KAS-Niedersachsen

Veranstaltungsberichte

Mittelstädte im Trend?

von Manuel Ley
Am Beispiel der Stadt Delmenhorst und der Metropolregion Nordwest

Sind Mittelstädte im Trend? Diese und andere Fragen haben wir in Delmenhorst in einem offenen Bürgerdialog diskutiert. Zur Einführung in die Themenstellung “Mittelstädte im Trend? – Am Beispiel Delmenhorst und der Metropolregion Nordwest” stellte Dr. Anna Meincke, Geschäftsführerin der Metropolregion Nordwest, die Aufgaben und Möglichkeiten der sich über elf Landkreise und fünf kreisfreie Städte hinziehenden Institution mit Sitz in Delmenhorsts Innenstadt dar. Als Verein organisiert soll diese stark regulierte Einrichtung vor allem die Kooperation zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft im Gebiet zwischen Cuxhaven, Verden, Osnabrück und Cloppenburg mit seinen 2,7 Millionen Einwohnern fördern. Aufhorchen ließ Meinckes Hinweis, dass ihrer Organisation ein jährlicher Förderfonds von 500 000 Euro zur Verfügung stünde. Schwerpunktthema für 2020 sei “Digitalisierung”, für 2021 “Zukunft der Mobilität”.  Zudem stellte Dr. Meincke aktuelle Zahlen, Daten und Fakten zur aktuellen wirtschaftlichen Lage, zum Bevölkerungswachstum und dem Bildungsangebot.

Unter Leitung von Moderator Stephan Siefken diskutierten nach dem Vortrat Dr. Anna Meincke, Hans-Joachim Gottschalk, ehemaliger Staatssekretär im Bau- und Verkehrsministerium Sachsen-Anhalt, sowie Inkoop-Geschäftsführer Bernd Oetken vor allem Image-Themen sowie Ansiedlungsfragen von Landes- oder Bundesbehörden. Bereits zu Beginn bestand der Konsens, dass die Wirtschaftskraft Delmenhorsts im Vergleich zu anderen Mittelstädten besonders niedrig sei. Meincke bemängelte die “nicht besonders gute” Kinderbetreuung in der Stadt, auch im Vergleich zu den Umlandgemeinden. Zugleich betonte Sie die gute Infrastruktur der Stadt und verwies auf den nahen Bremer Flughafen, den Bahnhof mit ICE-Anschluss, die Anbindung an Bundesautobahnen und die Nähe der Oberzentren Bremen und Oldenburg. “Jede Stadt hat ihre Chance”, lautete das eher vage Fazit der Referentin. Sie konstatierte Delmenhorst und ihren Einwohnern allerdings ein Image-Problem. Es komme darauf an, die vorhandenen Standortvorteile nach Außen darzustellen; Delmenhorst habe “schöne Seiten” und die Menschen lebten gerne hier.

In diese Kerbe schlug auch Bernd Oetken, Inkoop-Geschäftsführer mit zurzeit vier Einkaufsmärkten in der Stadt und fünf weiteren im Delmenhorster Umland. Die Stadt habe tatsächlich “schöne Seiten”, ohne Frage. Außerdem sei sie übersichtlich. Der Kaufmann lobte beispielsweise die Schritt für Schritt vorangehende Innenstadtentwicklung mit Marktplatz, Markthalle und Fußgängerzone. Da Delmenhorst an Flächenmangel leide, liege eine ihrer Chancen darin, sich attraktiv als Wohnort für Familien anzubieten, die in den nahen Großstädten berufstätig sind. Hier könne man günstig leben, nicht nur wegen der vergleichsweise niedrigen Mieten. Kritisch sieht Oetken das Engagement von Politik und Verwaltung bei der Stadtentwicklung, vor allem im Vergleich mit Nachbargemeinden wie Ganderkesee und Harpstedt. “Dort ist man näher am Bürger, geht man stringenter vor, geht einiges schneller”, fasste er seinen Eindruck zusammen. Delmenhorst sei zudem “etwas gefangen” zwischen Bremen und Oldenburg. Die Folge aus all dem sei, dass sich die Leute “noch zu sehr” in die Umlandgemeinden verziehen würden.

Der ehemalige Staatssekretär Gottschalk konstatiert, dass  Mittelstädte in Niedersachsen wie Wilhelmshaven, Salzgitter, aber auch Delmenhorst seien in der Krise seien. Die Arbeitslosigkeit sei hoch, ebenso die Zahl der Schrottimmobilien sowie der Privatinsolvenzen. Zentrale Aufgabe sei es daher, die Leistungsfähigkeit dieser Städte zu stärken. Das gehe nicht ohne Hilfe von Außen, dafür sei der Unterstützungsbedarf zu hoch. Er sehe die Gefahr eines weiteren “Brain-Drains”, wenn es nicht gelinge, “Bleibefaktoren” auszulösen. Dazu bedürfe es jedoch mehr als die klassische Wirtschaftsförderung. Konkret regte Hans-Joachim Gottschalk die Ansiedlung von Behörden, Sozialversicherungsträgern und Bildungseinrichtungen in Mittelstädten an, bei gleichzeitigem Abzug solcher Institutionen aus den Ballungszentren. Dies seien staatliche Stellen schon dem grundgesetzlichen Anspruch der “gleichwertigen Lebensverhältnisse” schuldig.

“Ein solches Vorgehen wird die Arbeitslosigkeit in den Mittelstädten nicht beseitigen”, machte Gottschalk deutlich. Aber es könnten so Akzente für eine verbesserte Zukunft gesetzt werden. Zugleich warnte er davor, in einer Stadt wie Delmenhorst die Ansprüche auf die Größe solcher Neuansiedlungen zu hoch zu schrauben. Einen eigenen Hochschulstandort zu planen, sei wohl eher vermessen. Stattdessen könne an die Ansiedlung von Forschungsinstituten gedacht werden. Ohne eigene städtische Anstrengungen gehe es dabei nicht. “Die Braut muss sich selber hübsch machen”, lautete sein Urteil. Es gelte, auf vielen Ebenen den “Charme der Mittelstädte” zu verbreitern. Ein “Anspruch auf Solidarität” durch Bund und Land, so seine Überzeugung, sei jedenfalls gegeben.

Die Veranstaltung war insgesamt geprägt durch eine rege Beteiligung des Publikums.