Veranstaltungsberichte

Der neue Herr im Kreml?

Russland nach der Präsidentschaftswahl

Vortrags- und Gesprächsabend in der Reihe der "Adenauer Gespräche im Lindenhof" der Konrad-Adenauer-Stiftung

Der Referent Boris Reitschuster ist seit nahezu 15 Jahren ununterbrochen in Russland und seit 1999 Korrespondent des Focus.

Die starke Affinität zur Kultur und den Menschen Russlands hält den Journalisten Boris Reitschuster jedoch nicht davon ab, auch kritisch über die Machteliten Russlands zu berichten, was nicht selten auch zu persönlichen Problemen bis zu Todesdrohungen führte.

Für diesen Einsatz wurde Boris Reitschuster kürzlich mit der Theodor-Heuss-Medaille geehrt.

Gerade der vergangene Wahlkampf, der den neuen Präsidenten Medwedew schon zu Beginn des Wahlkampfes als Sieger sah, entsprach in keiner Weise westlichen Prinzipien demokratischer Auseinandersetzung. In diesem Zusammenhang ging der Referent auf die Hintergründer der Kandidatenkür ein, die von der Mehrheit der Russen nur als Frage des Platzhalters für den nicht wiederwählbaren Präsidenten Putin betrachtet wurde. Reitschuster verdeutlichte an dieser Stelle auch die Gründe in Staatswesen und Wirtschaft, die zur großen Sympathie der Russen für Putin führte.

Allerdings stellte er auch die faktische Gleichschaltung aller Medien mit der teilweise gewaltsamen Unterdrückung der Opposition dar, die diese Sympathiewerte in erheblicher Weise unterstützen. Dabei betonte Herr Reitschuster ebenfalls, dass der Westen in seinen Augen zu sehr Respekt vor möglichen Energiesanktionen Russlands bei Kritik an dessen Führung hat, da auch Russland auf die westliche Welt als Partner angewiesen ist.

Ohnehin sieht Reitschuster die momentane Stärke proportional zum Ölpreis, der beim Sinken auch Krisen in Russland auslösen kann. Beim Ausblick auf den zukünftigen Präsidenten Medwedew und seine Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsident Putin beschrieb er deren Rhetorik im Wahlkampf, die nahezu kongruent war und schilderte den anschließenden Politikstil Putins, wobei er insbesondere vor Naivität im Westen vor Demokratieplattitüden und Stabilitätseindrücke des Systems Putin warnte. Die häufig in Einzelbeispielen humoristisch dargestellte Korruption, Geheimdienstmacht sowie auch naiv-dominante Verklärung von politischer Gewalt in Russland nutzte Reitschuster, um darauf hinzuweisen, dass diese Exempel keine Komödie sind, sondern tägliche Realität, wodurch sich ein Amüsieren darüber verbietet.

Zum Ende seines Vortrags gab Boris Reitschuster einen Ausblick über die Regierung Medwedew/Putin, wobei er neben der Befehlsempfangspräsidentschaft Medwedews auch eine Emanzipation gegenüber Putin für möglich hält, da konkurrierende Beamten- und Geheimdienstformationen auch eine Verschiebung der Machtbasis hervorrufen könnten.

Die anschließende Diskussion moderierte Evelin Groß, MdL, welche die Gesprächsreihe in Gotha traditionell begleitet. Besonders die Zukunftsszenarien und Demokratieverständnis standen hierbei im Mittelpunkt, bei deren Beantwortung Herr Reitschuster auch noch weitere Innenansichten des russischen Machtapparates darstellen konnte.