Veranstaltungsberichte

Die Seele der Dinge - Denktag der KAS 2012

Lesung und Gespräch mit Zeitzeugin Eva Pusztai

Éva Pusztai wurde in Debrecen, Ostungarn, in eine große Familie hineingeboren. In ihrem Leben spiegeln sich die Ereignisse des 20. Jahrhunderts wider. Ihr Traum, Pianistin zu werden, fand noch vor der Aufnahmeprüfung an der Musikakademie durch ihre Deportation nach Auschwitz ein jähes Ende. Von dort wurde sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland in das KZ-Außenlager Münchmühle im hessischen Allendorf verschleppt. Nach der Befreiung kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie sich in den ersten Jahren nicht mehr zurechtfinden konnte. Zur Zeit der kommunistischen Schauprozesse erklärte man sie zum »deklassierten Element« und ließ sie als Hilfsarbeiterin beim Aufbau der Stadt Sztálinváros (heute Dunaújváros) schuften. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur 1989 gründete sie eine eigene Außenhandelsfirma. Éva Pusztai lebt heute in Budapest.

Der DenkTag 2012 des Bildungswerks Erfurt, der in Kooperation mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz durchgeführt wurde, erfuhr eine überwältigende Resonanz, so dass neben dem bis auf den letzten Platz gefüllten Tagungsraum im Erinnerungsort Topf & Söhne auch eine Videoübertragung der Veranstaltung in einen Ausstellungsraum für die Veranstaltung organisiert wurde.

Oberbürgermeister Andreas Bausewein betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Erinnerungsorts Topf & Söhne für die Landeshauptstadt Erfurt, um gerade der jungen Generation in Verbindung mit lokaler Geschichte die Gräuel der NS-Diktatur vermitteln zu können. Der Thüringer Landesbeauftragte für das Zusammenleben der Generationen, Erfurter Stadtrat und langjähriger Schirmherr des DenkTages der Konrad-Adenauer-Stiftung in Thüringen stellte in seiner Begrüßung die Aktivitäten der Konrad-Adenauer-Stiftung im DenkTag-Projekt dar, welches seit über 10 Jahren gerade der jungen Generation die Möglichkeit eröffnet, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Im Anschluss führte Dr. Annegret Schüle, Leiterin des Erinnerungsorts Topf & Söhne, stellte die Zeitzeugin Eva Pusztai mit biografischen Eckdaten ihres bewegten Lebens vor, bevor 2 Mitarbeiterinnen des Erinnerungsorts Kapitel aus dem Buch Eva Pusztais lasen.

Eva Pusztai, Überlebende einer jüdischen Großfamilie, die loyal zum habsburgischen Reich und zur Republik Ungarn stand, den Friedensvertrag von Trianon verurteilte und selbstverständlich deutsch sprach, legte Zeugnis über ihr Leben ab. Ein Leben, das eigentlich 2 Leben sind wie Eva Pusztai betont, denn das Leben nach Auschwitz, kann nicht mehr an das Leben davor anknüpfen. Dies gelte für jeden Holocaust-Überlebenden. Als 1944 alle ungarischen Juden, unterstützt von den ungarischen Behörden innerhalb von 6 Wochen in die Vernichtungslager deportiert wurden, verlor Éva Pusztai schon an der Rampe in Auschwitz-Birkenau ihre Familie, die sofort zur Ermordung selektiert wurden. Es war sicher, dass wenn sie überlebte, würde sie allein sein.

Im Laufe der ständigen Selektionen im Lager begegnete sie mehrfach dem SS-Arzt Dr. Joseph Mengele, den sie als gebildet und mit kultiviertem Auftreten erlebte. Umso unfassbarer seien die Taten eines Menschen wie Mengeles zu betrachten. Ihr Überleben war möglich, da sie gemeinsam mit den 4 weiteren Mitgliedern der 5er-Zählgruppe für die Appelle im Lager zur Zwangsarbeit nach Allendorf in Deutschland gebracht wurde, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeiten musste. Diese 4 Freundinnen wurden ihre neue Familie und ihre Freundschaft hielt für das ganze Leben. Nach der Befreiung durch die Amerikaner, was sie als Glück gegenüber einer sowjetischen Befreiung empfand, ging sie zurück nach Ungarn und wollte verständlicherweise nie wieder deutschen Boden betreten noch deutsch sprechen. Erst eine Einladung nach Allendorf als ehemalige Lagerinsassin änderte ihre Sichtweise, dass Deutschland ein anderes Land geworden war. „Warum sollte ich Menschen hassen, die zur NS-Zeit noch gar nicht geboren waren?“ fragte Éva Pusztai in die Runde. Gleichwohl bleibe sie skeptisch gegenüber Deutschen und Österreichern ihres Alters, denn zu viele Deutsche haben sich schuldig gemacht, auch wenn sie schon damals feststellen konnte, dass nicht alle Deutsche vom rassistischen Hass der Nationalsozialisten besessen waren. Die junge Generation solle die Geschichte als Mahnung begreifen, wofür sie gern aus Budapest nach Deutschland kommt, um den Nachgeborenen aus der NS-Zeit zu berichten.

Die Veranstaltung beschlossen wurde von der Thüringer Ministerin und Erfurter Landtagsabgeordneten Marion Walsmann, die gemeinsam mit Michael Panse seit vielen Jahren das DenkTag-Projekt der Konrad-Adenauer-Stiftung in Erfurt als Schirmherrin begleitet.

In ihrem Schlusswort führte Marion Walsmann aus, dass gerade die rechtsextremen Gewalttaten des Terrortrios mit Thüringer Wurzeln Mahnung und Auftrag zugleich sind, weiterhin an den Holocaust zu erinnern und in der Gesellschaft wachsam zu bleiben.