Veranstaltungsberichte

Russland lieben, Putin kritisieren - aktuelle deutsch-russische Beziehungen

Bodensteiner Gespräch

Am 20. Februar 2017 lud das Politische Bildungsforum Thüringen gemeinsam mit der Burg Bodenstein im Rahmen des „Bodensteiner Gesprächs“ zu einer Abendveranstaltung mit dem Thema „Russland lieben, Putin kritisieren – aktuelle deutsch-russische Perspektiven“. Manfred Grund, Bundestagsabgeordneter der CDU-CSU-Fraktion, führte moderierend durch den Abend und Boris Reitschuster, Publizist aus Berlin und Russland-Experte, hielt einen Vortrag und war anschließend gemeinsam mit Manfred Grund zur Diskussion mit den Gästen bereit.

Nach einleitenden Worten Daniel Brauns, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Politischen Bildungsforums Thüringen, begrüßte auch Pfarrer Bernd Winkelmann im Namen des Freundeskreis Burg Bodenstein, die Gäste. Beide äußerten sich kurz zu der aktuellen Relevanz der Thematik des Abends und wünschten den Anwesenden eine spannende Diskussion und neue Anregungen.

Das Eingangsreferat Manfred Grunds begann mit einem Rückblick in die Vergangenheit. Als Ostdeutscher sei man heute froh, dass Gorbatschow sich damals nicht gegen die deutsche Einheit gestellt habe. Dennoch empfanden viele in der damaligen Situation Mitleid mit den in der zerfallenden Sowjetunion lebenden Menschen. Auch er habe damals mit Enthusiasmus die Rede Putins im Bundestag verfolgt, jedoch hätten die nachfolgenden politischen Entwicklungen, die damit einhergehenden Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt. Heute, viele Jahre später, lässt sich eine klare Entfremdung zwischen den Deutschen und den Russen konstatieren – woher rührt sie? Es sei wichtig, dieser Frage nachzugehen und sich in diesem Zusammenhang mehr mit dem russischen Präsidenten Putin auseinanderzusetzen.

Putinversteher – Russlandfeinde

An diesem Punkt begann Boris Reitschuster, der bereits 16 Jahre seines Lebens in Russland verbracht hat und somit fundiert auf die Thematik eingehen konnte, mit seinem Vortrag. Seiner Ansicht nach existieren im Westen nur zwei Extreme: diejenigen, die Putins Politik rechtfertigen, als Putinversteher, und jene, die seine Entscheidungen kritisieren, die Russlandfeinde. Korrekt wäre an dieser Stelle eine Einstellung in der Mitte dieser beiden Pole, wonach einerseits Russland unter realistischen Gesichtspunkten nach dem Ende der Sowjetunion nicht direkt demokratisch werden konnte, andererseits die rasante Entwicklung hin zu einer autokratischen Regierung nicht zu verleugnen sei.

Putin und sein Volk

Des Weiteren sei es naiv anzunehmen, dass jeder russische Bürger sein Staatsoberhaupt verehre. Die Unterstützung sei zweifelsohne sehr stark, jedoch scheint vor allem der Aspekt der Angst, als historisches Vermächtnis des Stalinismus im russischen Volk, Kritik an dem Präsidenten zu verhindern. Bewusst bezeichnet Reitschuster die teils noch heute angewandten Maßnahmen zur Gefügigmachung der Menschen als „Stalinerbe“. Die genaue Betrachtung der Lebensumstände der Russen zeichnet hier ein klares Bild: Ein Prozent der russischen Bevölkerung besitzt geschätzte 75 Prozent des Volksvermögens, 22,9 Millionen der Menschen leben in Armut. Um von dieser Tatsache und den damit einhergehenden inneren Problemen des Landes abzulenken ist Putin auf den Konflikt im außenpolitischen Bereich angewiesen. Sobald die Umfragewerte zur Popularität seiner Person sanken, ergaben sich neue Probleme im Ausland. Nach den Geschehnissen um und auf der Krim lag Putins Beliebtheit bei 86 Prozent.

Putins größtes Probleme und seine Ziele

Weiter argumentierte Reitschuster, dass Putins größtes Problem darin liege, in vielen Situationen Kritik und Scheitern als persönliche Niederlagen aufzufassen. Als Beispiel führte er den Zusammenbruch der DDR an, während dessen Putin sich eben dort aufhielt und den Zerfall des sowjetischen Regimes als Eingriff in seine „kleine, heile Welt“ wertete. Die Niederlage im Kalten Krieg sitzt jedoch nicht nur bei Putin, sondern auch den Russen allgemein, sehr tief.

Abschließend definierte Reitschuster drei Hauptziele von Putins Politik: die Verteidigung gegen den Westen, die Hegemonie in der Region sowie die Übernahme des bisher amerikanischen Einflusses auf Europa.

Diskussion

Der letzte Teil des Abends wurde eröffnet und es stand den Gästen aus dem Publikum frei, Fragen zu stellen oder einzelne Aussagen aus dem Vortrag zu kommentieren. Im weiteren Verlauf wurden unter anderem Nachfragen zu der Effektivität aktueller Sanktionen gegen Russland sowie einer möglichen deeskalierenden Politik durch Annäherung gestellt und diskutiert. Am Ende der Diskussionsrunde beschloss Pfarrer Winkelmann den Abend mit einer letzten Frage:

Wie sollen wir in der heutigen Zeit, auch angesichts des erneuten Aufkommens nationalistischer und rechtsextremer Gesinnungen, mit anderen Ländern und Kulturen umgehen, besonders wenn sich die politischen Entwicklungen stark von den unseren unterscheiden?

Einzelne Gäste der Veranstaltung sprachen sich hier für mehr Verständnis von beiden Seiten, mehr Aufklärung und Achtung untereinander aus. Reitschuster fügte abschließend hinzu, dass es von vornherein ein schlechter Ansatz sei, den Fehler bei anderen zu suchen und Putins Politik durchweg nur zu kritisieren. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre vor allem: Selbstkritik und konstante Reflexion über die Entwicklungen im eigenen Land.