Veranstaltungsberichte

„Wir zeigen, dass wir trotz Corona da sind!“

von Julia Rieger

Eigentlich wollten wir erinnern - Antisemitismus in Zeiten der Pandemie

Eigentlich wollten wir erinnern – an die Befreiung der Konzentrationslager nach dem zweiten Weltkrieg. In vielen Gedenkveranstaltungen sollte nicht nur der Vergangenheit gedacht, sondern auch über den heutigen Antisemitismus gesprochen werden. Doch durch die Corona-Pandemie konnten viele Veranstaltungen nur im kleinen Kreis stattfinden. Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf Antisemitismus in Deutschland und auf die Erinnerungskultur?

Darüber diskutieren Katja Demning, pädagogische Mitarbeiterin im Projekt STOLPERSTEINE, Ben Salomo, jüdischer Autor und Rapper und Alexander Häusler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf. Zunächst begrüßt Teresa Blatt, Referentin im Regionalbüro Rheinland, die Zuschauerinnen und Zuschauer des Livestreams: „Wie kann Erinnerungsarbeit während und nach der Pandemie aussehen?“

Kein Vergessen

Durch die Corona-Pandemie mussten viele große Gedenkveranstaltungen in kleinem Kreis abgehalten werden, aber auch kleinere Veranstaltungen wie Stolpersteinverlegungen können nicht wie gewohnt stattfinden. Die Verlegungen seien für die Angehörigen sehr wichtige Momente, für die Menschen oft lange Anreisen antreten. In diesen Momenten „stehe man mitten in einer Gemeinschaft, das sind Gänsehautmomente.“ Jetzt würden die Stolpersteine von lokalen Gruppen verlegt und mit Fotos und Videos begleitet, damit die Angehörigen sehen: „Es passiert was! Wir sind trotz Corona da.“

„Wir müssen den lebenden Juden zuhören“

Ben Salomo arbeitet viel mit Schülerinnen und Schülern zusammen. „Viele Menschen glauben, Antisemitismus sei ein Relikt der Vergangenheit – aber Antisemitismus ist Alltag.“ Seiner Erfahrung nach kennen Schülerinnen und Schüler zwar sehr viele Stereotype und Vorurteile über Jüdinnen und Juden, aber hätten kaum Kontakt zu ihnen. Diese Diskrepanz will er auflösen: „Erinnerungskultur muss eine Brücke von damals in die Gegenwart schaffen, zum Beispiel auch über Rap.“ Durch sein bekanntes ehemaliges YouTube-Format „Rap am Mittwoch“ und seine jetzige Musik kennen viele Jugendliche Ben Salomo. Er spricht mit ihnen über antisemitische Bilder in der Rap-Szene und den Antisemitismus, den Jüdinnen und Juden erleben.

„Rechtsextremismus ist die größte Bedrohung der Demokratie geworden“

Die Hochschule Düsseldorf hat auf dem Campus den Erinnerungsort „Alter Schlachthof“. Dies sei eine Verpflichtung, an die NS-Verbrechen zu erinnern und die Historie mit aktueller Forschung zu verknüpfen, sagt Alexander Häusler. Er forscht zu Rechtsextremismus und Neonazismus. In den letzten Jahren habe sich das Bild von Rechtsextremismus gewandelt: Lange wurde es als Randphänomen gesehen, doch unter anderem durch den Erfolg der AfD gebe es eine „drohende und schleichende Normalisierung rassistischer Denkmuster.“

„Antisemitismus ist der Mörtel des Extremismus“

Die Diskussion dreht sich auch um antisemitische Verschwörungstheorien, die im Zuge der Corona-Pandemie aufkamen. Diese hätten inzwischen „Menschen mit unglaublich hoher Reichweite als Werbebotschafter“, sagt Ben Salomo. Ihn erschrecke, dass sich viele Demonstrantinnen und Demonstranten und Künstlerinnen und Künstler nicht entschieden davon abgrenzten. „Das wird nicht weniger, die haben jetzt das Gefühl, Teil einer Massenbewegung zu sein.“ Auch Alexander Häusler beobachtet ein Emporkommen von Verschwörungstheorien: „Wir müssen kritisch beobachten, welche Verschwörungstheorien daraus gesamtgesellschaftlich diskutiert werden.“

„Ich habe irgendwann aufgehört, gelähmt zu sein“

Ein Zuschauer schildert, wie er auf eine antisemitische Äußerung nicht reagiert hätte. Ben Salomo gibt den Tipp, sich vorzubereiten, damit man nicht überrumpelt ist und die Äußerung auf jeden Fall anzusprechen, wenn nicht öffentlich, dann aber auf jeden Fall privat: „Sonst fühlt sich die Person bestätigt.“ Diese Reaktion könne man in Schulen üben, sagt Katja Demnig: „Schulen können so viel Präventionsarbeit leisten im Bereich Antisemitismus und Rassismus, auch mit digitalen Medien.“ Das Thema Judentum dürfe nicht erst besprochen werden, wenn es um Nationalsozialismus gehe, sondern viel früher, damit sich keine Stereotypen festsetzen. Auch Alexander Häusler ist der gleichen Meinung: Wir müssen klar machen, dass Antisemitismus kein vergangenes Problem ist, sondern aktuell.“ Für Ben Salomo gehört dazu auch die Beschäftigung mit Israel. Für ihn lebe Erinnerungsarbeit von direktem Kontakt: "Wir müssen Erinnerung erlebbar in der Gegenwart und heraustragbar in die Zukunft machen."

Ansprechpartner

Simone Habig

Simone Habig bild

Leiterin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

Simone.Habig@kas.de +49 211 8368056-0 +49 211 8368056-9
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Teresa Blatt

Portrait Teresa Blatt

Referentin Regionalbüro Rheinland, Politisches Bildungsforum NRW

teresa.blatt@kas.de + 0211 8368056 - 8