Veranstaltungsberichte

Religion und Realismus im politischen Denken

Sommerschule an der CEU

Unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung fand an der Central European University, Budapest, vom 15. bis zum 26. Juli eine Sommeruniversität zum Thema „Religion und Realismus – Historische Perspektiven und Neueste Entwicklungen“ statt. Die organisatorische und konzeptionelle Leitung lag bei Prof. Dr. Matthias Riedl (CEU Budapest) und PD Dr. Hans-Jörg Sigwart (Darmstadt) inne.

Der Ausgangspunkt des Kurses war das gegenwärtige Wiederaufleben des Realismus in der politischen Theorie, in Amerika wie auch in Deutschland. Jüngere Bestseller, etwa das Buch des britischen Denkers John Gray „Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia“ (Titel der deutschen Übersetzung: „Politik der Apokalypse: Wie Religion die Welt in die Krise stürzt“), warfen die Frage auf, inwiefern die Renaissance des Politischen Realismus im Zusammenhang steht mit dem vielfach beobachteten Wiederaufleben religiös konnotierter Politik – von evangelikalen Bewegungen und kreationistischem Aktivismus über apokalyptische Kriegsrhetorik bis hin zur islamistisch motivierten Gewalt.

Um diese und andere Fragen zu diskutieren, luden die Veranstalter weltweit renommierte Wissenschaftler aus den USA und Europa ein, aber auch jüngere Theoretiker, die sich in der gegenwärtigen Realismus-Debatte zu Worte gemeldet haben: Alexander Astrov (CEU, Budapest), Michael A. Gillespie (Duke University), Hendrik Hansen (Andrássy Universität, Budapest), Harvey C. Mansfield (Harvard University), Allison McQueen (Stanford University), Mark Philp (Oxford University), und Matt Sleat (Sheffield University).

Der Kurs verfolgte im Wesentlichen zwei Strategien. Auf der einen Seite wurde durch eine epochenübergreifende geistesgeschichtliche Analyse gezeigt, dass es die Verbindung zwischen Religion und Realismus eine genuine Konstellation innerhalb des westlichen politischen Denkens darstellt. Dabei ist es keineswegs so, dass der Realismus immer nur auf religiöse Konflikte antworten würde; in Gegenteil, bisweilen geht der politische Realismus aus einer spezifischen religiösen Position hervor, wie etwa der Erbsündenlehre. Dies wurde an Beispielen erläutert, die von Plato über Augustinus, Martin Luther, Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes bis zu Hans Morgenthau und Bernard Williams reichten. Auf der anderen Seite wurde überlegt, welche Rolle der Realismus bei der Legitimation des modernen Staates spielen kann, inwiefern er aus sich heraus ethische Grundmaximen hervorzubringen oder wenigstens zu bestätigen vermag; oder ob eine rein realistische Politik nicht letztlich in den Relativismus führt. Beide Herangehensweisen führten immer wieder zu grundsätzlichen Fragen, die kontrovers diskutiert wurden: Geht es realistischer Politik vor allem darum, potentiell schädliche Neigungen des Menschen einzudämmen? Setzt der Realismus notwendig ein pessimistisches Menschenbild voraus? Generiert der Realismus das Bild einer von anderen Dimensionen des Menschlichen abgegrenzten autonomen Sphäre der Macht und der Politik? Sind die Anthropologie und die Konzeption des Politischen, wie sie sich im Realismus find, tatsächlich realistisch?

Die Teilnehmer an dem Kurs waren durchwegs Doktoranden und Postdoktoranden aus aller Welt, viele aus Ungarn, Deutschland und USA, andere aus Georgien, Russland, Ukraine, Slowakei, Iran und China. Sie wurden aus einer großen Zahl von Bewerbern ausgewählt, die sich für den Kurs interessiert hatten. Alle erfolgreichen Bewerber sind in Forschungsgebieten tätig, die eng mit dem Thema des Kurses verbunden sind. Der Kurs verband drei unterschiedliche Lehrformate. Erstens hielten die Dozenten Seminare ab, in denen gemeinsam zentrale Texte des politischen Realismus (und seiner Gegner) erarbeitet wurden. Zweitens wurde den Kursteilnehmern in zahlreichen Workshops die Gelegenheit gegeben, ihre eigenen Forschungsprojekte ausführlich vorzustellen und mit den eingeladenen Professoren zu diskutieren. Und drittens hielten die Gastprofessoren öffentliche Vorlesungen, zu denen neben den Teilnehmern auch viel Publikum von anderen Budapester Universitäten und aus der interessierten Öffentlichkeit erschien. Durch das große Interesse an dem Thema sowie das äußerst positive Echo der Teilnehmer sehen sich die Organisatoren ermutigt, weitere Sommerkurse zu ähnlichen Themenbereichen zu veranstalten.

Text: Dr. Matthias Riedl

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