Veranstaltungsberichte

Der Große Krieg: Die Welt 1914-1918

Lesung und Gespräch

Im Rahmen des Pfingst-Festivals des Schlosses Ettersburg sprach im Rahmen einer Kooperation mit dem PBF Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung der renommierte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler auf Basis seines aktuellen Buches "Der große Krieg. Die Welt 1914 – 1918" über Hintergründe und Verlauf des Ersten Weltkrieges.

Nach der Begrüßung der Gäste durch den Direktor des Schlosses Ettersburg Dr. Peter Krause begann Herfried Münkler seinen Impulsvortrag, bei dem er feststellte, dass der Begriff „1. Weltkrieg“ eine Deutsch-US-Amerikanische Dominanz in der Historiographie darstellt. Dem gegenüber verwenden Franzosen, Briten und auch Italiener den Begriff des Großen Krieges welcher auch für sein Buch Pate stand. Dabei verwies er darauf, dass die in Mittel- und Westeuropa wahrgenommene Kriegsgeschichte des Stellungskrieges im Westen nur ein Teilkrieg war, denn der Konflikt fand auch im Osteuropa, Balkan, Asien, Afrika und Nahen Osten statt. Darauf basierend analysierte er drei Teilkriege innerhalb des 1. Weltkrieges, die er erstens im Deutsch-Französischem Konflikt um die Vorherrschaft in Europa und zweitens dem Kampf um die Weltherrschaft eines sich im Abstieg befindlichen Britischen Empires mit dessen wirtschaftlichen Herausforderern Deutschland und USA, den europäischen Mächten und der aufstrebenden asiatischen Macht Japan sah. Beide Konflikte kennzeichnete er als latente, aber nicht zwingende Kriegsgründe. Diesen sah er im dritten Konfliktfeld multiethnischer und multikultureller Imperien wie Österreich-Ungarn, Russland und dem Osmanischen Reich, die durch den Nationalstaat und ergo nationalen Bewegungen herausgefordert waren und bis heute Konfliktfelder auf dem Balkan, Osteuropa und dem Nahen Osten entfalten.

Der Grund der erbitterten Kriegsführung über Jahre hinweg ist für Herfried Münkler in der nationalen Propaganda der Kriegsparteien zu suchen. Indem man terminologisch die gefallenen Soldaten zu Märtyrern nationaler und übergeordneter Ziele und Ehre erhob, waren Friedensfühler für jede Seite mit dem Risiko einer Erhebung an der Heimatfront verbunden, denen ein Frieden ohne Sieg angesichts der heroisch überzeichneten Opfer und Entbehrungen nicht hätte vermittelt werden können. Darüber hinaus waren die immensen Kriegskosten nicht mit der Kontribution der unterlegenen Partei im Falle eines Vernunftfriedens zu bezahlen.

Im sich anschließenden Gespräch mit dem FAZ-Journalisten Andreas Kilb wurden viele Aspekte der Kriegsgeschichte und Vorgänge bei den Entscheidungsträgern betrachtet. Wichtig war es Herfried Münkler dabei zu erwähnen, dass im Deutschen Reich die Diplomatie zusehends in den Hintergrund gedrängt würde, wie auch ungeschickt agiert wurde. Dies war schon beim Kriegsausbruch zu in allen Kriegsparteien zu beobachten, bei denen militärische Pläne eine Eigendynamik zum Krieg verstärkten und im weiteren Kriegsverlauf vollständig das Primat gewannen. Erschwerend kam hinzu, dass die Bündnisse der Kriegsgegner teilweise von großen Misstrauen getragen wurden, was gemeinsame Friedensgedanken aufgrund unterschiedlicher Kriegsziele noch erschwerte. Dies kulminierte in den Friedensverträgen, die Ausdruck der verschiedenen Interessen der Kriegsallianz aus USA, Frankreich und Großbritannien waren und somit den Keim neuer Konflikte in sich trugen. So wurde das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ oft durchgesetzt, jedoch z.B. für Südtiroler oder Österreicher negiert. Kriegsschuldartikel und Reparationen gegenüber Deutschland wurden als Schuldtitel und entsprechende „Rechnung“ aufgenommen.

Resümierend stellte Herfried Münkler am Ende des Gesprächs fest, dass der „Große Krieg“ Blaupause für politische Unbeholfenheit und Naivität war, die zumindest seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa in immer größeren Teilen Europas Beachtung findet und im Projekt der Europäischen Union ihren Ausdruck findet. Dies bedeutet aber auch für Deutschland wieder, dass man als im Herz von Europa liegendes Schwergewicht besondere Verantwortung trägt, dessen Kommunikation, Handlungen und Strategien schwerer wiegen als von Staaten der Peripherie. In dieser Hinsicht sei gerade in Zeiten europäischer Krisen ein Politikertypus wie Angela Merkel, der eher nüchtern und analytisch als emotional, den deutschen und europäischen Interessen sehr dienlich, denn eine Philippika des griechischen Außenministers gegenüber Deutschland besitzt nicht die gleiche Wirkung wie eine deutsche Replik, die sich ähnlicher rhetorischer Mittel bediente.