Veranstaltungsberichte

Döner, Machos und Migranten

von Thomas Wolf

Betül Durmaz in Freiburg

Bericht in der Badischen Zeitung vom 07.02.2011

Döner, Machos und Migranten

Mein zartbitteres Lehrerleben

Lesung mit der Lehrerin und Autorin

Betül Durmaz

Betül Durmaz, deutsche Lehrerin mit türkischen Wurzeln, Muslimin und alleinerziehende Mutter, berichtete auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Verlags Herder im eindrucksvollen Stammhaus des Herder Verlags in Freiburg aus ihrem Alltag als Lehrerin einer Förderschule in Gelsenkirchen.

Durmaz ist in Istanbul geboren, aber im Ruhrgebiet aufgewachsen. Da ihre Eltern größten Wert auf Bildung und Integration gelegt haben und sie mit deutschen Freundinnen und Freunden aufgewachsen ist, wuchs sie zwanglos in die deutsche Gesellschaft hinein und erlebt ihre „zwei Kulturen“ heute als Bereicherung.

70 Prozent der Kinder der Gelsenkirchener Förderschule an der sie unterrichtet, haben ausländische Wurzeln. Aber Betül Durmaz ist die Einzige von 30 Lehrern, die selbst eine Zuwanderungsgeschichte hat.

Durmaz setzt sich energisch für ihre Schülerinnen und Schüler ein. Ihr liebevoller aber konsequenter Umgang mit den Schülern fasziniert. In ihrem Engagement, auch für schwierige Schüler, lässt sie sich von Misserfolgen und Rückschlägen nicht entmutigen. Jeden Tag aufs Neue kämpft sie darum, ihren Schützlingen durch Bildung neue Chancen zu eröffnen.

Eine Schlüsselrolle nehmen die Eltern ein. Viele sind mit ihren eigenen Problemen überfordert und verleugnen ihre erzieherische Verantwortung. Eine Problemlage, die nicht nur für Migranten sondern auch für andere Familien in prekären Verhältnissen typisch ist.

Kinder und Jugendlichen aus streng muslimischen Elternhäusern sind darüber hinaus nicht selten zwischen zwei Welten hin und hergerissen. Der westliche Lebensstil mit all seinen Freiheiten und Verlockungen des Konsums steht einem traditionalistischem Elternhaus gegenüber, in dem Männer und Frauen in feste Rollen gepresst werden. Man bleibt unter sich, schottet sich nicht selten ab und findet in den Traditionen des Herkunftslandes Rückhalt.

Während die Jungs als Beschützer der Familienehre oft die Macho-Rolle übernehmen und in der Schule keine Regeln akzeptieren, kosten die Mädchen die Freiheiten der Schulzeit aus, weil sie damit rechnen müssen, früh verheiratet und auf die Rolle als Hausfrau und Mutter festgelegt zu werden.

Ein Teufelskreis , der nur schwer zu durchbrechen ist: Mangelnde Sprachkenntnisse, die zu schlechten schulischen Leistungen und Misserfolgserlebnissen führen, fehlende Lernmotivation, mangelnde Unterstützung und Vorbilder auf Seiten der Eltern, Familien, die eine „Tradition des Scheiterns“, vorleben, wenn sie sich schon seit Generationen in Hartz IV eingerichtet haben, fehlende berufliche Perspektiven…

Die Mehrheitsgesellschaft ist aufgefordert, sich schon im Kindergartenalter mit gezielten Förderprogrammen intensiver um benachteiligte Kinder zu kümmern. Die sozialen und pädagogischen Berufe, Kindergärtner, Sozialarbeiter und Lehrer müssen sowohl von der Entlohnung als auch von der Qualität der Ausbildung aufgewertet werden.

Viele Eltern, - wohlgemerkt nicht nur Eltern mit Migrationshintergrund -, lehnen aber die staatlichen Hilfen ab oder nehmen sie nicht in Anspruch. Sie haben die Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg aufgegeben und machen die Gesellschaft für ihr Scheitern verantwortlich.

Es gibt aber auch Lichtblicke: Ein Mädchen, das selbst einmal Lehrerin werden will, schafft mit Fleiß und Ehrgeiz den Aufstieg aus der Förderschule.

Bei vielen Schülerinnen und Schülern bleibt nach der Schulzeit aber nur die vage Hoffnung, dass sie ihre Kinder später einmal anders erziehen werden, als es ihre Eltern getan haben.

Thomas Wolf

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Thomas Wolf

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Leiter Regionalbüro Südbaden des Politisches Bildungsforums Baden-Württemberg

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