Veranstaltungsberichte

Europäische Bildungspolitik im Zeitalter der Globalisierung

von Thomas Wolf

20 Jahre EUCOR

Welche Rolle kommt der europäischen Bildungspolitik im Zeitalter der Globalisierung zu? Ein Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Colloquium Politicum der Universität Freiburg ging dieser Frage auf den Grund. Mitten in den Protesten der Studierenden, die den Freiburger Audimax besetzt hielten, wurde kritisch diskutiert.

20 Jahre nach dem Zusammenschluss der 5 Universitäten am Oberrhein: Basel, Mulhouse/Colmar, Straßburg, Karlsruhe und Freiburg ist vieles auf den Weg gebracht worden: Ein einzigartiger, grenzüberschreitender, trinationaler Campus ist entstanden, mit mehr als 100.000 Studenten, 11.000 Lehrenden und Forschenden und einem Jahresbudget von 1.5 Milliarden Euro. Aber selbst leidenschaftliche EUCOR-Verfechter räumen ein, dass es noch erhebliche Entwicklungspotentiale gibt. Böse Zungen sprechen von einem „schlafenden Hochschulriesen“. So nutzt beispielsweise nur ein Prozent der Studierenden (weniger als 1000 Studenten im Jahr) die Möglichkeit, kostenfrei an anderen Universitäten der Region Lehrveranstaltungen zu besuchen. Es stellt sich die Frage, wie die Potentiale des EUCOR-Raumes in Zukunft ausgeschöpft werden können.

Professor Hans-Jochen Schiewer,

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als Rektor der Albert-Ludwigs-Universität zugleich Gastgeber und Initiator dieser Veranstaltung sowie EUCOR-Präsident im Jubiläumsjahr, beschrieb die Schwierigkeiten des Bologna-Prozesses Während in der Schweiz nur 20 Prozent eines Jahrganges studieren, nähern wir uns in Deutschland einem Anteil von 40 Prozent. Auch Stundenpläne und die Dauer der neuen Studiengänge seien noch nicht ausreichend kompatibel.

Bei den 18 trinationalen Studiengängen gebe es Erfolgsgeschichten, wie den Studiengang Biotechnologie, den gerade wieder 50 Studierende mit einem von allen fünf Rektoren unterzeichneten Zeugnis abgeschlossen haben und weniger erfolgreiche Angebote.

Rektor Schiewer warb für eine verstärkte Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Graduierten-Förderung. Hier entfallen die Zwänge des engen Stundenplans. Gemeinsame Graduate-Schools und Summer Schools bieten große Entwicklungsmöglichkeiten.

EUCOR brauche Visionen und identitätsstiftende Projekte wie die gemeinsame Auftritte der EUCOR-Universitäten auf Messen oder – noch ein Traum – die Einrichtung von gemeinsamen Instituten etwa in der Umweltwissenschaft oder der Ethik.

Aber auch ganz pragmatische Verbesserungen seien erforderlich, um die Mobilität der Studierenden zu erhöhen: Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmittel im EUCOR-Raum dürfe nicht an den Grenzen der Tarifverbünde scheitern.

Dr. Andreas Schwab,

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seit 2004 Europaabgeordneter für Südbaden lobte den EUCOR-Verbund mit den beiden deutschen Exzellenz-Universitäten Karlsruhe und Freiburg als europäisches Leuchtturmprojekt. Nur Investitionen in Wissenschaft, Bildung und Forschung sicherten im globalen Wettbewerb die Zukunft Europas. Neben den erfolgreichen EU-Projekten wie beispielsweise dem ERASMUS-Programm oder dem COMENIUS-Programm, in die in den Jahren 2007 bis 2013 insgesamt 7 Milliarden Euro investiert worden sei, gebe es auch zahlreiche Herausforderungen in der europäischen Bildungs- und Forschungspolitik.

So war das europäische Parlament nicht einbezogen in die Bologna-Reformen, die „mit heißer Nadel gestrickt“ worden seien. Vor zehn Jahren hatte man diese Reformen mit dem übergeordneten Ziel eingeleitet, bis zum Jahre 2010 einen europäischen Hochschul- und Wirtschaftsraum herzustellen. Die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengänge sollte die Studienabschlüsse vergleichbar machen und damit die Mobilität der Studenten und Hochschullehrer erhöhen. Diese Ziele seien (noch) nicht erreicht worden. Dennoch seien die Ziele nicht falsch. Qualitätssicherung und Anerkennung von Studienzeiten seien im Interesse aller Studierenden.

Die Überfrachtung mancher Bachelor-Studiengänge und das noch nicht zufriedenstellend funktionierende Credit-System habe sogar zu einer Abnahme der studentischen Mobilität geführt. Auch die Forschung sei noch zu sehr an nationalen Interessen ausgerichtet. Nur eine europäische Kooperation könne die Konkurrenz mit China und anderen asiatischen Staaten bestehen. Die EU habe sich immerhin festgelegt, mindestens 3 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Forschung auszugeben. In Japan sind es 3.3 Prozent, Baden-Württemberg gibt 4.2 Prozent des BIP für Forschung aus. Wer an Bildung spare, spare an der falschen Stelle!

Die anschließende Diskussion gewann durch sie Anwesenheit von protestierenden Studenten an Farbe. Während der Freiburger Audimax nach wie vor von Studenten besetzt war, beteiligte sich eine Delegation der Demonstranten mit sachlichen Fragen und Statements an der Diskussion. Sie hatten Plakate gegen die Bologna-Reformen mitgebracht und bemängelten das Fehlen von kritischen Diskussionen in der Bildungspolitik.

Themen waren die Unterfinanzierung der Universitäten, die zunehmende Verschulung von Studiengängen und ihre Überfrachtung mit Inhalten. Auch über die Wiedereinführung der Verfaßten Studentenschaft und die Abschaffung der Studiengebühren wurde diskutiert. Rektor Schiewer machte deutlich, welche Streitfragen bereits gemeinsam mit den Studierenden angepackt worden sind. So werde etwa an individuellen, maßgeschneiderten Studiengängen gearbeitet. Für eine abschließende Bilanz der Bachelor- und Masterstudiengänge sei es noch zu früh. Die Universität sei zur Zeit auf die Studiengebühren angewiesen. Der Verlust von einem Drittel der Gebühren durch die „Geschwisteregelung“ in Baden-Württemberg habe zu schmerzhaften Einschnitten in der Lehre geführt. Natürlich sei die Finanzierung der Hochschulen eine politische Frage. Trotz aller Mängel stehe das deutsche Hochschulsystem im internationalen Vergleich aber noch recht gut da.

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Auch Dr. Andreas Schwab warb für ein verstärktes politisches Engagement der Studierenden. Die Frage nach den Schuldigen für die Misere führe nicht weiter. Es werde sich nichts ändern, wenn die Studierenden ihre Anliegen an Abgeordnete oder Politiker delegierten. Sie müssen selbst aktiv werden, beispielsweise im 2009 neu geschaffenen EUCOR-Studentenrat, in dem deutsche Studierende neben den Franzosen und Schweizern noch schwach vertreten sind.