Veranstaltungsberichte

"Wladimir Putin - Wohin steuert er Russland?"

Boris Reitschuster (Focus Moskau)

Erfurt (22. Januar 2004); Meiningen, Hildburghausen, Greiz (22. März 2004); Mühlhausen (05. Oktober 2004); Erfurt (06. Oktober 2004)

Boris Reitschuster lebt seit 1991 in Moskau. Mit 19 Jahren brach er aus dem heimatlichen Augsburg Hals über Kopf in ein Land auf, das sich noch in den Wirren des Zusammenbruchs befand. Als Auslandskorrespondent des Focus ist er seit 1999 regelmäßig in Kontakt mit den Großen und Mächtigen Russlands, gilt auch deswegen als besonderer Kenner der russischen Innenpolitik. Anfang des Jahres 2004 erschien sein ausgesprochen spannendes, journalistisch aufbereitetes Buch über den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin.

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Boris Reitschuster stellt in der Stadt- und Kreisbibliothek "Anna Seghers" Meiningen sein Buch über Wladimir Putin vor.

In seinen Vorträgen im Rahmen von Lesereisen in Thüringen griff Reitschuster einige der wesentlichen Einschätzungen und Kernthesen seines Buches auf. Eingehend befasste er sich mit der Situation und Entwicklung in diesem großen Land, welche letztlich auch Auswirkungen auf Deutschland haben werden, insbesondere vor dem Hintergrund der zumindest partiellen Abhängigkeit von Öl- und Erdgaslieferungen. Indem er seinen Vortrag durch ein Fülle von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen von seinen zahllosen Reisen durch das riesige Land, seine Regionen und Teilrepubliken anreicherte, verlieh er ihm zugleich eine besondere Authentizität und Spannung.

In kurzen und prägnanten Zügen beschrieb er Person, Charakterzüge und Denkweise Putins sowie dessen Werdegang, der ihn aus den Petersburger Hinterhöfen über eine lange KGB-Karriere, u.a. über mehrere Jahre in der DDR, schließlich als Nachfolger Jelzins in das höchste russische Staatsamt führte. Reitschuster machte deutlich, wie sich gerade der Tschetschenien-Konflikt wie ein roter Faden durch die Amtszeit Putins zieht und für ihn mittlerweile sogar zu einer Art Lebenslüge geworden ist. Die Bombenanschläge von 1999 in verschiedenen russischen Städten führten zu einer Stimmung im Lande, die letztlich Putin hochspülte und ihn sehr bald als ein positives Gegenbild zu Jelzin und dessen unübersehbaren Schwächen und Abhängigkeiten erscheinen ließ. Bis heute halten sich hartnäckig Verschwörungstheorien von einer damaligen Verwicklung des Geheimdienstes in die Anschläge von 1999. Putin gelang es damals, den Konflikt für seine Belange zu instrumentalisieren, Führungsstärke und Entschlossenheit durch sein hartes Vorgehen in der Teilrepublik zu demonstrieren und dadurch an Popularität zu gewinnen. Die anfängliche Begeisterung für Putins hartes Durchgreifen in Tschetschenien ist aber inzwischen längst in Ernüchterung und Skepsis umgeschlagen, spätestens nach dem schrecklichen Ende des Geiseldramas in Beslan. Am Beispiel der Ereignisse in Beslan machte Reitschuster, der selbst über Tage vor Ort war, deutlich, wie stark die russischen Medien inzwischen unter der Kontrolle der Kreml-Führung sind und sich in deren Desinformationspolitik einspannen lassen.

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Reitschuster diskutiert mit dem Publikum in Meiningen

Die lange Zeit breite Unterstützung für Putin und seine Politik eines starken Staates lässt sich nach Reitschusters Ansicht vor allem damit erklären, dass die Russen Demokratie und Pluralität unter Jelzin vor allem als Chaos kennen gelernt haben, unter dem der Großteil der Bevölkerung zu leiden hatte. Tatsächlich haben sich gerade Stabilität und Ordnung unter Putin deutlich verbessert. Er selbst steht aber innerhalb der russischen Geschichte im Grunde in der Tradition der Gegenreformer, die stets die Stärke des Staates propagierten und demonstrierten. Die zaghafte Demokratisierung von Staat und Gesellschaft in den 90ern, Dezentralisierungstendenzen, Öffnung nach Westen usw. scheinen unter Putins „Gegenreformation“ in weite Ferne gerückt. Mittlerweile geht der Weg eher zurück zu einem autoritären und straffen Zentralstaat, der zudem von einer wachsenden Korruption und einer zunehmenden Beschränkung der Medienfreiheit geprägt wird. Reformer wie beispielsweise auch Gorbatschow sahen die übergroße Macht des Staates dagegen stets als eine elementare Schwäche Russlands an. Starke und einflussreiche Staatsbeamte bedeuteten denn auch immer in Russland eine erhebliche Verbreitung und ein Anwachsen der Korruption, die einen fatalen Teufelskreislauf von Geben und Nehmen in der russischen Gesellschaft auslöste. Diese Korruptionserscheinungen begleiteten die Russen ihr Leben lang, wurden sogar zu einer Art „Zement“, der die Gesellschaft zusammenhielt. Sehr pointierte und fast schon zynische Kritik übte Reitschuster am aufgeblähten russischen Bürokratieapparat, der Eigenverantwortung systematisch unterdrückt und seinerseits der Korruption Vorschub leistet. Die Ideologie der neuen herrschenden Klasse im Russland unter Putin kommt – wie Reitschuster zugespitzt formulierte – letztlich einer „Potemkinschen Demokratie“, einer Fassade gleich. Deutliche Kritik übte Reitschuster in dem Zusammenhang an der verbreiteten Ausblendung der Realität in Russland durch westliche Politiker, insbesondere durch Bundeskanzler Schröder.

Auch Putin ist jedoch nicht allmächtig. Er stützt sich auf alte Kräfte - den Geheimdienst und das Militär. Keineswegs kann er sich zudem erlauben, die Interessen einflussreicher Wirtschaftskreise zu ignorieren. Diese fordern wirtschaftspolitische Lockerungen. Deswegen entschied sich der Präsident für eine Liberalisierung der Wirtschaft, ohne dass wirkliche Wirtschaftsreformen bis heute stattgefunden haben. Nachdrücklich sucht man die Kontrolle insbesondere über die wichtigen Wirtschaftszweige und Rohstoffförderungen wie Öl und Gas zu behalten. Ein zu beobachtender gewisser wirtschaftlicher Aufschwung – allerdings weitgehend nur in den Städten – beruht denn auch weitgehend auf dem Rohstoffexport und den derzeit hohen Ölpreis.

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Boris Reitschuster beim Signieren seines Buches

Im Rahmen des nachfolgenden Gesprächs mit den Zuhörern wurde eine Fülle von Fragen beleuchtet, die sich mit der wirtschaftlichen und politischen Situation in Russland, mit dem Yukos-Prozess, mit dem Grad der Rechtssicherheit in Russland, mit den Hintergründen des Geiseldramas von Beslan, aber auch mit der Person Putins und seiner Herkunft befassten. Auf entsprechende Fragen berichtete Boris Reitschuster zudem auch ganz persönlich über die Bedingungen, Probleme und Möglichkeiten seiner eigenen journalistischen Arbeit in Moskau und Russland.