Veranstaltungsberichte

Nachwendekinder Ost-West im Vergleich

von Isabelle Bünemann-Pawel

Was die Nachwendegeneration über die Deutsche Einheit verrät

Eine Veranstaltung aus dem Projekt Gemeinsam.Demokratie.Gestalten.

Passend zum Gedenktag des Aufstandes vom 17.06.1953 veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen des Projektes „Gemeinsam.Demokratie.Gestalten.“ einen Livestream mit Valerie Schönian, Journalistin und Autorin des Buches „Ostbewustsein“, welches die thematische Grundlage des Abends bot.

Die Referentin sprach in ihrem Buch von einer Reise, die sie bestritten hat. Dabei stellte sich dem Moderator die Frage, wie sie diese Reise erlebt und welche Haupterkenntnisse sie daraus gewonnen habe. Schönian gab an, dass ihre Reise mit einer große Irritation begann, da die Aussage „Ich fühle mich ostdeutsch“ für sie lange keine Rolle gespielt habe. Sie hat daraufhin viele Gespräche geführt, u. a. mit ihren Eltern und Verwandten, aber auch mit anderen älteren Ostdeutschen. So war es ihr Vater, der sie sogar fragte: „Was hast du denn mit dem Osten zu tun?“ Während der geführten Gespräche habe sie schnell festgestellt, dass die ältere Generation ein anderes „Ostbewusstsein“ hat als die jüngere Generation, was zum einem damit begründet ist, dass diese Generation die DDR bewusst erlebt hat. Eine weitere Erkenntnis war die Tatsache, das der Begriff „Ost“ für die ältere Genration eher negativ behaftet ist, so bedeutet es für viele doch, über Probleme zu sprechen, während die jüngere Generation dem Begriff eher positiv auffasst. 

Auf die Frage, wo für Valerie Schönian „Ostbewusstsein“ anfängt und wie man heute mit dieser geschichtlichen Vergangenheit umgehen sollte, antwortete sie, dass das Sichtbarmachen von Personen und Ereignissen wichtig sei. Dies findet gegenwärtig nicht ausreichend statt, zum Beispiel wird in viele Schulen gar nicht darüber gesprochen. Außerdem muss die Geschichte weiter aufgearbeitet werden. Für Westdeutsche habe „Ostbewusstsein“ durchaus Vorteile, so sind Unterschiede doch bereichernd für ein Land.

Auch das Wort „Zuhause“ und „Heimat“ wurde durch Ley und Schönian thematisiert. Dabei gaben beide an, dass man hierbei nicht rein von „Ost“ und „West“  sprechen kann. Ley gab an, eine Zeitlang in Bayern gewohnt zu haben, sich aber trotzdem als norddeutsch sehen würde, da er sich mit den Bayern nicht identifizierten kann bzw. konnte. Obwohl er jetzt nicht mehr in Ostfriesland wohnt und sein Zuhause in Hannover gefunden hat, kommt jedes Mal, wenn er seine Eltern in Ostfriesland besucht, ein Heimatgefühl auf. Das bestätigte Schönian, indem sie sagte, sie wohne zwar in Berlin, Magdeburg wäre aber ihre Heimat. Darüber hinaus gibt es in den neuen Bundesländern regionale Unterschiede, wobei sich hier Klischees wie Sparsamkeit hartnäckig halten, allerdings muss man hier die Hintergründe beachten. Die Begriffe „Wendekind“ und „Nachwendekind“ definiert die Gesprächspartnerin wie folgt: Als Wendekind würde sie alle Menschen beschreiben, die die DDR noch bewusst erlebt haben, Nachwendekinder sind die, die sich nicht mehr bewusst daran erinnern können oder nach der Wende geboren sind; dies betrifft sowohl Leute aus  Ost und West.
Die Nachfrage, ob sich die Generation Y trotz Gemeinsamkeiten wie typisches 90er-Jahre-Spielzeug oder -Zeitschriften zwischen Ost- und West unterscheiden lässt, beantwortet Schönian mit dem Hinweis, dass man natürlich viele Gemeinsamkeiten hat, aber ein für sie kultureller Fußabdruck eines Landes verloren gegangen ist, der sich z. B. darin äußert, dass bestimmte DDR-Klassiker in ihrer Kindheit und Jugend nicht im Fernsehen gezeigt wurden.

In Bezug auf die AfD und Pegida kommt immer wieder die Frage auf, wieso der Osten (angeblich) offener ist als der Westen, der u. a. eher an den klassischen Volksparteien festhält. Schönian vermutet, dass dies nicht daran liegt, dass der Ostdeutsche, wie viele sagen, „dümmer“ als der Westdeutsche ist, sondern dass es eher der Tatsache geschuldet ist, dass der Ostdeutsche Äußerungen wie „das ist falsch“ kritischer gegenübersteht, da diese Bürger aus einem Land kommen, das von Vorschriften geprägt war.
Im Anschluss an das Interview wurden noch Fragen von Zuschauern beantwortet. Beispielsweise wurde die Frage gestellt, wie sich die Referentin erkläre, dass die in Ostdeutschland geborene Zuschauerin ein ausgeprägtes „Ostbewusstsein“ habe, obwohl sie nicht in Ostdeutschland sozialisiert wurde. In Bezug auf Ihr Buch habe Schönian ebenfalls Personen kennengelernt, denen es ähnlich gegangen ist. Oft haben diese Personen recht früh den Stempel „Ostdeutsch“ aufgedrückt bekommen und mussten sich bewusster mit diesem Thema auseinander setzen als jemand, der im Osten groß geworden ist. Außerdem haben sie ja immer noch ostdeutsche Eltern und sind dort verwurzelt, das lege man nicht ab, nur weil man woanders wohnt.