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Die Fähigkeit, „wir“ zu sagen

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„Einziges Ziel der deutschen Wiederbewaffnung ist es, zur Erhaltung des Friedens beizutragen“, sagte er in Andernach im Januar 1956. Die Abwehrkraft der Verbündeten müsse ein zu großes Risiko für jeden Angreifer dar- stellen. „In einer solchen militärischen Stärke, die lediglich für unsere Verteidigung aus- reicht, kann niemand eine Bedrohung erblicken.“ Adenauer, der kurz zuvor seinen acht- zigsten Geburtstag begangen hatte, stand im Zenit seiner Kanzlerschaft, als er die Aufstellung westdeutscher Streitkräfte durchsetzte. Er bewies auch hier seine Führungsstärke angesichts harter Kritik, seine Unbeirrbarkeit, wo er ein Ziel vor Augen hatte. Doch nicht nur das muss uns interessieren. Ihn bewegte vor allem die Zäsur, die dieser Moment in der deutschen Geschichte herbeiführte. Es waren „neue“ Streitkräfte, nicht die alten in neuer Uniform, wie die Kritiker argwöhnten. Mit Adenauer endete die unselige Geschichte des deutschen Militarismus. Und obwohl ehemalige Wehrmachtsangehörige beim Aufbau der Bundeswehr mitwirkten, bleibt es eine Tatsache: Mit Adenauer beginnt die Tradition der Armee einer Demokratie, die sich, so sagte er es, gleichberechtigt im Bündnis „freier Völker“ weiß.

Adenauer hielt eine kurze und gewiss keine pathetische Rede. Es ist bekannt, wie sehr er den aufgeheizten Massenemotionen misstraute, für wie propagandaanfällig er die Deutschen hielt. Zu viele hatten unter Hitler mitgeschrien, mitgetan, waren in vielfältiger Weise Komplizen und Zuträger des Regimes gewesen. Jedem neuen Nationalismus galt es die nüchterne Vernunft realistischer Politik entgegenzusetzen, für die als Lehre aus der deutschen Vergangenheit die Bundesrepublik fortan stehen sollte. Das bedeutete: Westbindung, NATO-Mitgliedschaft und europäische Integration anstelle von territorialem Revanchismus oder deutscher Einheit ohne Recht und Freiheit. Die Einheit erlebte Adenauer tatsächlich nicht, aber seine Vorhersage, sie werde, wenn man standhaft im Bündnis der Demokratien bleibe, in Freiheit kommen, hat sich bewahrheitet.

 

Wachsame Bewahrung der Freiheit

Je weniger selbstverständlich in unserer Zeit die politischen Errungenschaften der Ära Adenauer werden, desto mehr Gewicht hat die Erinnerung an ihn. Zu Recht, denke ich, denn je ernster die Bewährungsprobe der Bundesrepublik, desto wichtiger Adenauers Beispiel. Manche Konstanten, von denen er sicher ausgehen konnte, wie das Wohlwollen und der Beistand der Vereinigten Staaten, sind heute gebrochen oder ungewiss. Deshalb sprechen wir vom politischen Westen inzwischen mit Fragezeichen. Doch die Gemeinschaft der freiheitlichen Demokratien, die Einheit und die Friedensordnung Europas, nicht zuletzt, Schritt für Schritt, die innere Befreiung der Deutschen von antidemokratischer Tradition nach 1949 und 1989 sind ein Erbe, das in unseren Händen liegt.

Adenauer war sicherlich ein illusionsloser Antikommunist, aber er hat auch zu den Rechtsextremisten eine unzweideutige Haltung eingenommen. Anpassungswillige unter den vormaligen Funktionären des Dritten Reiches wusste er zu integrieren, in manchen Fällen zum bitteren Schmerz der Opfer des Nationalsozialismus. Die Unverbesserlichen aber fanden in ihm einen harten Gegner. Er hatte eine so klare historische Orientierung, dass er Verfassungsfeinden der extremen Rechten, die sich gegen die Bundesrepublik stellten, dem Neonationalismus und der Verherrlichung des NS-Regimes in Gestalt der „Sozialistischen Reichspartei“ erfolgreich den Kampf ansagte.

„Die wachsame Bewahrung der Freiheit ist eine gemeinsame Aufgabe aller Staatsbürger“, mahnte Konrad Adenauer in seiner Andernacher Rede, die ich gerne wieder gelesen habe. Wenn wir in diesen Wochen an seinen 150. Geburtstag erinnern, kann uns dieser einfache Satz, der so großes Gewicht hat, die Richtung anzeigen.

 

Frank-Walter Steinmeier, geboren 1956 in Detmold, seit 2017 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Aus Anlass von 75 Jahren Bundesrepublik erschien 2024 sein Essay „Wir“ im Suhrkamp Verlag.