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Energie zu wettbewerbsfähigen und krisenresistenten Preisen

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Quelle: www.macrotrends.net/1369/crude-oil-price-history-chart. Der langfristige, inflationsbereinigte Ölpreis verläuft seit Jahrzehnten in einer Zickzacklinie: Jeder Schock treibt ihn nach oben, jeder folgende Nachfrageeinbruch wieder nach unten, bis der nächste Konflikt ihn erneut hebt. Ein verlässliches Niveau, an dem sich Investitionen ausrichten ließen, entsteht so nicht, aber diese Planbarkeit braucht eine Volkswirtschaft.

Wie wenig Einfluss der Lieferantenwechsel auf die Preise hat, zeigt sich mit Blick auf die Gasversorgung. Der durch den Angriffskrieg gegen die Ukraine unvermeidbar gewordene Ausstieg aus den russischen Gaslieferungen hat Europa nicht in die Unabhängigkeit, sondern in eine neue Abhängigkeit geführt. Verflüssigtes Erdgas, das heute einen wachsenden Teil der europäischen Importe ausmacht, stammt zu einem erheblichen Teil aus den Vereinigten Staaten, und langfristige Abnahmeverpflichtungen binden den Kontinent über Jahre. Anders als das frühere Pipelinegas muss dieses Gas verflüssigt, verschifft und wieder rückverwandelt werden, was die Preise dauerhaft auf ein höheres Niveau hebt. Der Wechsel des Lieferanten hat die Abhängigkeit also nicht beseitigt, sondern lediglich verlagert und das Gas zugleich verteuert.[6]

Auch der Umstieg auf erneuerbare Energien führt nur dann zu wettbewerbsfähigen Preisen, wenn er nicht in eine neue Abhängigkeit mündet. Die Lieferketten für Batterien, Magnete und kritische Rohstoffe werden gegenwärtig von China beherrscht. Ein Stopp dieser Exporte würde binnen kurzer Zeit Produktionsausfälle in Milliardenhöhe verursachen, einen Großteil davon in Europa. Wer fossile Importe durch Technologieimporte ersetzt, ohne die Bezugsquellen zu diversifizieren, tauscht nur eine Abhängigkeit gegen eine andere aus. Der Druck wächst damit von zwei Seiten: hier die Importrisiken fossiler Energieträger, dort die verwundbare Basis der Energiewende. Europa hat zwar begonnen, gegenzusteuern, doch schon jetzt ist absehbar, dass die gesteckten Ziele kaum zeitnah erreicht werden können.[7] Die eigentliche Aufgabe ist deshalb die Verringerung der strukturellen Verwundbarkeit gegenüber dem Weltmarkt insgesamt.

Eine Energiepolitik aus christlich-demokratischer Perspektive ist drei Zielen verpflichtet: An erster Stelle steht die Bewahrung der Schöpfung, die Verpflichtung, die natürlichen Grundlagen für die kommenden Generationen zu erhalten. Daneben steht die ökonomische Vernunft, der Erhalt des Wohlstands, ohne den auch die Generationengerechtigkeit ins Leere läuft. Hinzu kommt die Versorgungssicherheit, die Gewähr, dass die Energie verfügbar, planbar und gegenüber den Risiken der Weltmärkte resilient ist, weil ohne sie weder Klimaschutz noch Wohlstand gewährleistet werden können.

Dieser Dreiklang ist eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung, die immer auch an gegenwartspolitische Gegebenheiten angepasst werden muss. Die Versuchung, Kohle als Energieträger länger zu nutzen und die Energiewende insgesamt zu verlangsamen, ist gegenwärtig wenig zielführend. Eine Verlangsamung der Energiewende ist populär, weil sie kurzfristig billiger erscheint, doch sie verstärkt die Risiken der Importabhängigkeit und liefert die Energiepreise damit weiter jenen geopolitischen Schocks aus, gegen die sie eigentlich schützen soll. Zudem untergräbt jede Kehrtwende die Verlässlichkeit, auf die Investitionen in erneuerbare Energien, Netze und Speicher angewiesen sind, und verteuert die Wende so zusätzlich. Auch der Subventionskonservatismus und die Versuchung, der Industrie über dauerhafte Brückenstrompreise unter die Arme zu greifen, ist wenig hilfreich. Er hält die Betriebe am Tropf, ohne Strukturveränderungen auszulösen, die den Strom am Ende günstiger machen. Zudem werden die Lasten somit vom Verbraucher auf den Steuerzahler verschoben.

 

Versorgungssicherheit für ein rohstoffarmes Land

Wie umkämpft das Thema Energiewende ist, zeigt die Bandbreite der diskutierten Ansätze, die von technologieoffener Fortführung über sozial flankierten Ausbau bis zu Rückwärtsgang, Verstaatlichung oder der Abschaffung des CO2-Preises reichen. Doch so weit die Ansätze auseinanderliegen: Sie zielen auf die Gegenwart und gehen damit an der Kernfrage vorbei, wie sich ein Energiesystem gegen die Erschütterungen von morgen wappnen lässt.

