Veranstaltungsberichte

MATTHIAS ERZBERGER

von Thomas Wolf

Ein Wegbereiter Deutscher Demokratie

Gedenkveranstaltung der Gemeinde Bad Peterstal-Griesbach, des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg und der Konrad-Adenauer-Stiftung Freiburg | 26. August 2011 in Bad Peterstal-Griesbach | mit dem Bundesminister der Finanzen Dr. Wolfgang Schäuble MdB | Veranstaltungsbericht

Kränze des Bundespräsidenten sowie des Ministerpräsidenten und Landtagspräsidenten zu Ehren an Matthias Erzberger schmückten die Kapelle „Regina Pacis“, die man 1931 zum Gedenken an Matthias Erzberger errichtet hatte. Welche Bedeutung hat Matthias Erzberger heute? Ein Politiker, über den sein Biograph Klaus Epstein schrieb: „ Kein Deutscher war in den letzten hundert Jahren so gehasst wie Erzberger“.

Am 26. August 1921, vor genau 90 Jahren, wurde Matthias Erzberger, nur wenige Schritte von der Kapelle entfernt, im Alter von 45 Jahren von zwei Mitgliedern der rechtsextremen Organisation Consul ermordet. Das Attentat war der Gipfel einer beispiellosen Hetzkampagne gegen seine Person. Hindenburg hatte ihn im November 1918 bei den Waffenstillstandsverhandlungen vorgeschickt, um vom vollständigen Versagen der militärischen Führung abzulenken. Erzberger übernahm in dieser Stunde politische Verantwortung und unterzeichnete das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, um die Besetzung und Spaltung Deutschlands zu verhindern. Nach seiner Unterschrift wurde er von den Gegnern der Weimarer Demokratie zum Sündenbock für die deutsche Niederlage abgestempelt und sah sich einer massiven Schmähkampagne ausgesetzt. Was als Rufmord angefangen hatte, wurde 1921 zum Mord.

Mit der Gründung der politischen Stiftungen hat man in der Bundesrepublik Deutschland die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Demokratie gezogen. In der Weimarer Republik fehlte es an engagierten Demokraten vom Schlage Matthias Erzbergers. Sie war ihren Feinden hilflos ausgeliefert. Die Ermordung Erzbergers und zahlreicher anderer, prominenter Demokraten, war nur der schlimmste Auswuchs des Verfalls der politischen Sitten in der Weimarer Republik. Am Ende nahmen diese Morde die Methoden der Nationalsozialisten vorweg.

Konrad Adenauer, Friedrich Ebert und Matthias Erzberger gehörten einer Generation an. Frau Professor Dr. Paula Lutum-Lenger, die stellvertretende Leiterin des Hauses der Geschichte Baden-Württembergs, bezeichnete Matthias Erzberger als „Stiefkind der Erinnerungskultur“. Schon zu Lebzeiten sei er sehr umstritten gewesen, an seiner Person schieden sich auch heute noch die Geister. Zwar seien bei seiner Beerdigung in seiner Heimat Biberach 30.000 Menschen seinem Sarg gefolgt. Anderenorts sei sein Tod dagegen gefeiert und mit höhnischen Nachrufen bedacht worden.

In seiner Heimatgemeinde Münsingen scheiterten bis zum heutigen Tage alle Bemühungen, ein Gymnasium nach Erzberger zu benennen. Bezeichnend sei auch die Tatsache, dass in Deutschland etwa 16 Mal mehr Straßen nach Hindenburg als nach Erzberger benannt seien.

Das Land Baden-Württemberg hat im Jahre 2004 in Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen eine Erinnerungsstätte errichtet. Eine goldene Taschenuhr ist jedoch das einzige originale persönliche Objekt, das von Erzberger erhalten geblieben ist. Das Haus der Geschichte hat das Jahr 2011 zum „Erzberger-Jahr“ ausgerufen und widmet sich in einer Reihe von Veranstaltungen einer kritischen Würdigung seines politischen Lebens. Die Folgen von Jahrzehnten des Rufmordes seien zwar nicht rückgängig zu machen. Erzberger habe den Mut aufgebracht, „die bitteren Konsequenzen aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg zu ziehen, sich für die Parlamentarisierung und eine lebensfähige Demokratie eingesetzt und dafür mit dem Leben bezahlt“.

