Länderberichte

Revolte der Straßenhändler

Die Innenstadt von Dakar sollte Schauplatz einer genehmigten Gewerkschaftsdemonstration gegen die steigenden Lebenshaltungskosten werden. Jedoch kamen die „fliegenden Händler“ mit ihrer eigenen Revolte den Gewerkschaften zuvor. Diese begannen angrenzende Stadtviertel durch eine perfekt koordinierte Aktion in Aufruhr zu versetzen. Die zumeist jungen Händler äußerten auf diese Weise ihren Unmut über ihre Vertreibung aus der Innenstadt Dakars.
Kurze Zeit nach Beginn der Demonstrationen standen um den Markt von Sandaga herum erste Autoreifen in Brand. Die Demonstranten riegelten die wichtigen Verkehrsknotenpunkte der Innenstadt ab und begannen, gezielt Steine auf herumfahrende Wagen der Administration zu werfen. Zeitnah gingen sie dazu über, Scheiben und Fassaden von Staatsgebäuden zu zerstören. Das gleiche Szenario wiederholte sich im Laufe dieses Tages auch in den umliegenden Vierteln der Hauptstadt.

Die zumeist jungen Senegalesen protestierten an diesem Morgen gegen die vom Präsidenten initiierten Maßnahmen zur Illegalisierung des Verkaufs von Waren durch fliegende Händler. Dieses Verbot bedeutet für die Händler, die damit den Unterhalt ihrer Familie verdienen, den sicheren Weg in die Arbeitslosigkeit und zugleich den Weg in die Armut. Die Händler, die noch im Februar bei den Präsidentschaftswahlen mehrheitlich für Abdoulaye Wade gestimmt hatten, wollten durch diese Angriffe ihre Wut und Enttäuschung über die aktuelle Politik ausdrücken. Breite Arbeitslosigkeit und ständig steigende Lebenserhaltungskosten verunsichern die Menschen zusehends. Ein Großteil der Senegalesen lebt schon jetzt unterhalb der Armutsgrenze.

Erst gegen Nachmittag und nur durch ein großes Aufgebot an nationalen Sicherheitskräften ließen sich die Demonstrationen beenden. Zum Einlenken konnte die aufgebrachte Menge jedoch nur durch die Zusicherung des Präsidenten, dass die Planungen zur Illegalisierung ihrer Geschäftstätigkeit bis zum Tabaski-Fest, dem höchsten muslimischen Feiertag ausgesetzt werden. Die Händler von Dakar dürfen also bis auf weiteres ihre Geschäfte wieder aufnehmen.

Die Bilanz des kurzen, aber gewaltigen Aufruhrs in den Straßen Dakars ist verheerend. Dutzende Verletzte, dutzende Verhaftungen, erhebliche Sachschäden und eine nachhaltige Beeinträchtigung der Verkehrsinfrastruktur des wirtschaftlichen Zentrums des Landes.

Drei Tage später ereignete sich in der im Nord-Westen des Landes gelegenen regionalen Hauptstadt Saint Louis ein ähnliches Szenario. Dieses Mal waren es die Händler von Saint Louis, die gegen ihre Vertreibung aus dem Stadtzentrum auf die Strasse gingen. Wieder einmal standen nach kurzer Zeit Autoreifen in Brand, Fahrzeuge und Gebäude wurden mit Steinen beworfen und beschädigt.

Dieses Mal jedoch gingen die Demonstranten auch dazu über, nicht nur Angehörige der Administration als Zielscheibe ihrer Angriffe aus zu wählen. Nunmehr wurde alles, was sich im nahen Umfeld der Demonstranten befand, von den Händlern attackiert. Genau wie in Dakar konnten auch die Händler von Saint Louis erst durch ein Großaufgebot an Sicherheitskräften und durch ein Einlenken der Regierung beruhigt werden.

Die Demonstrationen der Händler sind inzwischen aus dem Straßenbild verschwunden. Jedoch bleibt die beängstigende Erkenntnis stehen, dass die Regierung Senegals durch einen "Aufstnd der Straße" erpressbar geworden ist. Dieses Bild hatte sich schon Tage zuvor bei den Demonstrationen der Beamten gegen die geplanten und anschließend verworfenen Rentenkürzungen der Regierung Wade gezeigt. Ob diese Entwicklung weiter gehen wird oder ob der Staat eine andere Gangart einschalten wird, bleibt abzuwarten. Bei den steigenden Lebenshaltungskosten und der sich ausbreitenden Armut muss eine anwachsende Unzufriedenheit der Senegalesen mittelfristig jedoch als bedrohliche Konstante in die politische Lebenswirklichkeit des Landes eingeplant werden.

Präsident Wade versuchte durch die kürzlich vorgenommene Regierungsumbildung, dem sich verstärkenden Unmut in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Er verkleinerte das Ministerkabinett um elf auf nunmehr 28 Minister. Jedoch lassen sich hierbei, genau wie auch schon bei der Neueingliederung des Senats vor einigen Wochen, die Handlungsabsichten des Präsidenten als eine reine Ökonomisierung des Staatsapparates vermuten. Für den 09. Januar 2008 ist nun ein Generalstreik angekündigt.