Veranstaltungsberichte

"Das Beste für mein Kind"

von Maja Eib

Wissensvermittlung, Leistung, Gerechtigkeit: Wie muss Bildung gestaltet werden?

Podiumsdiskussion in Suhl

In der bundesweiten Veranstaltungsreihe „Das Beste für mein Kind“ fand am 16. Juli 2014 in Kooperation mit der Volkshochschule in Suhl ein weiterer Diskussionsabend unter dem Thema „Wissensvermittlung, Leistung, Gerechtigkeit: Wie muss Bildung gestaltet werden?“ statt. Die Landesbeauftragte der KAS für Thüringen Maja Eib betonte bei der Begrüßung der über 50 Multiplikatoren aus den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Politik und Elternschaft, dass es wohl kaum ein Thema gibt, welches die Menschen so bewegt wie die Frage, auf welche Weise wir unsere Kinder für ihr Leben vorbereiten. Egal ob als zukünftige Eltern, Akademiker oder Facharbeiter - gute Bildung, verbunden mit Wertevermittlung, stellen die Weichen für das Leben.

Zum Einstieg in die Podiumsdiskussion gab jeder der Referenten einen kurzen Impuls aus seiner jeweiligen beruflichen und privaten Perspektive. Der ehemalige Thüringer Staatssekretär und Bildungsexperte Kjell Eberhardt stellte in seinem Impuls u.a. die Ergebnisse einer repräsentativen bundesweiten Umfrage vor, die vom Erfurter Institut INSA Consulere unter seiner Mitwirkung und im Auftrag der Konferenz der Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU erstellt wurde. „Ziel dieser Studie war, zu erfahren, wie die deutsche Bevölkerung über Schule denkt und welche Grundüberzeugungen sie hat. So zeigte die Studie, dass es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Ost und West mehr gibt. Die Deutschen ticken in Bildungsfragen gleich.“ So sehen fast 80 Prozent der Deutschen große Unterschiede in der Schulbildung zwischen den Ländern. Trotz einer aufgeschlossenen Haltung gegenüber dem Föderalismus (besonders bei Jüngeren), wünsche man sich aber mehr Einheitlichkeit.

So seien die Bürger in der absoluten Mehrheit der Meinung, dass das bayerische Schulsystem Spitzenreiter und Vorbild für alle Länder sein soll. Thüringen landete bei dieser Frage auf Platz vier. Aus Sicht der Deutschen sei die wichtigste Eigenschaft, über die ein Lehrer verfügen sollte, die „Freude an der Arbeit mit Kindern“. Das größte Problem sehen die Menschen im Unterrichtsausfall an deutschen Schulen. Dies bestätigte auch der Schulleiter der Paul Greifzu Regelschule Suhl Rüdiger Marx, der gleichfalls die Bitte formulierte mehr Flexibilität und Eigenverantwortung den Schulen für den Personaleinsatz zu zugestehen. Sorge bereite ihm nicht nur die Altersstruktur und z.T. die Motivation der Kollegen (im Durchschnitt sei ein Lehrer 51 Jahre alt in Thüringen). Insbesondere wenn Lehrer länger krankheitsbedingt ausfallen muss es eine schnelle, flexible und unbürokratische Möglichkeit zum Ersatz gegeben. So könnte es z.B. eine Liste mit kurzfristig abrufbaren Bewerbern im zuständigen Schulamt geben, die nicht noch einmal durch die Bürokratie des Ministeriums muss, wenn ein neuer Kollege gebraucht wird und damit wertvolle Zeit für einen sofortigen Einsatz nicht verloren gehe.

Die INSA Studie zeigte aber auch, dass zwei Drittel aller Deutschen Investitionen in Bildung wollen. Mehr als die Hälfte aller Befragten würden dafür auf Steuersenkungen oder Schuldenabbau verzichten, so Eberhardt. Eine Vorlage für Finanzminister Dr. Wolfgang Voß, der in der Diskussion betonte, dass Thüringen mit 7.800 Euro pro Schüler und Jahr mehr als jedes andere Bundesland ausgebe. „Das Geld alleine aber nicht gute Bildung ausmache zeige sich an Bayern, die mit deutlich weniger Geld erfolgreicher sind“, so Voß. Als Grundvoraussetzung, dass gute Bildung gelingen kann, sieht Minister Voß die Leistungsbereitschaft der Schüler. Freude am Lernen und Leistungshunger sind die Voraussetzungen, um im weltweiten Wettbewerb die Innovationskraft Deutschlands zu erhalten.

