliche Prozentpunkte in einem ohnehin sicheren Wahlkreis verändern an der Sitzverteilung nichts. Zwei oder drei Punkte an der richtigen Stelle können dagegen über die Mehrheit im Kongress entscheiden. Damit wird die politische Geografie zum Filter zwischen nationaler Stimmung und politischer Macht. Und gerade 2026 ist dieser Filter besonders relevant.
Der Senat: Die Wahlkarte wird größer
Lange schien der Weg zu einer veränderten Senatsmehrheit vergleichsweise schmal. Inzwischen hat sich die Karte ausgeweitet. Analysten führen derzeit sieben Senatsrennen als „Toss-Up“, also offen: Alaska, Iowa, Maine, Michigan, New Hampshire, Ohio und Texas.[2] Sechs dieser Sitze werden derzeit von Republikanern gehalten, einer von Demokraten. Die Demokraten müssen netto vier Sitze hinzugewinnen, um die Mehrheit zu übernehmen.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl als die geografische Streuung. Die engsten Rennen reichen von Neuengland über den industriell geprägten Mittleren Westen bis nach Texas und Alaska. Vor allem Texas und Iowa zeigen, wie sehr sich die politische Lage im Laufe des Wahljahres verändert hat. Noch zu Beginn des Sommers galten beide Rennen als republikanisch geneigt - im August verschoben Analysten sie in die Kategorie „Toss Up“.
Für die Demokraten eröffnet das zusätzliche Wege zur Mehrheit, macht ihre Aufgabe aber nicht zwangsläufig leichter. Sie müssen gleichzeitig offene eigene Sitze in Michigan und New Hampshire verteidigen. Viele Experten sehen derzeit zwar ein für die Demokraten günstiges nationales Umfeld, weisen aber zugleich darauf hin, dass mehrere der für eine Mehrheit notwendigen Staaten strukturell republikanischer wählen als das Land insgesamt. Eine nationale Welle, von der derzeit schon viele reden, muss deshalb genau die richtigen Orte erreichen.
Was unter der Oberfläche passiert
Die Einordnung eines Bundesstaates als „rot“, „blau“ oder „Swing State“ verdeckt zudem, wie unterschiedlich sich seine einzelnen Regionen entwickeln können. Gerade auf County-Ebene wird sichtbar, dass sich die amerikanische Wahlkarte nicht einfach geschlossen nach links oder rechts bewegt. Inside Elections identifiziert 19 Counties in zentralen Senatsstaaten, in denen der Abstand zwischen den Parteien bei den Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 jeweils weniger als fünf Prozentpunkte betrug.[3] Hinter diesen knappen Ergebnissen stehen größere strukturelle Veränderungen: republikanische Zugewinne in ehemals demokratisch geprägten Industrie- und Working-Class-Regionen, demokratischer Zuwachs in wachsenden, stärker akademisch geprägten Vorstädten und weitere Verschiebungen zugunsten der Republikaner in Teilen des ländlichen Raums.
Michigan illustriert diese Entwicklung besonders deutlich. Genesee County mit der ehemaligen Industriestadt Flint und das industriell geprägte Muskegon County waren über Jahrzehnte demokratisch. Muskegon stimmte von 1992 bis 2020 bei jeder Präsidentschaftswahl für den demokratischen Kandidaten, 2024 gewann Donald Trump dort knapp. Nur rund 150 Kilometer entfernt verläuft die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Kent County rund um Grand Rapids war traditionell republikanisch. Trump gewann den Bezirk noch 2016, Joe Biden und Kamala Harris erreichten dort 2020 beziehungsweise 2024 jedoch jeweils rund 52 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Bevölkerung mit College-Abschluss zwischen 2010 und 2024 von 30 auf 41 Prozent.
Ein Bundesstaat kann also gleichzeitig in seinen ehemaligen Industriegebieten republikanischer und in seinen wachsenden Metropolregionen demokratischer werden. Für ein landesweites Senatsrennen kommt es darauf an, welche dieser gegenläufigen Entwicklungen am Ende stärker wiegt.
Das House: 435 Rennen, wenige entscheiden
Im Repräsentantenhaus wird diese geografische Konzentration noch deutlicher. Obwohl sämtliche 435 Sitze erneut vergeben werden, stufen Analysten derzeit lediglich 22 Rennen als völlig offen ein.[4] Weitere elf gelten als „Lean Democrat“, zehn als „Lean Republican“. Demgegenüber werden 185 Sitze als sicher demokratisch und 176 als sicher republikanisch bewertet. Der eigentliche Kampf um die House-Mehrheit findet damit auf einer erstaunlich kleinen Fläche der amerikanischen Wahlkarte statt.
Gerade dort hat sich die Stimmung allerdings merklich verändert. Eine im September durchgeführte Befragung von 1.052 potenziellen Wählern in 37 kompetitiven Congressional Districts zeigt die Demokraten beim sogenannten Generic Congressional Ballot mit 49 zu 47 Prozent vorne.[5] Bemerkenswert daran: Zusammengenommen hatte Trump genau diese Wahlkreise 2024 noch mit durchschnittlich fünf Punkten Vorsprung gewonnen.
Das bedeutet nicht, dass all diese Sitze wechseln werden. Es zeigt aber, wie unterschiedlich eine Veränderung der nationalen Stimmung geografisch wirken kann. In einem sicheren republikanischen District kann ein Rückgang der Unterstützung ohne Folgen bleiben. In einem Wahlkreis, der 2024 nur knapp an Trump ging, kann dieselbe Verschiebung dagegen einen Sitz im Kongress kosten.
Ende September verschoben Experten deshalb die Bewertung von 15 House-Rennen in Richtung der Demokraten. Auch diese Einschätzung ist keine Wahlprognose, zeigt aber, wie stark sich die Frage nach der House-Mehrheit inzwischen auf eine kleine Zahl von Wahlkreisen konzentriert.
Wenn sich nicht nur die Wähler, sondern auch die Wahlkreise verändern
2026 kommt eine weitere Besonderheit hinzu: In Teilen des Landes hat sich seit der letzten Kongresswahl nicht nur das Wahlverhalten verändert, sondern die Wahlkarte selbst. Dieser Prozess wird als Gerrymandering bezeichnet. In neun Bundesstaaten (Alabama, Kalifornien, Florida, Louisiana, North Carolina, Ohio, Tennessee, Texas und Utah) gelten in diesem Jahr neue Congressional Districts. Rund ein Zehntel der amerikanischen Bevölkerung lebt dadurch 2026 in einem anderen Kongresswahlkreis als noch bei der vorherigen Wahl.
Damit lässt sich ein möglicher Sitzwechsel nicht immer allein mit einer veränderten politischen Stimmung erklären. Ein District kann republikanischer oder demokratischer werden, weil andere Wähler zu ihm gehören als zwei Jahre zuvor. Gerade bei einer knappen House-Mehrheit können solche Veränderungen erhebliche Auswirkungen haben. Doch auch neue Grenzen garantieren keinen Wahlsieg. In Texas sollten zugeschnittene Wahlkreise den Republikanern zusätzliche Chancen eröffnen. Inzwischen sind einige dieser Rennen, insbesondere im Rio Grande Valley und in South Texas, kompetitiver als zunächst erwartet.
Texas: Neue Mehrheiten auf dem Prüfstand
Kaum ein Bundesstaat bündelt die unterschiedlichen Dynamiken der Midterms so deutlich wie Texas. Der Staat ist gleichzeitig Schauplatz eines umkämpften Senatsrennens, mehrerer relevanter House-Wahlen und einer grundsätzlicheren Frage: Wie dauerhaft sind die republikanischen Zugewinne unter Hispanic voters?
2024 hatte Trump gerade in South Texas erheblich hinzugewonnen. Zwei Jahre später ist die Entwicklung weniger eindeutig. Eine im August und September durchgeführte Umfrage unter 1.000 Hispanic voters in Texas bezifferte Trumps Zustimmung in dieser Wählergruppe auf nur noch 33 Prozent. 18 Prozent der Hispanic voters, die ihn 2024 unterstützt hatten, lehnten seine Amtsführung inzwischen ab.[6] Unter Befragten in drei besonders relevanten Congressional Districts im Rio Grande Valley und South Texas lagen die Demokraten beim Generic Ballot mit 53 zu 39 Prozent vorne.
Dabei steht nicht nur Migration im Vordergrund. Die Wirtschaft wurde in derselben Befragung deutlich häufiger als wichtigstes Thema genannt als Immigration und die Einwanderungsbehörde ICE zusammengenommen. Die Ergebnisse legen damit nahe, die republikanischen Zugewinne von 2024 nicht vorschnell als dauerhafte Neuausrichtung einer ganzen Wählergruppe zu interpretieren.
Auch innerhalb der texanischen Republikaner zeigen sich Spannungen über die künftige Ausrichtung der Partei. Karl Rove, einer der Architekten des jahrzehntelangen republikanischen Aufstiegs in Texas und enger politischer Berater George W. Bushs, kündigte 2026 an, im Rennen um die Texas Railroad Commission für den demokratischen Kandidaten zu stimmen. Anlass waren Äußerungen des republikanischen Kandidaten Bo French. Der Einzelfall ist kein Beleg für eine breitere Abwanderung republikanischer Wähler. Er verweist jedoch auf einen Wandel innerhalb der Partei selbst: Rove steht für eine frühere Strategie, die unter Bush auf die Erweiterung der republikanischen Wählerkoalition und insbesondere eine stärkere Ansprache der wachsenden Hispanic-Bevölkerung setzte. Heute verfolgt die Partei insbesondere in der Migrationspolitik einen deutlich restriktiveren Kurs.
Texas wird damit zu einem Testfall für zwei miteinander verbundene Fragen: Wie stabil sind die neuen republikanischen Wählerkoalitionen von 2024, und welche Auswirkungen hat die politische Entwicklung der Partei selbst auf deren Zusammenhalt?
Kalifornien: Blau – aber nicht überall
Kalifornien zeigt die umgekehrte Perspektive. Der bevölkerungsreichste Bundesstaat gilt national als verlässliche demokratische Hochburg. Für die House-Mehrheit sind jedoch gerade jene Teile Kaliforniens relevant, die nicht diesem landesweiten Muster entsprechen.
In Central California und Teilen Südkaliforniens befinden sich weiterhin kompetitive Congressional Districts. Besonders interessant ist auch hier die Entwicklung der Hispanic electorate. Central Valley, derzeit vom Republikaner David Valadao vertreten, wird als „Toss-Up“ eingestuft. Der Wahlkreis hatte sich in den vergangenen Wahlzyklen deutlich nach rechts bewegt.
Texas und Kalifornien zeigen damit zwei Seiten derselben Entwicklung. Ein republikanisch geprägter Bundesstaat kann lokale Regionen enthalten, in denen demokratische Kandidaten wieder an Boden gewinnen; ein klar demokratischer Staat zugleich Wahlkreise, in denen Republikaner konkurrenzfähig bleiben. Die Farben Rot und Blau, mit denen amerikanische Wahlkarten gewöhnlich dargestellt werden, erklären nur einen Teil der politischen Realität.
Am Ende entscheidet das „Wo“
Die Midterms werden auch 2026 als nationales Urteil über die Regierung Trump gelesen werden. Nicht zuletzt hat Trump selbst diesen Charakter der Wahl betont, indem er die Wähler mehrfach aufforderte, die Midterms als Abstimmung über seine eigene Präsidentschaft zu verstehen. Der Krieg im Iran, die Wirtschaft, die Lebenshaltungskosten, Migration und die Bilanz des Präsidenten prägen Wahlkampf und öffentliche Stimmung. Doch aus einer nationalen Stimmung entsteht nicht automatisch eine entsprechende Mehrheit im Kongress.
Im Senat muss eine politische Verschiebung groß genug sein, um einen ganzen Bundesstaat zu verändern, und sie muss in genau jenen Staaten stattfinden, deren Sitze überhaupt zur Wahl stehen. Im House kann dieselbe Verschiebung in einem sicheren District politisch folgenlos bleiben, wenige Kilometer weiter aber einen Sitz kippen.
Genau darin liegt die Besonderheit dieser Midterms. Die Frage am 3. November lautet nicht nur, ob Amerika republikanischer oder demokratischer wählt. Entscheidend ist, wo sich derzeit vorrangig die politische Stimmung verändert - in den ehemaligen Industrieregionen Michigans, den wachsenden Vorstädten, im Rio Grande Valley oder in einem der wenigen Dutzend umkämpften Congressional Districts. Denn im politischen Amerika entscheiden nicht zwangsläufig die größten Veränderungen über die Macht in Washington. Manchmal müssen sie nur am richtigen Ort stattfinden.
[1] Pew Research Center, “The U.S. Electorate’s Changing Racial and Ethnic Makeup,” September 10, 2026.
[2] The Cook Political Report, “2026 CPR Senate Race Ratings,” updated October 6, 2026.
[4] The Cook Political Report, “2026 CPR House Race Ratings,” updated September 25, 2026.