Der 11. Oktober 1913 war ein regnerischer, nebliger Herbsttag. Das hielt 2.000 bis 3.000 junge Frauen und Männer – genauere Zahlen fehlen – nicht davon ab, sich zu Fuß auf den Weg zum Hohen Meißner zu machen, einem 756 Meter hohen Bergmassiv im Kaufunger Wald bei Kassel. Man versammelte sich zum ersten „Freideutschen Jugendtag“. Unter den Teilnehmern befanden sich so unterschiedliche Persönlichkeiten wie der spätere Philosoph Walter Benjamin, der Kulturpolitiker Adolf Grimme, der Schriftsteller Manfred Hausmann und der Pädagoge Wilhelm Flitner. Auch prominente ältere Teilnehmer waren dabei, so der Schriftsteller und Kunsttheoretiker Ferdinand Avenarius, der Reformpädagoge Gustav Wyneken und der liberale Theologe und Politiker Friedrich Naumann, Mentor von Theodor Heuss.
Begleitet wurden die Diskussionen und Reden durch Theaterspiel, Sport, Volkslieder und Lagerfeuer. Politisch-weltanschaulich waren die meisten Teilnehmer eher im linksliberalen Spektrum zu verorten. Die deutsche Jugendbewegung umfasste vor und nach dem Ersten Weltkrieg zwar nur eine kleine Minderheit der deutschen Bevölkerung. Dennoch handelte es sich, wie Jürgen Reulecke festgestellt hat, nicht um eine „isolierte Insel“, sondern um einen in vieler Hinsicht typischen „Mikrokosmos einer sich stark wandelnden Gesellschaft“. Mit vielen Assoziationen verbunden, war die Jugendbewegung der Versuch einer Antwort auf die ungewisse Zukunft der europäischen Massengesellschaft und die drängende Frage nach Individualität und politisch-sozialer Mitgestaltung. Angesichts der ökonomischen und sozialen Dynamik sowie durch technologischen Fortschritt veränderter Arbeits- und Lebensbedingungen kamen in den 1890er-Jahren vermehrt zivilisationskritische Diskussionen auf. Die Jugendbewegung, im wilhelminischen Bürgertum entstanden, verstand sich als Reaktion auf die geistige Starrheit, die gesellschaftliche Enge und die politische Krise des Kaiserreichs. Sie nahm reformpädagogische und kulturkritische Strömungen in sich auf, die sie zu einer Art Katalysator gesamtgesellschaftlicher Widersprüche und Defizite werden ließen.
Wille zur Eigenständigkeit
Die bis heute wohl bekannteste jugendbewegte Gruppierung dieser Zeit war der „Wandervogel“, 1895 an einem Berliner Gymnasium aus der Taufe gehoben. Er griff auf das Ideal des freien Scholarentums zurück und protestierte gegen „seelenlose“ Großstadtkultur und klassischen Schulbetrieb. Das Wandern in freier Natur war sein charakteristisches Merkmal und symbolisierte die Flucht aus der industrialisierten Umwelt. Nicht weniger als die Rettung des Planeten und die Vollendung der Religiosität standen auf dem Programm einer stark emotionalisierten Generation, die mit Schillerkragen und Kniehosen angetreten war, gegen die Normen der Älteren zu rebellieren. Die Jugendbewegung war vielgestaltig, weltanschaulich heterogen und unübersichtlich. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten war der Wille zur Eigenständigkeit, der auf dem Treffen im Oktober 1913 in der berühmten „Meißner-Formel“ zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“ Man hat dies rückblickend als die Geburtsstunde eines neuen Verständnisses von Jugend sowie als Ausgangspunkt des später oft konstatierten Jugendkultes betrachtet. Die Jugendjahre wurden nicht mehr nur als ein Übergang zur persönlichen Reife verstanden, sondern als eigenständige und eigenwertige Lebensphase angesehen, die es selbstständig zu gestalten galt.
Der Erste Weltkrieg bedeutete auch für die Jugendbewegung eine wichtige Zäsur. Viele ihrer Vertreter sahen im Krieg die Möglichkeit, die alte Gesellschaft zu überwinden, zur Führungselite aufzusteigen und an gesellschaftspolitischen Prozessen zu partizipieren beziehungsweise diese selbst voranzutreiben. Im Bemühen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, erlebte die Jugendbewegung in der Weimarer Republik eine zweite Blütezeit in Gestalt der bündischen Jugend.
