Veranstaltungsberichte

"Will man etwas fangen, muß man es zunächst loslassen"

von Thomas Wolf

Die chinesische Kunst der Planung "Moulüe"

Der Sinologe Prof. Dr. Dr. Harro von Senger führte auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung Südbaden und des Waldhofs Freiburg in die Welt der chinesischen "Supraplanung" ein.

China ist Deutschlands drittgrößter Handelspartner. Gerade war der chinesische Ministerpräsident Xi Jinping mit einer hochrangigen Delegation zu Gast in Deutschland. Zahlreiche lukrative Verträge wurden unterzeichnet. Bundespräsident Joachim Gauck stellte fest: „Die großen Fragen des 21. Jahrhunderts sind ohne China nicht zu lösen“.

Dennoch kommt es zwischen Deutschland und China immer wieder zu Missverständnissen:

Unbedachtes Geschenk

Ein Geschenk von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping hat in den dortigen sozialen Medien für Diskussionen gesorgt. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Karte zeigt Chinas Grenzen zur Zeit der Qing-Dynastie. Darauf werden offenbar die Provinzen Xinjiang, Tibet, die Innere Mongolei und die Mandschurei als nicht zum chinesischen Kernland gehörend dargestellt. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter wies am Mittwoch Annahmen zurück, Merkel habe mit dem Präsent eine Anspielung machen wollen. AFP (Badische Zeitung 3.4.14)

Der renommierte Sinologe Prof. Dr. Dr. Harro von Senger führte bei seinem Vortrag im Waldhof Freiburg in die Welt der chinesischen „Supraplanung“ ein. Während man im Westen in Zeiträumen von bis zu 10 Jahren plant, setzt sich China langfristige Ziele in 100 Jahren. Wer China verstehen und mit Chinesen Geschäfte machen will, tut gut daran, sich mit den 36 chinesischen Strategemen auseinanderzusetzen, einer Jahrtausende alten Sammlung von Listen, die zur Erreichung dieser langfristigen Ziele eingesetzt und beliebig miteinander „verkettet“ werden können. Der Begriff „Strategem“ ist wertneutral, er hat nicht die negative Färbung, die das Wort „List“ im westlichen Sprachgebrauch hat. Ein Strategem kann auch ohne Täuschung auskommen.

Prof. von Senger bedauerte Ungenauigkeiten in manchen englischsprachigen Übersetzungen der Strategeme. So werde das chinesische Schriftzeichen für Mann oder Mensch fälschlicherweise in „Feind“ übersetzt. Sein Buch über die 36 Strategeme wurde in 10 Sprachen übersetzt und 500.000 Mal verkauft. Im Westen sei man vielfach blind für die chinesischen Strategeme.

„Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen“ oder „Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen“ und „Unter dem Kessel das Brennholz wegziehen“. So lauten nur drei der 36 Strategeme. Die rund 60 Gäste durften sich anhand von Beispielen aus der Praxis in der Zuordnung der Strategeme üben und mussten feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, sich in die chinesische Listenkunst hinein zu versetzen.

Mit den Worten, die Leibnitz schon 1691 gefunden hatte, schloss Prof. von Senger seinen Spaziergang durch die Welt des chinesischen Denkens: „Das chinesische Reich ist uns teils überlegen, teils unterlegen. Jede Seite hat etwas, das sie der anderen zu deren Vorteil mitteilen könnte“

Ansprechpartner

Thomas Wolf

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Leiter Regionalbüro Südbaden des Politisches Bildungsforums Baden-Württemberg

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