Dies unterstrich auch der Geschäftsführer der Merkel Sport- und Jagwaffen GmbH Suhl Olaf Sauer: „Leistungswille, Motivation, Einsatzbereitschaft, Integrationswille und Charakter seien die Eigenschaften, auf die die Wirtschaft in der Einstellung ihrer Auszubildenden und Bewerber achte. Noten seinen ein wichtiges Signal, aber nicht alleine entscheidend. Wichtig sei, so Sauer, wie Wissen angewendet wird und die Zusammenarbeit und das Einfügen in ein Team gelingt. Sauer forderte einen höheren Praxisanteil in den Schulen und hierfür eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft.

Sodann wurde in der Diskussion auch die Schularten Thema. In der Studie waren es mehr als 90 Prozent, die sind für den Erhalt des deutschen Gymnasiums aussprachen. Die Befragten mit Haupt- oder Volksschulabschluss, plädierten hierfür am deutlichsten. 82 Prozent der Befragten hält für die unterschiedlichen Schularten zugleich auch unterschiedlich ausgebildete Lehrer für notwendig. Zudem wünscht sich eine deutliche Mehrheit Ganztagsschulen mit freiwilligen Angeboten am Nachmittag (62 Prozent). Nur 20 Prozent wollen eine verpflichtende Ganztagsschule.

Als das größte aktuelle Sorgenkind wurde aber die Umsetzung der Inklusion in Thüringen thematisiert. Lehrer und Eltern sind gleichermaßen überfordert, da hier der zweite und dritte Schritt vor dem ersten gemacht wurde und die personellen Ressourcen fehlten. Eine Kinderärztin/-psychologin aus dem Publikum skizzierte zugleich die Sorgen ihrer Eltern und übte deutliche Kritik an der aktuellen Schuleingangsphase und der Abschaffung der ersten Klasse in Förderschulen. Sodann bestätigte Eberhardt mit Ergebnissen aus der Studie, dass nur 41 Prozent der Befragungsteilnehmer wissen, was Inklusion überhaupt bedeutet. Die große Mehrheit der Befragten (89 Prozent) spricht sich zudem für die Förderschulen als wichtigen Bestandteil eines ganzheitlichen Bildungssystems aus. Lediglich sechs Prozent wollen Förderschulen abschaffen. Auch die anwesenden Lehrer bestätigten die aktuelle schwierige Situation in den Schulen, da die Klassengrößen (aktueller Klassenteiler liegt bei 31) für inkludierten Unterricht nicht angemessen sind. Zudem gibt es kein ausreichend ausgebildetes bzw. geschultes Personal.

Ein wichtiger Punkt in der Diskussion war zudem die Duale Ausbildung. Anwesende Unternehmer und Selbständige forderten, dass vor allem die gute Erreichbarkeit von Berufsschulen, also keine langen Wege, Berücksichtigung finden müssen, damit nicht der kleine Ausbildungslohn davon aufgefressen wird. Zudem wurde zur Diskussion gestellt inwiefern es notwendig ist über 300 verschiedene Ausbildungsberufe/-abschlüsse zu haben. Die Übersichtlichkeit ist hier längst verloren gegangen.

Einig war das Podium mit dem Publikum darin, dass es dingend geboten sei, mehr Ruhe und Kontinuität ins Bildungssystem zu bringen. Selbstverständlich muss sich Bildung und Schule an sich verändernde Rahmenbedingungen in der Gesellschaft und technischem Fortschritt orientieren, dabei muss jedoch auch die angemessene Vorbereitung und Sorgfalt sowie die notwendige Ausstattung sichergestellt werden.

Viele Themen und Detail wie die Debatte um die Kopfnoten, das Lernen von Schreibschrift in der Grundschule, Leistungsprinzip und Notengebung an den Schulen sowie das Wiederholen von Klassenstufen wurden angesprochen. Nach zweieinhalb Stunden intensiver Diskussion dankte der Moderator Marc Hauptmann, MdB allen Diskutanten für Ihre Impulse, die auch er in seine weitere politische Arbeit mit aufnehmen wird.