Bündische Jugend
Auch sie war eine heterogene Erscheinung. Kurz nach dem Ende des Krieges entstanden zahlreiche, sehr unterschiedlich orientierte Bünde, die Elemente der früheren Jugendbewegung aufnahmen: Zivilisationskritik und Naturverbundenheit, „Auf-Fahrt-Gehen“, Formulierung und Praktizierung eigener Lebensziele und Lebensformen, Selbstverantwortung ohne zu viel Abhängigkeit von Erwachsenen. Gemeinsam war auch die Abgrenzung gegenüber der Jugendpflege und -fürsorge durch staatliche oder kirchliche Institutionen, wo junge Menschen weniger Subjekte denn Objekte des Handelns waren. Solche jugendpflegerischen Überlegungen standen im Mittelpunkt der Diskussionen um das 1922 verabschiedete Reichsjugendwohlfahrtsgesetz. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern waren die Bünde stärker durchorganisiert, hierarchisch strukturiert und pflegten das Idealbild des charismatischen Führers, der eine treue, sich freiwillig unterordnende Gefolgschaft um sich scharte. Einige lösten sich von der alleinigen Fixierung auf die Jugend und propagierten das Ideal eines die Generationen umspannenden „Lebensbundes“. Neben konservativ-national beziehungsweise nationalistisch ausgerichteten Bünden wie dem „Jungnationalen Bund“, den „Adlern“ und „Falken“, der vor allem der Verbreitung des „Wehrgedankens“ verschriebenen „Schilljugend“ oder den „Artamanen“, die sich der Pflege des Erbes der „deutschen Bauernkultur“ verpflichteten, entstand 1926 mit der „Deutschen Freischar“ ein eher liberal ausgerichteter, um weltanschauliche Offenheit bemühter Bund, der einen exzessiven Nationalismus ablehnte.
Nicht in der Masse aufgehen
Auch im kirchlichen Bereich gewannen in der Zwischenkriegszeit die Bünde zunehmend an Bedeutung. Der katholische „Bund Neudeutschland“ (ND), 1919 gegründet, adaptierte Methoden und Umgangsformen der Jugendbewegung, betonte aber zugleich die Begrenzung der Freiheit durch die von Gott gewollte Autorität der Eltern und der Kirche. Im „Hirschberg-Programm“ von 1923 verpflichtete er seine Mitglieder zu einer „neuen Lebensgestaltung in Christus“. Der ND bildete eine Art geistige und politische Führungsschicht innerhalb der katholischen Jugend, was sich nicht zuletzt darin niederschlug, dass später unter den jüngeren CDU-Politikern in Führungspositionen zahlreiche „Neudeutsche“ zu finden waren. Ein weiteres interessantes Beispiel ist der „Graue Orden“, der sich vor allem aus Mitgliedern des ND und des ebenfalls katholischen „Quickborn“ gebildet hatte. Das verbindende Element dieser sich durchaus als Angehörige einer Elite betrachtenden jungen Männer war das Bestreben, sich ein Anders-Sein zu bewahren und nicht in der Masse aufzugehen. Man praktizierte – dem Vorbild des Kreises um den Dichter Stefan George nacheifernd – die Kleinschreibung, gab sich „Fahrtennamen“ und betonte die Einzigartigkeit des Individuums. Das ehemalige Mitglied von ND und „Grauem Orden“ Josef Rommerskirchen, nach 1945 Gründungsvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend und des Bundesjugendrings, später verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, schrieb rückblickend: „Wir versuchten, in der Zeit zunehmender Gleichmacherei und Gleichschaltung in Freiheit und eigener Verantwortung – ganz im Sinne der Hohen-Meißner-Formel der deutschen Jugendbewegung – unseren eigenen Stil zu leben.“ Das ist ein Beleg dafür, wie sehr die Versammlung von 1913 auf die Jugendbünde aller Couleur ausstrahlte.
Auch evangelische Bünde entstanden, so der sozial engagierte „Christdeutsche Bund“, der dezidiert antivölkische „Bund Neuwerk“ oder der „Bund deutscher Jugendvereine“, der als sein Ziel propagierte, „in alle Lebensgebiete hinein Menschen zu stellen, die aus dem Evangelium heraus zu handeln gewillt sind“. Die meisten Bünde legten sich eine einheitliche Kluft zu – beim „Bund Neudeutschland“ etwa grünes Hemd und kurze graue Hose.
Skepsis gegenüber der Demokratie
Zwischen bündischer Jugend und Hitlerjugend (HJ) gab es durchaus Berührungspunkte, die über Ähnlichkeiten bei Kleidung und Habitus hinausgingen. Zu nennen sind die Skepsis gegenüber der Demokratie als Herrschaft der anonymen „Masse“, die Hoffnung auf einen charismatischen „Führer“ und daraus resultierend die Reserve gegenüber der Weimarer Republik, bis hin zur offenen, feindseligen Ablehnung. In den konfessionellen Bünden und in der „Deutschen Freischar“ gab es zwar zahlreiche „Vernunftrepublikaner“, die bereit waren, sich auf den Boden der aktuellen Verhältnisse zu stellen. Auch sie waren aber kritisch gegenüber dem Parlamentarismus mit seinem „Parteiengezänk“. Mehrheitlich betrachtete man Politik als schmutziges Geschäft, von dem es sich fernzuhalten gelte. Auch die verbreitete „Gemeinschaftsideologie“ mit ihrer Gegenüberstellung von angeblich organischer „Gemeinschaft“ und lediglich zweckrationaler „Gesellschaft“ resultierte nicht selten in einer kritischen Distanz gegenüber dem parlamentarischen System und der Hinwendung zum Ideal der „Volksgemeinschaft“.
