Veranstaltungsberichte

Gibt es eine am Christentum orientierte Politik?

Vortrag und Diskussion mit Professor Udo Di Fabio

Mit Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung einen der als Redner begehrtesten Staatsrechtler der Bundesrepublik zu Gast. Mit viel Leidenschaft hielt der Ex-Bundesverfassungsrichter und Professor an der Universität Bonn ein eindrucksvolles Plädoyer, die christlichen Werte in der Gesellschaft zu pflegen. In einer anschließenden Gesprächsrunde, moderiert vom ehemaligen Chefredakteur des Rheinischen Merkur und Publizisten Prof. Michael Rutz, ging Di Fabio auf die Thematiken seines Vortrages ein und beantwortete viele Fragen, die aus dem Publikum kamen.

„Es darf keinen Staat geben, der sich christlicher Staat im religiösen Sinne nennt“, da im Grundgesetz die Neutralität des Staates gegenüber Religionen gewährleistet sei. Klare Worte fand Prof. Udo Di Fabio bei der Beschreibung des Rahmens, in dem sich Staat und Kirche gemeinsam bewegen können. Da diese Neutralität als wohlwollende Neutralität verstanden werden müsse und das Grundgesetzt Religionsgemeinschaften zwar ohne Bevorzugung oder Benachteiligung betrachte, ihnen aber einen besonderen Wert zuschreibe, zeigte er auf, welche Möglichkeiten zur Einflussnahme Kirchen haben und auch wahrnehmen sollten.

Die Zuschreibung des besonderen Wertes im Grundgesetz sei der Ausdruck eines Wohlwollens des Staates gegenüber den Religionsgemeinschaften und mit der Absicht, der besseren Entfaltung der Persönlichkeit zu dienen, was zweifelsohne kein autistisches oder privates, sondern ein sehr kommunitäres Projekt sei. Persönlichkeiten nämlich könnten erst in Gemeinschaften und Freiräumen von der Verfassung entstehen, wozu Familie und Kirche in besonderem Maße zählten. Die Einräumung des besonderen Stellenwertes der Entfaltung der Persönlichkeit im kirchlichen Umfeld sei eine sehr christliche Orientierung.

Ein weiteres Element mit christlicher Prägung sei der erste Artikel des Grundgesetzes. Indem wir an die Menschenwürde glaubten, übernähmen wir ein christliches Gehalt, so Di Fabio. Tradiert sei die Vorstellung der Menschenwürde von der christlichen Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Auch die Schaffung des Sozialstaates habe starke christliche Züge und sei die „weltliche Übersetzung der Gottesliebe“.

Bei so vielen Aspekten mit Orientierung am Wertefundament des Christentums könne es verwundern, weswegen die Mitgliederzahlen der Kirche zurückgingen. Dies sei allerdings einfach zu begründen: Die christliche Kirche verliere an Originalität und Gegengewicht, je mehr die Staaten christliche Werte aufnähmen. Jedoch müsse man eingestehen, dass der christliche Erbe „nichts Ausschließliches“ auf der Welt sei. Die Verweltlichung sei eine Einstellungsfrage jedes Landes, und es gebe viele „Konkurrenten in der Denkweise“. Erst letztens habe Prof. Di Fabio auf seiner Chinareise erfahren, wie grundverschiedenen Haltungen doch sein können. Der Wert des Einzelnen und die Bewahrung der Schöpfung spielten dort eine weniger zentrale Rolle als hierzulande. Und möglicherweise sei diese Einstellung nicht nur durch die momentane Transformationsphase in Fernost bedingt, sondern eine generelle Frage, die sich in vielen Kulturkreis wiederfinden lasse.

Ist also der Weg des christlichen Erbes in Gefahr, weil wir selbst nicht mehr an ihn glauben? Zu dieser Frage stellte Prof. Di Fabio fest, dass wir die Welt heute nicht mehr als Entfaltung von Persönlichkeiten begriffen, sondern anfingen, sie eindimensional zu organisieren. Transzendentes erklärten wir für nichtig und unsere Lebensverhältnisse hielten wir für politisch steuerbar bis ins letzte Detail. Dies aber sei ein großer Irrglaube, der schleunigst behoben werden müssen. Wenn eine Politik christlich sein wolle, müsse sie den Mut haben, die Grenzen der sozial-technischen Gestaltung aufzeigen. Eine Gestaltung, die Gemeinschaften zerstören, könne weder christlich noch im Sinne der deutschen Verfassung sein. Nach dem Vortrag von Prof. Di Fabio (den Sie in der rechten Seitenspalte in voller Länge nachhören können), stelle der Publizist Prof. Michael Rutz vertiefende Fragen und ließ auch das Publikum zu Wort kommen. Prof. Di Fabio begeisterte bei seiner Gedankenreise zwischen Staatsrecht und Philosophie das Publikum. Die Zuhörer erlebten keinen gewöhnlichen Gesellschaftskritiker, sondern einen Hoffnung stiftenden und auf Verantwortung und Selbstverantwortung bedachten Staatsbürger.

In der rechten Seitenspalte können Sie sich einen Audio-Mitschnitt des Vortrages von Prof. Dr. Dr. Udo di Fabio anhören.

Alex Schmidtke