Am 18. August 2026 fand in Oldenburg eine gemeinsame sicherheitspolitische Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) statt. Als Referent war Dr. Julian Pawlak von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu Gast. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die russische Schattenflotte und deren Entwicklung von einem Instrument zur Umgehung westlicher Sanktionen hin zu einem Bestandteil der hybriden Kriegsführung Russlands.
Dr. Pawlak erläuterte zunächst die Entstehung und Dimension der russischen Schattenflotte im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der seit 2022 verhängten Sanktionen der EU und der G7. Unter dem Begriff Schattenflotte werden dabei insbesondere Tanker und andere Schiffe zusammengefasst, die genutzt werden, um Sanktionen, Preisobergrenzen und bestehende Handelsbeschränkungen zu umgehen. Schätzungen zufolge umfasst die Flotte mehrere hundert Schiffe und könnte je nach Definition auf bis zu rund 1.000 Schiffe anwachsen. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Billig- bzw. Drittstaatenflaggen sowie undurchsichtige Eigentums- und Versicherungsstrukturen.
Anhand der russischen Ölexporte zeigte Dr. Pawlak, wie sich die Handelsströme seit Beginn des Krieges verändert haben. Öl wird zunehmend über alternative Routen und Zwischenstationen, unter anderem in Richtung Indien und China, transportiert. Dadurch können westliche Sanktionsmaßnahmen teilweise umgangen werden. Ein wesentlicher Schwerpunkt des Vortrags lag auf den ökologischen und sicherheitspolitischen Risiken. Viele Schiffe der Schattenflotte sind vergleichsweise alt und teilweise nur unzureichend versichert. Daraus ergeben sich erhebliche Gefahren für die Meeresumwelt und die Küstenstaaten. Besonders sensibel ist die Situation in der Ostsee, in der eine hohe Dichte an Schiffsverkehr, wirtschaftlich bedeutender Infrastruktur und dicht besiedelten Küstenregionen zusammentrifft. Ein Unfall oder eine Havarie könnte weitreichende Folgen für mehrere Anrainerstaaten haben. Darüber hinaus machte Dr. Pawlak deutlich, dass die Schattenflotte zunehmend über ihre ursprüngliche Funktion der Sanktionsumgehung hinausgeht. Die Schiffe und die mit ihnen verbundenen Strukturen können Teil eines größeren Instrumentariums hybrider Einflussnahme werden. Im Fokus stehen dabei unter anderem die Beobachtung und mögliche Beeinflussung kritischer maritimer Infrastruktur sowie Aktivitäten im Umfeld von Unterseekabeln und anderen sensiblen Einrichtungen. Russland verfügt nach Einschätzung des Referenten über umfangreiche Fähigkeiten zur maritimen Aufklärung und zur Nutzung des Unterwasserraums. Damit gewinnt die Schattenflotte auch aus sicherheitspolitischer Perspektive an Bedeutung.
Im weiteren Verlauf der Veranstaltung ging es um die Frage, wie Europa und insbesondere die Ostsee-Anrainer auf diese Entwicklung reagieren können. Als zentrale Herausforderung wurde die bessere Überwachung des Schiffsverkehrs und der Aktivitäten der Schattenflotte identifiziert. Dafür bedarf es einer engeren europäischen und internationalen Zusammenarbeit sowie eines verbesserten Informationsaustauschs. Auch der Dialog mit Staaten, unter deren Flaggen Schiffe der Schattenflotte fahren, wurde als wichtiger Ansatzpunkt hervorgehoben. Darüber hinaus wurde die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit mit bestehenden maritimen Überwachungs- und Kooperationsstrukturen betont. Gerade im Ostseeraum ist eine gemeinsame Lagebeurteilung entscheidend, um Risiken frühzeitig zu erkennen und auf mögliche Zwischenfälle reagieren zu können. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass die Maßnahmen gegen die Schattenflotte ausschließlich reaktiv bleiben. Die Diskussion zeigte, dass die russische Schattenflotte längst nicht mehr nur ein wirtschaftliches Instrument zur Umgehung von Sanktionen darstellt.
Der Vortrag von Dr. Julian Pawlak machte damit deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der russischen Schattenflotte über die Frage der Sanktionsdurchsetzung hinausgeht. Sie berührt zunehmend die europäische Energie- und Wirtschaftspolitik, den Schutz der Meeresumwelt sowie die Sicherheit kritischer Infrastruktur. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden damit einen umfassenden Einblick in ein sicherheitspolitisches Themenfeld, das insbesondere für Deutschland und die Ostsee-Anrainer in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen dürfte.