Das Verhältnis der bündischen Jugend zum NS-Staat stellt sich daher ambivalent dar. Einerseits knüpfte die Hitlerjugend an jugendkulturelle Errungenschaften der Jugendbewegung an und betonte die Eigenständigkeit gegenüber den Erwachsenen durch Übernahme des vom ND geprägten Grundsatzes „Jugend muss durch Jugend geführt werden“. In den Bünden verbreitete neuromantische, in der Regel diffuse Vorstellungen von der Wiederherstellung des abendländischen „Reiches“ schienen auf den ersten Blick kompatibel mit nationalsozialistischem Gedankengut. So fragten Angehörige der konfessionellen Bünde trotz aller weltanschaulichen Differenzen, ob es möglicherweise Hitlers historischer Auftrag sei, die Voraussetzungen für ein dann von den Christen zu vollendendes Reich zu schaffen.
Hitlerjugend gegen „bündische Umtriebe“
Auf der anderen Seite widersprachen die Betonung von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit diametral den Ansprüchen des totalitären NS-Staates und führten, auch wenn man keinen bewussten Widerstand anstrebte, zwangsläufig zu Konflikten mit HJ und Polizei, die nach der Regierungsübernahme durch Adolf Hitler verstärkt begannen, gegen sogenannte „bündische Umtriebe“ vorzugehen. Auch gab es nicht wenige Bündische, die sich dem immer stärkeren Gleichschaltungsdruck zu entziehen suchten. Zu denjenigen, die sich zum aktiven Widerstand gegen das NS-Regime entschlossen, gehörten der 1943 als Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ hingerichtete Willi Graf, der als Angehöriger des „Kreisauer Kreises“ ebenfalls der NS-Justiz zum Opfer gefallene Pater Alfred Delp, die ebenso zu den Kreisauern zählenden Horst von Einsiedel und Carl-Dietrich von Trotha und der spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier.
Nach der sogenannten „Machtergreifung“ schlossen sich einige der nichtkonfessionellen Bünde zum „Großdeutschen Bund“ zusammen in der Hoffnung, im Rahmen der entstehenden Staatsjugend die von ihnen vertretenen Lebensformen beibehalten zu können. Der Versuch scheiterte am Monopolanspruch der Hitlerjugend und ihres „Reichsjugendführers“ Baldur von Schirach. Das NS-Regime begnügte sich nicht mit einer begrenzten Zustimmung, sondern verlangte letztlich die Kapitulation. Nachdem die evangelischen Bünde bereits 1934/35 von Reichsbischof Ludwig Müller in die Staatsjugend überführt worden oder dem durch Selbstauflösung zuvorgekommen waren, folgten im Sommer 1939 die bis dahin durch die Bestimmungen des Reichskonkordats geschützten, wenn auch in ihrer Handlungsfreiheit zunehmend eingeschränkten katholischen Bünde.
Politisches Erbteil der Bundesrepublik
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es, trotz verschiedener Versuche, nicht zu einem Wiederaufblühen der Bünde. Versuche einer Rückbesinnung auf traditionelle bündische Lebensformen und Gefühlswelten sahen sich der starken Konkurrenz anderer jugendkultureller Formen und Sozialisationsangebote ausgesetzt, die zudem teilweise von den Siegermächten initiiert waren. Hinzu kam, dass – jenseits der materiellen Schwierigkeiten in der „Zusammenbruchsgesellschaft“ – für die Tätigkeit von Jugendgruppen eine förmliche Genehmigung durch die Besatzungsbehörden vonnöten war. Schließlich verhinderten die Erfahrungen der NS-Zeit und des Krieges und ihre Verarbeitung eine bruchlose Wiederanknüpfung an die Weimarer Zeit. Eine – vorübergehende – Blüte erlebten allerdings die konfessionellen Bünde, die sich an die nach außen hin scheinbar unbeschadet gebliebene Institution Kirche anlehnen konnten. Viele frühere Angehörige der bündischen Jugend entschlossen sich aber zu einem stärkeren gesellschaftlichen Engagement und zum mitgestaltenden Einsatz für den demokratisch-parlamentarischen Rechtsstaat. Für die Unionsparteien zu nennen sind hier unter anderem Persönlichkeiten wie Rainer Barzel, Hermann Ehlers, Arnold Fratzscher, Eugen Gerstenmaier, Hans Katzer, Ernst Majonica und Bernhard Vogel. Insofern gehört die Jugendbewegung der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihrem Streben nach Freiheit, Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit durchaus zum politischen Erbteil der Bundesrepublik Deutschland.
Christopher Beckmann, geboren 1966 in Essen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Zeitgeschichte, Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Jürgen Nielsen-Sikora, geboren 1973 in Köln, Leiter der Abteilung Zeitgeschichte, Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung.