Veranstaltungsberichte

„Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen“

von Daniel Braun

Meine Geschichte der deutschen Einheit

Lesung mit anschließendem Gespräch

In der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des evangelischen Ratsgymnasiums Erfurt stellte Ministerpräsident a.D. Lothar de Maizière vor 300 Gästen sein Buch „Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen“ vor. Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Thüringer Bücherfrühling statt.

Im Gespräch mit der Erfurter Landtagsabgeordneten und Thüringer Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten Marion Walsmann, welches von der Journalistin Ulrike Greim moderiert wurde, schilderte Lothar de Maiziere die Etappen seiner Politischen Arbeit zwischen 1989-1991. Lothar de Maiziere beschrieb seinen Eintritt in die CDU, um trotz Nichtmitgliedschaft in der FDJ seine Chance auf Abitur und Studium zu erhalten. Nach Karriere als Orchestermusiker und Jurastudium wurde er Rechtsanwalt und arbeitete in der Synode der Evangelischen Kirchen in der DDR mit. Marion Walsmann stellte auf Ulrike Greims Nachfrage ihren Weg in die CDU und Volkskammermitgliedschaft dar, welcher ihr sehr schnell als Weg in ein Scheinparlament deutlich wurde. Auf Berufung von Lothar de Maiziere wurde sie mit ihm gemeinsam Vertreterin der CDU am Zentralen Runden Tisch in Berlin.

Lothar de Maiziere las abwechselnd zum Gespräch mit Marion Walsmann und Ulrike Greim aus seinem Buch, wobei er sich besonders auf die Zeit der Übernahme des Parteivorsitzes der CDU, des Zentralen Runden Tisches und die 2+4 Verhandlungen konzentrierte. Dabei verdeutlichte er, dass die Reform und innerparteiliche Erneuerung der CDU Voraussetzung für den Sieg der CDU in der „Allianz für Deutschland“ mit DSU und Demokratischem Aufbruch bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 war. Die CDU hatte diesen Offenheitsprozess, der Fehlverhalten der Parteispitze um den Vorsitzenden Gerald Götting und die Rolle als Blockpartei hinterfragte, als einzige Blockpartei bis zum Wahltermin vorangetrieben, wobei er diesen konsequent vorangetrieben hätte.

Die 2+4-Verhandlungen mit den ehemaligen Siegermächten führte er nach dem Ausscheiden der SPD aus der großen Koalition in der DDR amtierender Ministerpräsident auch in Personalunion als Außenminister mit, wobei er auf die nuancenreichen diplomatischen Konflikte mit der Sowjetunion und Großbritannien einging. Der Weg in die Einheit erschien ihm als auch Marion Walsmann als einzig logische Konsequenz aus dem Anachronismus der deutschen Teilung. Darüber hinaus war die staatliche Selbständigkeit der DDR auch ökonomisch nicht mehr realistisch. In diesem Zusammenhang verwiesen Lothar de Maiziere und Marion Walsmann auf die vielen Diskussionen mit utopischen Vorstellungen von Mitgliedern des Zentralen Runden Tisches, die die DDR als ökologisch-moralisches Einod fortführen wollten. Darin begründet sieht er die minimalen Stimmenanteile dieser Gruppen bei den freien DDR-Wahlen. Außerdem war er sich immer um die organisatorische Stärke des SED-Apparates bewusst, den es auch über den Zentralen Runden Tisch zu kontrollieren galt.

Trotz der erfolgreichen Gestaltung der politischen Weichenstellungen 1989/90 blieb sein Verhältnis zu Helmut Kohl unterkühlt, was Lothar de Maiziere mit dessen Dominanz und Präsenz begründete. Sein Rückzug aus der Politik im Herbst 1991 sei einerseits seiner persönlichen Entkräftung durch die Ereignisse des vergangenen Jahres geschuldet, aber auch dem Konflikt mit Kohl und den Stasi-Vorwürfen, die jedoch bis heute nicht belegt werden konnten. Seither arbeitet er wieder als Anwalt in Berlin. Auf die Frage von Ulrike Greim, ob er die Deutsche Einheit als Erfolgsgeschichte betrachtet, erwiderte Lothar de Maiziere klar positiv, er dachte jedoch 1990, dass der Weg zur Deutschen Einheit bis Mitte der 90er Jahre gehen würde. Die Schnelligkeit des Prozesses mit allen Risiken sieht er als Beweis, dass er Gottes Beistand 1989/90 in besonderem Maße erfuhr. Bei allen wirtschaftlichen Problemen, Arbeitslosigkeit und Demografischen Wandel lebt man doch heute in einer Gesellschaft, in der seine Kinder nicht mehr lügen müssten, um über vermeintlich ideologische Verlässlichkeit einen Studienplatz oder andere Lebenschancen erhalten zu können.

Marion Walsmann unterstrich, dass erst mit der Abstreifung der SED-Diktatur demokratisch und freiheitlich Politik gestaltet werden konnte, wodurch der Wettbewerb um die besten Ideen oder Kritikäußerung an der Regierung Normalität im politischen Alltag ist.

In Kooperation mit :

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