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Veranstaltungsberichte

Nach der Stunde Null. Die Deutschen und ihr konservatives Erbe

Ettersburger Gespräch

Veranstaltungsbericht

Angesichts einer zunehmenden Globalisierung befinden sich Gesellschaften im Wandel, müssen Werte immer wieder neu verteidigt und ausgehandelt werden und wird gesellschaftlicher Zusammenhalt durch ein Aufreiben der politischen Mitte zwischen den Rändern bedroht. Orientierungsverlust ist die Folge. Während Populisten auf diese komplexen Problemlagen allzu einfache Lösungen formulieren, will ein zeitgemäßer Konservatismus Veränderungsprozesse für alle erträglich gestalten. Doch was heißt es heute konservativ zu sein? Darüber hat am 06.10.20 das politische Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen mit Dr. Joachim Klose und Prof. Dr. Michael Stürmer auf Schloss Ettersburger diskutiert. 

Eröffnet wurde die Veranstaltung von dem betreuenden Referenten Tillmann Bauer. Im Anschluss versuchte Klose, welcher sich intensiv mit dem Thema des Konservatismus beschäftigt hatte, eine Beschreibung des Begriffs des Konservatismus. Dabei betonte er, dass Konservatismus nicht die Sehnsucht nach vergangenen Zuständen sei, sondern dass der Konservatismus ein Verhältnis zur Wirklichkeit beschreibe. Klose versteht den Begriff des Konservatismus als Indikatorbegriff, welcher häufig dann auftauche, wenn Entwicklungen problematisch seien und eine Rückbesinnung erforderlich sei. Darauffolgend erläuterte Prof. Stürmer den historischen und ideengeschichtlichen Kontext des Konservatismus. Dabei verdeutlichte er, dass die Strömung des Konservatismus im 17. Jahrhundert in England in der Auseinandersetzung gegen den absolutistischen Machtanspruch der Monarchen der Frühmoderne entstanden sei. Später richtete sich der Konservatismus gegen revolutionäre Ideen. Der spezifisch deutsche Konservatismus wurde insbesondere durch Otto von Bismarck mitgeprägt und war später in der Weimarer Republik tief verstritten. Erst nach 1945 gelang es, den Konservatismus in dem großen Sammelbecken der CDU einzubinden. In der Schlussfolgerung beschrieb Stürmer den Konservatismus als eine Grundstimmung, welche auf friedliche Evolution hin angelegten sei und dieser Evolution politische und geistige Orientierung an bewährter, historisch gewachsener Tradition gegenüberstellen würde. Dabei seien insbesondere Gleichgewicht und Stabilität zentrale Elemente des Konservatismus. 

In der anschließenden Podiumsdiskussion hatte auch das Publikum die Möglichkeit, Fragen und Anmerkungen zu dem Thema einzubringen. Dabei wurde noch die aktuelle Rolle der Kirchen im Verhältnis zum Konservatismus angesprochen. Ebenso wurde diskutiert, ob wir nicht ein verstärktes Geschichtsbewusstsein in Deutschland beobachten könnten, welches sich insbesondere manifestieren würde an der Rekonstruktion vieler Innenstädte wie in Dresden, Potsdam oder Frankfurt.