Dr. Wolfgang Schäuble MdB, Nachfolger Erzbergers im Amt des Bundesfinanzministers, reiste aus Berlin an, wo er am selben Tage einen Saal des Ministeriums nach Erzberger benannt hatte. Schäuble zollte der Lebensleistung Erzbergers Respekt:„Die junge Demokratie verlor einen ihrer Großen, den sie bitter nötig gehabt hätte“. Obwohl Erzberger gewusst habe, dass die Kugel, die ihn umbringen würde, schon gegossen war, habe er sich mit den Worten: „Ich bin in Gottes Hand“ der Verantwortung gestellt.

Schäuble, dessen Großmutter aus Erzbergers Heimat Münsingen stammte, beschrieb den Aufstieg Erzbergers aus ärmlichen Verhältnissen. Mit unbändigem Fleiß und großem Ehrgeiz habe er sich vom Volksschullehrer und Zeitungsredakteur hochgearbeitet. Er machte sich zum Anwalt der kleinen Leute, die er mit großem persönlichem Einsatz beriet, und zog schon mit 28 Jahren als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein. Schon als äußerst umtriebiger Abgeordneter sei er bedeutend aber höchst umstritten gewesen. Akribisch habe er sich in die Akten und Protokolle eingearbeitet. Als er Missstände in der Kolonialverwaltung rücksichtslos aufdeckte, wurde Karl Helfferich, der nach diesen Enthüllungen zurücktreten musste, zu seinem Intimfeind. Das „Schandurteil“ im Prozess gegen Helfferich sei kein Ruhmesblatt für die Weimarer Justiz gewesen.

Als 1919 Gustav Bauer neuer Reichskanzler wurde und Erzberger gerne Verkehrsminister geworden wäre, machten ihm Bauer und Reichspräsident Ebert einen Strich durch die Rechnung, als sie ihn wegen seines Sachverstands überzeugten, das Amt des Reichsfinanzministers zu übernehmen. Erzberger erklärte sich „im Vollgefühl der bevorstehenden, undankbaren Aufgaben“ dazu bereit, auch wenn ihm bewusst war, „welch grenzenlose Hetze namentlich aus besitzenden Kreisen sich gegen mich als neuen Finanzminister erheben würde".

Die deutsche Wirtschaft lag nach dem Kriege am Boden, die Reparationen stellten eine zusätzliche enorme Belastung für die Staatsfinanzen dar. Erzberger stellte sich der Aufgabe, die Lasten der Kriegsführung gleichmäßig zu verteilen. Minister Schäuble stellte fest, dass die Finanzreform unbestritten zu Erzbergers Großtaten gehörte, ohne sie hätte die Weimarer Republik von Anfang an keine Chance gehabt. In nicht einmal sechs Monaten habe Erzberger der Nationalversammlung 16 Steuergesetze vorgelegt, für die es im Kaiserreich keinerlei Vorlagen gab. Die Reichen und Besitzenden, die auf einmal ein Vielfaches an Steuern sowie eine Kriegsgewinnabgabe zahlen mussten aber auch die Föderalisten, denen eine Finanzverwaltung in Händen des Bundes grundsätzlich suspekt war, machte er sich damit zum Feinde.

Minister Schäuble ließ nicht unerwähnt, dass auch Erzberger nicht frei von Fehlern gewesen sei. Auch er sei anfangs der grassierenden Begeisterung für den Ersten Weltkrieg und die Eroberung neuer Länder erlegen. Früher als andere habe er aber seinen Irrtum erkannt, ihn öffentlich eingestanden und habe die Konsequenzen gezogen. Anstatt sich aus der Verantwortung zu stehlen, habe er sich als Realpolitiker der Wirklichkeit gestellt und für Rechtsstaat und Demokratie gekämpft.

Eigentlich sei es beschämend, meinte Schäuble zum Schluss, dass man nach dem Kriege so lange gebraucht habe, Erzbergers Leistungen angemessen zu würdigen. Das Glück von 60 Jahren Demokratie in Frieden und Freiheit sei vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte Matthias Erzbergers gar nicht hoch genug einzuschätzen. Dennoch sei unsere Demokratie immer gefährdet. Auch heute sei es Aufgabe der Demokraten der Anfänge zu wehren: Wer politisch Andersdenkende diffamiere und zu Feinden erkläre, überschreite eine Grenze, die unweigerlich in Gewalt und Extremismus führe.

Thomas Wolf | Leiter des Bildungswerks Freiburg der Konrad-Adenauer-Stiftung

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