Die Chance für eine tragfähige Energiewende kann nicht darin bestehen, ihre wichtigsten Ziele gegeneinander auszuspielen, und auch nicht darin, die Folgen eines überfrachteten Energiesystems mit immer neuen Subventionen zu kaschieren, sondern darin, die Marktstrukturen so umzubauen, dass die niedrigen Grenzkosten der erneuerbaren Energien endlich an der richtigen Stelle ankommen – beim Preis für Haushalte und Industrie. Eine Kilowattstunde aus Wind oder Sonne kostet in ihrer Erzeugung beinahe nichts; was sie heute teuer macht, ist ein System, das die Vorteile dieser Energiegewinnung nicht weitergibt. Zwar sind auch Speicher, Netze und Reservekapazitäten zu finanzieren, sodass die niedrigen Erzeugungskosten nicht die Vollkosten sind; doch je effizienter es organisiert ist, desto stärker schlägt der Erzeugungsvorteil am Ende auf den Preis durch. Wer diesen Mechanismus freilegt, senkt nicht allein den Preis, sondern entkoppelt ihn zugleich von den geopolitischen Risiken durch Meerengen, Pipelines und Tankern und damit von globalen Konflikten, die die Energiepreise erheblich beeinflussen.

Eine Energiewende, die so reformiert wird, dass sie wettbewerbsfähige Preise hervorbringt, bewahrt nicht nur die Schöpfung und sichert den Wohlstand – sie schafft zugleich die widerstandsfähigste Form der Versorgungssicherheit, die ein rohstoffarmes Land überhaupt erreichen kann, nämlich eine, die im eigenen Land erzeugt wird und keinem fernen Konflikt mehr ausgeliefert ist. Dass diese heimische Erzeugung übergangsweise durch gesicherte, wasserstofffähige Gaskraftwerke abgesichert werden muss, steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ist der Preis der Verlässlichkeit, ohne den die Wende nicht gelingt. Ordnungspolitik statt Dauersubvention bedeutet deshalb am Ende, Energiepreise zu schaffen, die nicht nur wettbewerbsfähig sind, sondern auch dann verlässlich bleiben, wenn die Welt um uns herum aus den Fugen gerät.

 

Christian Hübner, geboren 1981 in Neustrelitz, Leiter der Abteilung Globale Ressourcen und Nachhaltigkeit, Hauptabteilung Analyse und Beratung, Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

[1] Christoph Kost: Stromgestehungskosten erneuerbare Energien, Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE, Juli 2024, www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-stromgestehungskosten-erneuerbare-energien.html [letzter Zugriff: 03.07.2026].

[2] Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW): BDEW-Strompreisanalyse April 2026. Der durchschnittliche Haushaltsstrompreis liegt 2026 bei 37,0 Cent pro Kilowattstunde (Musterhaushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch), www.bdew.de/service/daten-und-grafiken/bdew-strompreisanalyse/ [letzter Zugriff: 07.07.2026].

[3] Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK): Aktuelle Energiewende-Politik kostet bis zu 5,4 Billionen Euro, Studie des Forschungsinstituts Frontier Economics im Auftrag der DIHK, 03.09.2025, www.dihk.de/de/newsroom/aktuelle-energiewendepolitik-kostet-bis-zu-5-4-billionen-euro-141284 [letzter Zugriff: 03.07.2026].

[4] Statistisches Bundesamt (Destatis): Gesundheitsausgaben im Jahr 2024 auf 538 Milliarden Euro gestiegen, Pressemitteilung Nr. 115, 02.04.2026, www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_115_23611.html [letzter Zugriff: 03.07.2026].

[5] Statistisches Bundesamt (Destatis): Öffentliche Bildungsausgaben im Jahr 2024 um 7 % gestiegen, Pressemitteilung Nr. 445, 11.12.2025, www.destatis. de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_445_21711.html [letzter Zugriff: 03.07.2026].

[6] Anne-Sophie Corbeau: Bridging the US-EU Trade Gap with US LNG Is More Complex than It Sounds, Center on Global Energy Policy, Columbia School of International and Public Affairs, New York 2025, www.energypolicy.columbia.edu/bridging-the-us-eu-trade-gap-with-us-lng-is-more-complex-than-it-sounds/ [letzter Zugriff: 03.07.2026].

[7] Europäischer Rechnungshof: Kritische Rohstoffe für die Energiewende: Keine solide Strategie vorhanden, Sonderbericht 04/2026, 02.02.2026, www.eca.europa.eu/de/publications/SR-2026-04 [letzter Zugriff: 03.07.2026].

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