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Länderberichte

Israelische Bevölkerung steht hinter der Militäroperation

von Michael Mertes

Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen hatte unerträgliche Ausmaße angenommen

Für die israelische Öffentlichkeit war es ein Schock, dass die Hamas mit ihren neuen Fadschr-5-Raketen aus iranischer Produktion die großen Bevölkerungszentren Tel Aviv und Jerusalem treffen kann. Dennoch gibt es hierzulande keinerlei Anzeichen von Panik. Das öffentliche Leben ist allerdings merklich ruhiger geworden.

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Die am 14. November 2012 begonnene Operation „Säule der Verteidigung / Pillar of Defense“ heißt im Hebräischen „Amud Anan“, d.h. „Rauchsäule“. Das ist eine Anspielung auf die Exodusgeschichte, in der Gott tagsüber in einer Rauchsäule den Kindern Israels bei ihrem Auszug aus Ägypten voranzieht. Die israelische Armee übersetzt „Amud Anan“ mit „Pillar of Defense“, weil sie offenbar davon ausgeht, dass die Weltöffentlichkeit die (für die allermeisten Israelis verständliche) Anspielung auf eine biblische Erzählung nicht verstehen wird.

Zudem betont „Defense“, dass es sich aus israelischer Sicht um eine Maßnahme der Selbstverteidigung handelt. Diese Auffassung wird von den allermeisten Israelis geteilt. Was bisher nur eine Impression war, wird von einer aktuellen Umfrage, die in der heutigen Ausgabe der liberal-regierungskritischen Tageszeitung „Haaretz“ veröffentlicht wird, klar bestätigt. Danach unterstützen 84% der Israelis die Operation „Amud Anan“; unter den israelischen Juden sind es sogar 90%:

„Six days into the aerial attack on Gaza, 84 percent of the Israeli public supports Operation Pillar of Defense, with 12 percent opposing it, according to a Haaretz-Dialog poll taken Sunday. The poll surveyed proportional samples of Jews and Arabs, indicating that Jewish support for the war stands at upwards of 90 percent.“

Diese überwältigende Zustimmung erklärt sich daraus, dass der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen vor Beginn der Operation unerträgliche Ausmaße angenommen hatte. Bis Anfang November hatte es rund 800 Raketenangriffe und Mörserattacken aus dem Gazastreifen gegeben. Die Bürgermeister der davon schwer betroffenen südisraelischen Städte haben gestern gefordert, dass es eine Feuerpause von israelischer Seite erst geben dürfe, wenn das Raketenarsenal der Hamas auf Dauer unschädlich gemacht worden sei.

Für die israelische Öffentlichkeit war es ein Schock, dass die Hamas mit ihren neuen Fadschr-5-Raketen aus iranischer Produktion die großen Bevölkerungszentren Tel Aviv und Jerusalem treffen kann. Dennoch gibt es hierzulande keinerlei Anzeichen von Panik. Das öffentliche Leben ist allerdings merklich ruhiger geworden. Die Stimmung ist bedrückt und zugleich gefasst – das Leben mit der Gefahr gehört zu den Grundkonstanten israelischer Existenz. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück oder fahren, wenn sie es sich zeitlich und finanziell leisten können, für ein paar Tage in den Norden des Landes, der außerhalb der Reichweite der Fadschr-5 liegt. Zwar wird der Norden vom ebenfalls modernisierten Raketenarsenal der libanesischen Hisbollah bedroht, aber es gibt keine Anzeichen, dass diese Organisation plant, in nächster Zeit ebenfalls zuzuschlagen.

Ägypten arbeitet hinter der Kulissen daran, einen Waffenstillstand herbeizuführen

Dank des Raketenabwehrsystems „Eiserne Kuppel / Iron Dome“ konnte die Zahl der Verluste auf israelischer Seite bislang gering gehalten werden (drei Tote gab es bei einem Raketenangriff kurz nach Beginn der Operation „Amud Anan“ auf die im Süden gelegene Stadt Kiryat Malachi ), aber mit jedem Raketenalarm schwand auch auf der linken Seite des politischen Spektrums ein weiteres Stück Hoffnung, die Hamas könnte eines Tages ihr strategisches Ziel aufgeben, gemeinsam mit anderen Todfeinden Israels das „zionistische Gebilde“ von der Landkarte zu radieren.

Mit Sorge und zugleich Hoffnung verfolgt man hier die Rolle Ägyptens. In Israel ist allgemein bekannt, dass die Hamas ein palästinensischer Ableger der inzwischen in Ägypten regierenden Muslimbrüder ist. Es gibt Anzeichen, dass Ägypten hinter den Kulissen daran arbeitet, einen Waffenstillstand herbeizuführen. Daran hat, so wird in Israel argumentiert, die ägyptische Regierung ein massives Interesse: Wenn der Konflikt weitergehe, wachse im Innern Ägyptens der Druck, den Friedensvertrag mit Israel aufzukündigen. Das wiederum wäre das Ende westlicher – vor allem amerikanischer – Hilfen, auf die das wirtschaftlich am Boden liegende Land existenziell angewiesen sei.

Die in Deutschland oft zu hörende Meinung, bei der Operation „Säule der Verteidigung“ handele es sich um ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver des in Umfragen derzeit schwächelnden Ministerpräsidenten Netanjahu und seines Verteidigungsministers Barak, lässt außer Acht, dass die Aktion erhebliche Risiken birgt, und zwar militärisch wie auch politisch. Darüber wird sich Netanjahu, der trotz seiner kämpferischen Rhetorik als eher vorsichtig gilt, im Klaren gewesen sein, als er den Befehl zur Operation „Amud Anan“ gab.

Die israelische Öffentlichkeit hat – auch dies ist vorläufig nur eine Impression – den Kabinettbeschluss vom Freitagabend (16. November 2012), wonach bis zu 75.000 Reservisten mobilisiert werden dürfen, als notwendiges Übel zur Kenntnis genommen – nicht begeistert, aber auch ohne auffälligen Protest. Die oben zitierte „Haaretz“-Umfrage zeigt jedoch, dass zurzeit nur 30% der Israelis einen Einmarsch der Landstreitkräfte in den Gazastreifen befürworten. Zwar ist die Zustimmung für Netanjahu und Barak um 20% gestiegen, aber

„they still fall short of the approval ratings of their predecessors, former Prime Minister Ehud Olmert and former Defense Minister Amir Peretz, at the beginning of the Second Lebanon War. Olmert and Peretz had 85 percent approval ratings for the first week or two of that war; Netanyahu and Barak now have 55 percent and 52 percent approval ratings, respectively.“

Laut einer „Channel 2“-Umfrage – der ersten Wahlumfrage nach Beginn der Operation „Amud Anan“ – sähe die Sitzverteilung in der Knesset, wenn schon heute Wahlen stattfänden, anders aus als vor Beginn der Militäraktion.

Für die genauen Zahlen laden Sie sich bitte das obenstehende pdf-Dokument herunter.

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17. November 2012
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