Veranstaltungsberichte

„Es ist nicht wichtig, ob es Erfolg hat – es muss Sinn machen“

von Julia Rieger

Digitale Lesung mit Freya Klier

Nach dem Fall der Mauer war die Freude über die Wiedervereinigung groß. Doch schnell zeigte sich: Viele Menschen standen vor großen Herausforderungen und unter die Freude mischten sich fehlende Perspektiven – wirtschaftlich und gesellschaftlich. Wo stehen wir 30 Jahre später?

In ihrem neuen Buch „Wir sind ein Volk! – Oder?“ vereint die Bürgerrechtlerin und Autorin Freya Klier verschiedene Perspektiven auf dieses Thema. Bei der ersten digitalen Lesung des Regionalbüros Rheinland liest Freya Klier daraus und kommt mit den Zuschauerinnen und Zuschauern ins Gespräch. Zu Beginn begrüßt die Leiterin des Regionalbüros Rheinland die Gäste: „In den letzten Monaten standen wir alle vor großen Herausforderungen und mussten schnell kreative Lösungen finden. Herausforderung: Dieses Wort beschreibt wahrscheinlich nicht annährend die Situation, vor der viele Menschen nach dem Fall der Mauer standen.“

Persönliche Geschichten zur Wiedervereinigung

Auch die Moderatorin des Abends, Ann-Kathrin Krügel, begrüßt die Gäste: „Das Buch holt unserer Generation das vor Augen, was wir nicht miterlebt haben.“ In einem Film über das Buch kommen die verschiedenen Autorinnen und Autoren zu Wort: Für Peter Tauber MdB öffnete sich durch den Fall der Mauer eine neue Welt, die er vorher nur aus dem Fernsehen kannte. Auch der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Norbert Lammert, hat ein Kapitel in dem Buch geschrieben und trägt seine Perspektive bei.

„Mein 11. Gebot – Du sollst erinnern“

Dann beginnt Freya Klier mit ihrer Lesung. Durch die aktuelle Corona-Pandemie erinnert sie sich an die Zeit, in der sie in der DDR im Gefängnis saß: „Dagegen ist auch der strengste Lockdown Luxus.“ Auch in dieser Zeit sei es wichtig, sich zu erinnern – auch für Menschen, die durch die Gefangenschaft schwere psychische und physische Schäden erlitten haben. Jugendliche heute müssen über die DDR lernen, „aber meistens hört der Geschichtsunterricht nach dem zweiten Weltkrieg auf.“ Das Demokratieverständnis müsse gestärkt werden. In ihrer Lesung erzählt sie von einem Studentenkongress von west- und ostdeutschen Studenten: „Menschen stehen voreinander, die sich kaum kennen. Sie sagen, es soll zusammenwachsen was zusammengehört – aber sie spüren auch das Fremde.“

„Es ist nicht wichtig, ob etwas Erfolg hat, sondern dass es Sinn macht“

In der anschließenden Diskussion geht es um die Zeit vor dem Mauerfall. Freya Klier erzählt, dass sie in einer Talkshow gefragt wurde, wie lange die DDR noch existiere. Ihre Antwort: maximal vier Jahre. Die anderen Gäste lachten sie aus – zwei Monate später fiel die Mauer. Ein Gast möchte wissen, wann Klier begann sich als Bürgerrechtlerin zu engagieren. Unzufriedenheit spürte sie schon als Jugendliche, dann verlief alles „in Wellen“. Im Regiestudium habe sie dann „richtig Ärger bekommen“, da sie ein Theaterstück mit einer Kirchengruppe erarbeitete. Ihr wurde mit der Exmatrikulation gedroht, doch sie entschied sich, das Theaterstück aufzuführen: „Ich dachte: Wenn ich jetzt kneife, werde ich immer kneifen.“

„Eine Ohrfeige für alle Menschen, die lebenslange Schäden durch die DDR davongetragen haben“

Eine Teilnehmerin fragt, was man Menschen entgegnen könne, die heute die DDR verklärten. „In einer Diktatur ist alles furchtbar, weil nicht die Menschen das Sagen haben, die am meisten wissen, sondern die Menschen, die angepasst sind.“ Wer das nicht erlebt habe, werde niemals verstehen, wie es war. Viele, die früher aus der Ferne diese Ansicht geäußert haben, hätten sich inzwischen entschuldigt. Zum Ende der Diskussion fragt die Moderatorin Ann-Kathrin Krügel, was ihr Fazit sei – sind wir ein Volk? Freya Klier erwidert darauf: „Ich bin mit Ost und West gleichermaßen befreundet - wenn die Menschen so sind. Wenn sie anderen helfen und freundlich sind."

Ansprechpartner

Simone Habig